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Berliner Zeitung | Tausende beteiligen sich am Karneval der Geflüchteten in Tempelhof und Kreuzberg
20. March 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23758166
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Tausende beteiligen sich am Karneval der Geflüchteten in Tempelhof und Kreuzberg

Nur ein bisschen Karneval, dafür viel Politik – der Umzug am Sonntag.

Nur ein bisschen Karneval, dafür viel Politik – der Umzug am Sonntag.

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Akud/Lars Reimann

Bino Byansi Byakuleka betreibt seit drei Monaten einen Radiosender – die Sendungen werden von Flüchtlingen für Flüchtlinge in Berlin und Potsdam gemacht, erzählt der 36-Jährige. Byakuleka stammt aus Uganda und steht am Sonntag auf einem Lkw am Platz der Luftbrücke, er macht beim Karneval der Geflüchteten mit. Gleich hinter der Fahrerkabine ist ein provisorisches Studio mit Regiepult und Mikrofonen eingerichtet. „Wir geben den Geflüchteten ihre Stimme zurück, weil über sie, aber nicht von ihnen berichtet wird“, sagt er.

Einige tausend Menschen, die Veranstalter sprechen von 5000 Teilnehmern, sind am Sonntagmittag zum Platz der Luftbrücke gekommen. Viele Flüchtlinge etwa aus Syrien und Afghanistan haben Kostüme angezogen. Sie spielen Straßentheater, haben Performances einstudiert und singen. Von einem Wagen werden belegte Brote an Flüchtlingskinder verteilt.

Neun Wagen, sieben Theater

Aufgerufen zu dem Karneval der Geflüchteten hat das Bündnis „My Right is your Right! – Mein Recht ist dein Recht“. In dem Bündnis haben sich Initiativen und Kulturinstitutionen zusammengeschlossen, dazu zählen etwa Grips Theater, Maxim-Gorki-Theater, die Schaubühne, das Deutsche Theater und das Theater an der Parkaue sowie das Ballhaus Naunynstraße und das Jugendtheaterbüro. „Wir haben neun Wagen und sieben Theater. Wir wollen die Geschichte der Flüchtlinge zeigen. Und es ist schön, dass so viele Familien mit ihren Kindern gekommen sind“, sagt Samee Ullah vom Bündnis, er koordiniert den Karnevalsumzug. Zugleich soll laut Veranstalter ein Zeichen gegen den „Rechtsruck in Europa“ gesetzt werden.

Das Bündnis hat 200 orange Schirme mitgebracht – und verschiedene Schablonen und Sprühdosen. „Die Schirme sollen das verbindende Element sein, das sich durch den ganzen Zug zieht“, sagt Janno vom Bündnis. „Keine Grenzen“ und „Kein Rassismus“ wird zum Beispiel gefordert und in Englisch auf die Schirme gesprüht, ebenso wird das Recht auf Bildung, ein Ende der Residenzpflicht sowie die Abschaffung von Massenunterkünften für Geflüchtete verlangt.

„Wir zeigen, dass wir auch Menschen sind“

Die Schirme dienen aber nicht nur dazu, politische Botschaften zu verbreiten, sie schützen auch vor dem einsetzenden Nieselregen. Der kann die Partystimmung vor allem der jugendlichen Demonstranten nicht verderben: Als der Zug kurz nach 14 Uhr startet und zum Spreewaldplatz nach Kreuzberg zieht, wird neben und hinter den neun Musikwagen getanzt. Straßenkünstler jonglieren, andere Teilnehmer skandieren immer wieder „Refugees Welcome“.

Rami Morad lebt seit einem Jahr in Berlin. Er ist aus Damaskus in Syrien geflohen. Jetzt wohnt er am Boxhagener Platz in Friedrichshain. „Wir zeigen, dass wir auch Menschen sind“, sagt er. „Wir kommen hierher, um zu studieren, um zu arbeiten. Wir wollen ein gutes Leben.“

Radio-Moderator Byakuleka lebt seit 2010 in Deutschland, 2012 marschierte er nach der Selbsttötung eines Asylbewerbers von Würzburg nach Berlin und war auch im Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz. „Wir machen mit Freunden jetzt politisches Radio – für die Rechte der Geflüchteten, der Minderheiten, für die Rechte von Frauen, Kindern, Homosexuellen“, sagt Byakuleka. Dann setzt er seinen Kopfhörer auf und geht ans Mikro.