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Tempelhofer Feld: Ein Dorf auf dem Feld

Alles ist machbar auf dem Tempelhofer Feld: Hochbeete mit Phantasie.

Alles ist machbar auf dem Tempelhofer Feld: Hochbeete mit Phantasie.

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Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Die Tomaten sind bald reif. Im Garten von Hoca Caymaz wachsen auch Bohnen, Paprika, Salat und Zucchini. Gerade baut Caymaz an einer Sitzbank für sein Gartenhäuschen. Dabei trägt er einen schwarzen Anzug zum weißen Hemd und eine breitkrempige Mütze als Schutz vor der Sonne.

Eigentlich ist das Gartenhäuschen eher ein Unterstand, vielleicht drei Quadratmeter groß. Er ist aus Holz, hat ein Dach und an den Seiten Blumenkästen, in denen Stiefmütterchen blühen. Drinnen stehen Bänke und ein Tisch, an dem der 58-jährige Hoca Caymaz und seine Frau sitzen. Die Familie wohnt nicht weit weg, in der Neuköllner Hermannstraße. Hoca Caymaz ist Frührentner, sein Garten, gerademal zehn Quadratmeter groß, liegt auf dem Tempelhofer Feld.

Dort gibt es noch mehr Unterstände, an Holzstangen flattern Piratenflaggen oder bunte Tücher, aber auch Gardinen, Geschirrtücher oder Omas Spitzendeckchen. Erlaubt sind nur Hochbeete, da der Boden durch die jahrelange Flughafennutzung kontaminiert ist. Dafür wurden die Beete mit viel Fantasie gestaltet: In Einkaufswagen, Badewannen, Spülbecken oder Koffern wachsen Sonnenblumen, Lavendel, Kapuzinerkresse, Kürbisse oder Zucchini.

Gemeinsame Arbeit

Gerda Münnich gehört zu einer 13-köpfigen Gruppe, die sich um die Organisation des Gemeinschaftsgartens kümmert. Im Jahr 2010 hatten die 13 sich zum „Allmende Kontor“ zusammengeschlossen und die 5.000 Quadratmeter Land auf dem Tempelhofer Feld vom Landesunternehmen „Grün Berlin“ gepachtet. Im April 2011 begannen sie mit dem Bau der ersten Hochbeete. Inzwischen gibt es 300 davon. Münnich sitzt auf einem überdachten Podest inmitten all der Beete. Es ist das Zentrum des Gemeinschaftsgartens, quasi der Dorfplatz der Allmende.

„Allmende“ steht für Land, das zu einem Dorf gehört und von den Bewohnern gemeinsam bewirtschaftet wird. Während in Deutschland diese Nutzungsart so gut wie ausgestorben ist, gibt es sie noch in einigen Teilen Europas und vor allem in Entwicklungsländern. „Gerade für Einwanderer sind Gemeinschaftsgärten oft die einzige Möglichkeit zu gärtnern“, sagt Gerda Münnich. Für Kleingärten in einer Kolonie gebe es lange Wartezeiten, zudem könnten sich viele die Pacht dort nicht leisten.

Deshalb sei die Nachfrage nach einem Stückchen Land auf dem Tempelhofer Feld gerade unter Migranten groß, sagt Münnich. Zumal in ihren Heimatländern viele von ihnen in der Landwirtschaft tätig gewesen wären oder dort selbst eine Datscha oder ein Stück Land zur Selbstversorgung besessen hätten.

Auch Hoca Caymaz war Bauer, er lebte an der türkischen Schwarzmeerküste, bis er vor zwanzig Jahren nach Berlin kam. Er hat erst in Berlin als Gärtner gearbeitet, danach beim Straßenbau Pflastersteine verlegt. Dass er Letzteres kann, sieht man an einem gepflasterten Weg, der durch sein Beet führt.

Den Job beim Straßenbau musste Hoca Caymaz inzwischen wegen einer Krankheit aufgeben, er kann kaum laufen, geht am Rollator. Kälte und Nässe seien schlecht für seine Gesundheit, sagt er. Aber wann immer es möglich sei, mache er sich auf den Weg zum Tempelhofer Feld.

Seit 2011 hat er dort sein Gärtchen. Jeder, der wollte, konnte sich damals beim Team von Gerda Münnich melden, bekam einen Platz zugeteilt und konnte sein Beet nach eigenen Vorstellungen gestalten. Geregelt ist nur, dass die Hobby-Gärtner die gleiche Erde verwenden und auf Chemikalien verzichten. Inzwischen sind dort keine Beete mehr zu haben, wer eins will, muss warten, bis etwas frei wird. Die Pacht von 5.000 Euro im Jahr, die Kosten für Wasser und Erde und auch die Gartengeräte teilen sich die Gemeinschaftsgärtner. Sie müssen auch abwechselnd die großen Wassertanks befüllen.

Der Garten gehört allen und ist ansonsten für jedermann zugänglich. Zäune gibt es nicht. Und so herrscht dort ein ständiges Kommen und Gehen. Touristen schauen sich neugierig um, Jugendliche lümmeln auf einer Bank, eine Gruppe junger Leute picknickt.

Gespräche über die Zukunft

Doch ist die Zukunft des Gemeinschaftsgartens ungewiss. Der dreijährige Nutzungsvertrag endet in diesem Jahr, über eine jährliche Verlängerung gibt es Gespräche. Mittelfristig sollen auf dem jetzigen Standort Wohnungen gebaut werden. Der ursprüngliche Plan, die Beete in die Bundesgartenschau zu integrieren, ist hinfällig geworden, weil die Gartenschau 2017 in Marzahn stattfindet. Allerdings gibt es Widerstand gegen die Bauvorhaben auf dem Tempelhofer Feld. Bürgerinitiativen haben erfolgreich ein Volksbegehren für die Erhaltung des Feldes in seiner jetzigen Form vorbereitet. Lehnt das Abgeordnetenhaus das Volksbegehren ab, soll ein Volksentscheid gestartet werden.

Familie Caymaz will die Idylle nutzen, solange es geht. Hoca Caymaz hält gerade ein Schwätzchen mit einem Bekannten, der mal schnell auf dem Fahrrad vorbeigekommen ist, um ihn zu besuchen. Caymaz' Frau spielt neben den Hochbeeten mit ihrer Tochter Ball. Die Familie will jeden Tag hier sein, wenn es das Wetter und Hoca Caymaz Gesundheit zulassen. Wenigstens noch in diesem Jahr.