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Theater im Gefängnis: Aufbruch, klingt wie Ausbruch

Probenszene zu „Klassenfeind“ von Nigel Williams im Kultursaal der Jugendstrafanstalt. An Sonntagen finden hier Gottesdienste statt.

Probenszene zu „Klassenfeind“ von Nigel Williams im Kultursaal der Jugendstrafanstalt. An Sonntagen finden hier Gottesdienste statt.

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Thomas Aurin

BERLIN -

Der Knast hat Peter Atanassow gleich gepackt. „Das hermetisch Abgeschlossene, das Trostlose. Die Männer mit ihren Machismen“, sagt er. Andere würde genau das abstoßen. Ihn erinnert die Zwangsgemeinschaft im Gefängnis an seine Militärzeit bei der Nationalen Volksarmee. Nicht, dass er sich dort besonders wohlgefühlt hat. Aber geprägt habe ihn die Zeit bei der NVA schon. Und fasziniert war er. Davon, wie Menschen sich anpassen, sich verstellen können. Oder wie sie ganz anders reagieren, als man es von ihnen erwartet hat und sie von sich selbst. „Man erfährt was über sich“, sagt er. Im Knast ist es ähnlich. „Das macht was mit den Menschen, da kommt die Substanz zum Vorschein.“ Und im Theater passiere das im Grunde ja auch.

Peter Atanassow, 46, geboren in Dresden, führt seit mehr als zehn Jahren Regie im Berliner Gefängnistheater Aufbruch. Manchmal arbeitet er in der JVA Tegel, manchmal in der Jugendstrafanstalt Berlin in Plötzensee. Über 20 Stücke hat er inszeniert, darunter „Der Horatier“ von Heiner Müller, „Penthesilea und Achill“ nach Heinrich von Kleist, „Die Maschinenstürmer“ nach einem Drama von Ernst Toller. Atanassow hätte nichts dagegen, wenn auch mal jemand anderes Regie führte. Aber er hat festgestellt, dass es nicht so viele Leute gibt, die Theater machen und mit dem Apparat klarkommen können. Der Apparat, damit meint er das Gefängnis. Man müsse es als Partner begreifen, nicht als Gegner. Und man muss mit den Insassen klarkommen.

Es war der Zufall, der Peter Atanassow ins Gefängnis geführt hat. Er wollte Schauspieler werden, machte an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg seine Ausbildung. Bald nach dem Abschluss wurde er für eine Daily Soap engagiert. Nicht schlecht eigentlich, zumal auf Mallorca gedreht wurde. Aber das wurde ihm schnell langweilig. Es folgte ein Engagement am Theater in Magdeburg, und dann kam schon Aufbruch. Es wurden damals Schauspieler für eine Produktion mit Freigängern außerhalb des Knasts gesucht. Das war 2001, und seitdem hat diese abgeschlossene Welt Atanassow nicht losgelassen.

„Wissen, gerissen, beschissen“

An einem Donnerstag Anfang März steht Peter Atanassow im Kultursaal der Jugendstrafanstalt Berlin. Es ist ein Raum mit verklinkerten Wänden und schmalen Fenstern kurz unter der hohen Decke. Vergittert sind sie trotzdem. An einer Wand hängt ein Bild der Mutter Maria mit dem Jesuskind. An Sonntagen finden hier Gottesdienste statt, unter der Woche Anti-Gewalttrainings. Peter Atanassow trägt einen dunklen Pulli, schwarze Hosen, einen Dreitagebart und eine Brille mit einem kleinen goldfarbenen Metallrahmen.

Vor ihm stehen neun junge Männer in grauen Jogginghosen und weinroten T-Shirts, breitbeinig, die Arme verschränkt. Insassen heißen sie in der Sprache der Strafanstalt. Peter Atanassow nennt sie Kollegen. „Kollegen, ’nen Kreis, ’nen Kreis“, ruft er. Dann wippen sie auf den Füßen auf und ab, pendeln die Arme aus. „Bla, bla, bla“, rufen sie im Chor. „Wal, Kanal, Katastrophe.“ – „Wissen, gerissen, beschissen.“ Aufwärmübungen. Und die Jungs machen mit, auch wenn sie manchmal ein bisschen lachen müssen, weil es ihnen doch auch peinlich ist. Aber egal. Atanassow beginnt jede Probe auf diese Weise. Es ist ein guter Übergang von der Zelle zum Theater.

Sie proben für „Klassenfeind“, ein Stück des britischen Dramatikers Nigel Williams aus dem Jahr 1978, vier Mal pro Woche, jeweils vier Stunden, sieben Wochen lang. „Klassenfeind“ spielt in einer Schule. Ein paar Schüler warten auf ihren neuen Lehrer, den neuen Feind. Sie wollen ihn fertigmachen, wie schon seine Vorgänger. „Wir haben noch jeden Scheißer geschafft, den sie uns hergeschickt haben.“ Man muss an die Rütli-Schule in Neukölln denken, die 2006 einen Brandbrief an den Senat schrieb, weil die Lehrer mit den Schülern nicht mehr fertig wurden. Berlin machte aus der Problem-Schule eine Vorzeige-Schule. In Williams’ Stück läuft es anders, es kommt einfach kein Lehrer mehr, und die Jungs beschließen irgendwann, jeder selbst eine Stunde zu halten.

Die neun jungen Männer ziehen sich hoch auf die Bühne, ein großes Podest auf Metallfüßen. Sie heißen Baker, Omar, Ertu, Morad. Namen mit Migrationshintergrund. Der jüngste ist 17, der älteste ist 22. Die meisten hier sitzen wegen Gewaltverbrechen, also Raub oder Körperverletzung. Peter Atanassow hat sie nicht danach gefragt. Kaum einer hier hat einen Schulabschluss. Von Jean-Paul Sarte haben sie noch nie gehört. Aber jetzt sprechen sie einen Text aus seinem Drama „Geschlossene Gesellschaft“, mit dem Peter Atanassow Williams’ Drama ergänzt hat. „Es sind ihrer tausend, die es sagen und wieder sagen, ich bin zu nichts nütze. Aber was sind tausend? Wenn es eine Seele gäbe, eine einzige, die mit all ihren Kräften an dich glaubt. Dann wäre ich gerettet. Willst du an mich glauben?“ Es ist ein Text, der auf sie gemünzt zu sein scheint. Sie sprechen im Chor, manche legen ihre Hände auf die Brust – eine Geste der Inbrunst. Ihr Vortrag ist so leidenschaftlich, als ob sie selbst empfinden würden, dass es um sie geht. „Biografie füllt Text“ ist der Leitspruch von Aufbruch. Er stammt von Heiner Müller. Man versteht ihn jetzt.

Der Chor ist so etwas wie ein Markenzeichen dieses Theaters. Das ist den Umständen geschuldet. Im Gefängnis kann man die Schauspieler nicht zu der Probe bestellen, bei der man sie gerade braucht. Es kommen immer alle. Es soll sich aber keiner langweilen, weil er nicht dran ist. Doch der Chor entfaltet auch eine ästhetische Kraft, eine Gewalt, der man sich nicht entziehen kann. Atanassow sagt, dass er von den Chören des Regisseurs Einar Schleefs fasziniert gewesen sei, als er bei Aufbruch anfing. „Sie sprechen etwas Unbewusstes an.“

„Omar, konzentrier dich jetzt, los“

Auf der Bühne holt einer der jungen Männer eine Fläschchen Parfüm aus der Hosentasche. Alle wollen daran riechen. Wie Kinder wirken sie plötzlich, dankbar für jede Ablenkung, jeden Sinneseindruck, der nichts mit Knast zu tun hat. Einer verteilt Kaugummis. Die Konzentration ist weg. „Ihr könnt mit diesen Scheiß-Kaugummis nicht sprechen“, ruft Peter Atanassow. Ein paar schlucken sie herunter. Sie tun wenigstens so. Später merkt man, dass sie immer noch darauf herumkauen. Aber Peter Atanassow zwingt keinen, den Kaugummi auszuspucken. Es ist ein feiner Grat von Autorität und Gewährenlassen, auf dem er sich bewegt.

Im Grunde hat er in ihrer Welt keinen Status. Er hat kein dickes Auto, hat nicht genug Muskeln. Aber er kann ihnen etwas zeigen, das sie nicht kennen. Zur Premiere können sie ihre Eltern einladen, auch Freunde, Sozialarbeiter, sogar den Richter, der sie verurteilt hat. Und es werden auch Leute kommen, die einfach eine Karte gekauft haben und bereit sind, die Einlasskontrollen über sich ergehen zu lassen, die Durchsuchung. Peter Atanassow kann seinen Schauspielern Aufmerksamkeit verschaffen. Positive Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit von der Welt draußen. Drinnen im Knast ist das ein hohes Gut.

„Omar, konzentrier dich jetzt, los“, sagt Peter Atanassow. Kaugummiblasen platzen. „Yalla, yalla, yalla“, sagt Moses. Dann geht es endlich weiter. Der Chor spricht: „Unglück. Ich habe meines nicht gewollt. Es ist mir in eine Gesichtsfalte gefallen, und ich habe alles versucht, um es loszuwerden.“ Ein Text aus Jean Genets „Unter Aufsicht“. Dann ist Rauchpause.

Die Justizvollzugsbeamtin schließt die Tür des Saals auf. Jeder bekommt sein Päckchen mit Tabak ausgehändigt. Sie drehen die Zigaretten im Flur, lehnen an einem Tisch, auf den jemand das Wort Hure geschrieben hat. Der Hof ist umstanden von Flachbauten aus rotem Backstein. Dort sind ihre Zellen. Ein paar alte Bäume stehen in der Mitte der Freifläche. „Halt, wo soll’s hingehen“, ruft die Beamtin, als einer der jungen Männer sich ein paar Schritte von der Tür entfernt.

429 Haftplätze gibt es in der JSA Berlin, aber die Anstalt ist seit Jahren unterbelegt. Janina Deininger, die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Sozialpädagogischen Abteilung, führt das auf die gute Präventionsarbeit der Polizei zurück und auf die gute Konjunktur. In ihrem Büro hängen Plakate von früheren Aufbruch-Produktionen an der Wand. Ein Zeichen der Wertschätzung. „Ich merke jedes Mal, wie toll das ist, wenn sie eine positive Resonanz bekommen“, sagt Janina Deininger. „Es gibt ja sonst wenig Anerkennungspotenzial in ihrem Leben.“ Für die JSA steht der sozialpädagogische Aspekt im Vordergrund. Theater als Therapie.

Der Langeweile entfliehen

Die Insassen, die sich zu Aufbruch melden, haben andere Motive. Moses sagt, Theaterspielen sei seine Leidenschaft. „Ich fand es interessant“, sagt Ertu. Es gebe immer Leute gibt, die einfach spielen wollen, sagt Peter Atanassow. Manche hofften, dass ihnen das Engagement bei Aufbruch Punkte im Sozialplan bringt, Vergünstigungen, vorzeitige Entlassung vielleicht sogar. Und manche wollten der Langeweile entfliehen. Vielleicht auf eine Art auch dem Knast selber. Gefängnis und Theater – gegensätzlichere Institutionen sind kaum denkbar. Kein Wunder, dass sich das Gefängnistheater Aufbruch nennt. Man denkt an aufbrechen, an Ausbruch.

Peter Atanassow interessiert der sozialpädagogische Effekt seiner Arbeit nicht. Er weiß, dass sie bei ihm Disziplin lernen, den respektvollen Umgang miteinander. Aber für ihn ist das nicht das Ziel, es sind seine Produktionsmittel. Er möchte Theater machen, und das geht nicht, wenn seine Schauspieler sich ständig die Köpfe einschlagen oder ihren Text nicht lernen. Er hat Regeln, an die sie sich halten müssen. Aber es gibt auch welche, an die er sich hält. Die Knasthierarchie zum Beispiel. Ein Sozialpädagoge würde wahrscheinlich alles daran setzen, sie zu durchbrechen, sie beruht ja auf fragwürdigen Werten und Machtspielen. Atanassow hat dafür keine Zeit, er arrangiert sich damit. „Wenn einer einen hohen Status hat, dann bin ich gut beraten, ihm eine große Rolle zu geben“, sagt er.

Atanassow jagt seine Schauspieler zu Beginn der Proben durch ein Sprech-, Gesangs-, und Bewegungstraining. „In reduzierter Form das, was die Leute an der Schauspielschule kriegen.“ Und vielleicht ist es gerade das, was den Insassen gefällt, dass das Theatermachen für Atanassow keinen Hintersinn hat, wie etwa die Fußballmannschaft oder die Basketball-AG. Dort sollen sie an eine gesündere Lebenseinstellung herangeführt werden, sollen soziale Kompetenzen aufbauen und mit Misserfolgserlebnissen umgehen lernen. Bei Atanassow geht es darum, dass die Premiere gelingt.

Kurz vor acht ist die Probe zu Ende, die Insassen werden abgeholt. „Haus 2“, ruft ein Justizvollzugsbeamter. Die zwei, die gehen müssen, geben Peter Atanassow die Hand. Um acht sind alle abgeholt.