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Techno-Legende: "Komet Bernhard" macht jetzt auch Politik

Im Berliner Nachtleben eine feste Größe: Komet Bernhard, mit richtigem Namen Bernhard Enste.

Im Berliner Nachtleben eine feste Größe: Komet Bernhard, mit richtigem Namen Bernhard Enste.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Das Erste, was einem zu Komet Bernhard in den Sinn kommt, sind die Seifenblasen: Anfang der 2000er-Jahre flogen sie einem in Berliner Clubs zum ersten Mal entgegen, versprüht von einem Mann mit Nikolausbart, Seidenhemd und einem Plastikschaft am Gürtel. Aus dem zückte er mit geheimnisvollen Gesten sein Seifenblasenschwert, die zu Techno tanzende Menge dankte immer mit Jubel, als wären die flüchtigen Bläschen Kamellen beim Rosenmontagsumzug. Das Schauspiel wiederholte sich an den verschiedensten Orten von Clubs wie dem Kaffee Burger bis Berghain – immer häufiger begegnete man dem Tänzer mit der Seifenlauge, den zackig-ekstatischen Bewegungen und dem verschmitzten, jungenhaften Lachen.

Raus aus der Kleinstadt

Der Mann dahinter heißt Bernhard Enste, stammt aus dem Rheinland und ist Jahrgang 1948. Dass die Clubgänger um ihn herum oft mehr 30 Jahre jünger sind, hat ihn noch nie gestört. „Natürlich war ich am Anfang der absolute Exot“ erinnert er sich beim Plausch am Rande eines Open Airs, „Aber ab 3 oder 4 Uhr in der Nacht habe ich dann gemerkt, dass ich aufgenommen werde. Da war ich für die Leute dann nicht mehr der alte Opa.“

Bis 1999 lebte er in Mainz, wo er als Schreiner arbeitete und nachts gerne in Technoclubs abtauchte. Doch als sein Sohn einer Krebserkrankung erlag und seine Beziehung auseinander brach, wollte er raus aus der Kleinstadt und suchte schließlich die Herausforderung in Berlin. Auch hier schreinert er, vorzugsweise Bilderrahmen – wenn er noch dazu kommt. Denn seine Nachtleben-Prominenz nimmt ihn immer mehr in Beschlag. Party-Einladungen bekommt er viel mehr als er annehmen kann, Festivals bezahlen ihm Reise und Unterbringung, Bands nehmen ihn mit auf Tour, bitten ihn um Tanzeinlagen für ihre Musikvideos, auch für Spielfilmproduktionen wird Enste gecastet. Hinzu kommen soziale Initiativen, die er unterstützt, wie das „Alice-Projekt“, welches sich unter anderem Drogenaufklärung zum Ziel gesetzt hat und neuerdings die Partei VERA. Die 2014 gegründete Partei für Vertrauen, Ehrlichkeit, Respekt und Anstand (VERA) will bei der diesjährigen Abgeordnetenhauswahl antreten, Enste steht nun mit auf der VERA-Landesliste.

Sollte die junge Partei tatsächlich die Fünf-Prozent-Hürde überspringen will sich Enste vor allem gegen Obdachlosigkeit und für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzen, sowie für eine Senkung der Ticketpreise bei Bus und Bahn. „Im Moment bin ich aber noch in der Einarbeitungsphase und lasse mich beraten“ sagt Enste. Budget für Parteiwerbung habe man kaum, Enste hofft daher, dass er unter anderem auf Facebook viele seiner Follower mobilisieren kann.

Anfang August schließlich gab es das erste „Komet-Festival“, auf einer Freifläche an der Spree, unweit vom Bahnhof Ostkreuz. Dort prangte am Eingang ein riesiges Graffiti-Porträt von Bernhard an der S-Bahn-Brücke, es gab Postkarten und T-Shirts mit seinem markanten Konterfei. Kleine Automaten sorgten für Seifenblasen nonstop während in der prallen Sonne gefeiert wurde. Einige Hundert Leute kamen und boten ein durchaus vielfältiges Bild: Ausgewaschene Shirts treffen auf knallige Hawaii-Hemden, kaputte Stroh-Hüte auf Designer-Sonnenbrillen, schlaksige Hipster tanzen neben gebräunten Bodybuildern. Immer wieder stieg Enste zu den DJs hinters Pult, schloss die Augen und vollführte andächtige Bewegungen als wäre dies nun sein Gottesdienst.

Auf den ersten Blick mag das skurril oder gar gestellt wirken, doch es scheint bei Enste viel mehr ein ehrlicher Ausdruck von Lebensfreude zu sein. „Ich habe zum Glück nie körperlich leiden müssen, aber man hat mir mehrfach mein Leben zertrümmert.“ Enste erzählt von Schicksalsschlägen, von Gerichtsprozessen, vom Familienleben, das er aufgab. „Wenn ich die Augen schließe, ist mir das alles piepegal. Ich fühle dann all die Menschen, die ich liebe, die ich kenne, meine Familie, meine Freunde und bin mit allem eins und einverstanden. Ich drifte ab. Und ich spüre, wie gut ich in dieser Stadt aufgenommen wurde.“

Wenn Techno eine Religion ist, dann ist Komet Bernhard vielleicht so etwas wie der Guru der guten Laune. Er führt den Nachtschwärmern vor Augen, dass man auch als weißhaariger Rentner in der Szene zu Hause sein kann. In gewisser Weise wird Enste heute auch für seine Ausdauer gefeiert, als Säule in einem sich schnell verändernden Clubleben. Dass er dort allerdings kaum Altersgenossen trifft, dafür hat er seine ganz eigene Erklärung: „Meine Generation ist eher die verlorene Generation als die heutige. Viele sind abgestürzt, haben schlechte Drogen genommen, haben gedacht, dass sie mit LSD die Menschheit retten können. Die haben nicht durchgehalten. Viele haben auch nur das Geld und ihre Rente vor Augen und deswegen sind sie nicht mehr zu sehen.“ Er tanze um sein Leben, sagt Bernhard, „das ist Teil meiner Überlebensstrategie“.

Pläne hat er jedenfalls: „Ich habe noch vor, DJ zu werden. Von der Technik verstehe ich bisher überhaupt nichts, aber da habe ich viele Freunde, die mich einweisen können.“ Musikalisch könne er sich vorstellen, auch Klassik aufzugreifen. Er sei ein Fan von Gustav Mahler, erzählt Enste, auch in die Philharmonie hat man ihn schon eingeladen. „Wenn dort ein Orchester spielt, würde ich mich gerne dazu bewegen. Also nicht auf dem Stühlchen sitzen, eingeklemmt zwischen alten Leuten, sondern zu Beethoven tanzen.“


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