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Taschen aus Kabul: Berliner Fairtrade-Shop zeigt Afghanistans schöne Seite

Gunda und Jean Amat Amoros in ihrem Laden in Kreuzberg

Gunda und Jean Amat Amoros in ihrem Laden in Kreuzberg

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berliner zeitung/Markus Wächter (2)

Alles begann im Jahr 2007 in Kabul. Zwei junge Entwicklungshelfer aus Deutschland und Frankreich, die Politologin Gunda Wiegmann und der Geograf Jean Amat Amoros, entdeckten dort die Werkstatt von Mohamad Yakub. Meister Yakub produzierte Taschen aus einheimischen Naturleder. Nach zwei Anschlägen auf Botschaften wurde die Straße, in der sich auch die Werkstatt befand, dauerhaft gesperrt. Für Yakub hieß das: keine Kunden und kein Geld.

Die beiden jungen Entwicklungshelfer hatten eine Idee: „Wir wollten Meister Yakub helfen und zugleich zeigen, dass es in Afghanistan nicht nur Krieg gibt, sondern dass dort auch Schönes produziert wird“, sagt die heute 37-Jährige. Sie und ihr damaliger Kollege Jean sind inzwischen verheiratet und leben mit ihren zwei Töchtern in Berlin. Seit 2009, seit sie aus Afghanistan zurück sind, betreiben sie einen Online-Handel mit Yakubs Taschen. Gunda Amat Amoros, die wie ihr Mann die Landessprache Dari spricht, entwarf mehrere Modelle für den europäischen Geschmack. Produziert wird in Kabul. Inzwischen gibt es um die hundert Taschenmodelle, von klein bis groß. Zwei- bis dreimal im Jahr kommen größere Lieferungen in Berlin an.

Ein eigener Laden in Kreuzberg

Das Online-Geschäft läuft gut. Zu gut, um ohne weitere Expansion auszukommen. „Bei uns in der Wohnung wurde es zu eng zwischen all den Kartons“, sagt Gunda Amat Amoros. Für Kunden, die die Taschen nicht nur im Katalog sehen, sondern sie auch mal anfassen wollten, veranstaltete das Paar einmal im Monat eine Taschenparty. Und nicht wenige der Teilnehmer wunderten sich über die Kartonstapel in allen Wohnungsecken. Auch deshalb eröffnete das Paar vor etwa vier Wochen einen Laden an der Schlesischen Straße 25 in Kreuzberg. Dort ist nicht nur viel Platz zu Stöbern, dort kann man auch in Ruhe alles in die Hand nehmen.

Der Laden heißt wie schon die Online-Plattform Gundara. Gundara ist ein Kunstwort – es ist an die buddhistisch geprägte Periode in Afghanistan angelehnt, hat zudem Ähnlichkeit mit dem Begriff Guldara, das auf Dari soviel bedeutet wie Blumental und erinnert gleichzeitig an den Vornamen der Mitgründerin Gunda. Neben dem Eingang stehen und hängen die Taschen aus Kabul. Kleine sind darunter, größere Shopper und geräumige Reisetaschen. Sie sind aus hellem Ziegen- und Schafsleder und kosten um die 80 Euro. 25 Prozent davon erhält Meister Yakub in Kabul. Das Leder kommt hauptsächlich aus der nordafghanischen Provinz Balkh. „Gegerbt wird dort auf natürliche Weise, mit Rhabarberwurzeln und Granatapfelschalen“, erklärt die 37-Jährige, die heute im Entwicklungshilfeministerium in Berlin arbeitet. Ihr Mann widmet sich inzwischen ausschließlich dem Geschäft.

Pakols aus Pakistan

In dem Laden kann man aber nicht nur Taschen aus Kabul kaufen. Es gibt dort noch weitere handwerklich gefertigte Dinge aus Ländern, die man landläufig mit Krieg, Krisen und Armut in Zusammenhang bringt. Man findet auch verschiedenfarbige Taschen aus dem westafrikanischen Burkina Faso und aus Sambia, die mit afrikanischen Perlen und anderen Ethno-Mustern verziert sind. Einige werden in einer Werkstatt von Behinderten produziert. Auch dorthin gehen 25 Prozent der Verkaufserlöse.

Es gibt auch Wolldecken aus Pakistan, die in einer Weber-Kooperative gefertigt werden und die sich in Berlin für rund 50 Euro sehr gut verkaufen, wie die Ladeninhaber sagen. Ebenso wie die derzeit trendigen Plaids oder großen Schals, die für Gundara in Nepal gefertigt werden, aus Yak-Haar und Schafwolle. Naturkosmetik aus Marokko und Tuareg-Silberschmuck aus Niger sind die neuesten Artikel im Laden.

Rund um die Schlesische Straße beginnt sich das neue Angebot so langsam herumzusprechen. Wobei es nicht ganz einfach sei, einen „normalen“ Laden in einem Szeneviertel zu etablieren, das vor allem aus Kneipen, Hostels und Bars bestehe, sagt Jean Amat Amoros. Doch vor allem die Beschäftigten der vielen umliegenden Start-Up-Unternehmen schauten bereits regelmäßig vorbei. Dass das Geschäft anders ist als die sonst üblichen Dritte-Welt-Läden, erkennt man schnell. Wer stöbern will, kriegt dazu auch schon mal einen indischen Tulsi-Tee aus „heiligem Basilikum“ und darf sich viel Zeit lassen. „Wir wollen nicht, dass bei uns aus Mitleid gekauft wird, sondern weil die Sachen, die alles Unikate sind, gefallen“, sagt Jean Amat Amaros.

Einen Trend hat er bereits ausgemacht: Wollmützen aus Pakistan, die sogenannte Pakols mit Krempen zum Herunterrollen, sind vor allem bei Hipstern im Szenekiez begehrt.