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Berliner Zeitung | Theaterprojekt „Drei Schwestern“ in Berlin : Schauspielerinnen mit Down-Syndrom
24. November 2014
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Theaterprojekt „Drei Schwestern“ in Berlin : Schauspielerinnen mit Down-Syndrom

Wie Pussy Riot, nur glücklicher: Rita Seredsuß, Nele Winkler und Juliana Götze (v. l.), die drei „Schwestern“ in der Inszenierung von Frank Krug. Rechts Nele Winklers Mutter, Angela Winkler, hinten Tammo Winkler, Neles Bruder.

Wie Pussy Riot, nur glücklicher: Rita Seredsuß, Nele Winkler und Juliana Götze (v. l.), die drei „Schwestern“ in der Inszenierung von Frank Krug. Rechts Nele Winklers Mutter, Angela Winkler, hinten Tammo Winkler, Neles Bruder.

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Paulus Ponizak

Durch lange Flure muss man gehen, viele Türen passieren, bis man endlich vor dem Probenraum steht: Kreuzberg, Prinzenstraße, vierter Stock in einem Neubau. Das Stück „Schwestern“ wird hier geprobt. Kein Ton dringt nach außen. Als man vorsichtig die Tür öffnet, schaut zunächst keiner auf. Auf der Bühne sind Juliana Götze, Nele Winkler und Rita Seredsuß gerade mitten im Training. Sie laufen in verschiedenen Tempi, vorwärts, rückwärts, seitwärts. „Hier, da sind deine Augen“, ruft der Choreograf Davide Camplani und reibt einer der drei jungen Frauen, die sich beim Rückwärtslaufen immer wieder, nach Sicherheit suchend, umdreht, kräftig den Rücken.

Vorgebeugt auf einem Stuhl sitzt Angela Winkler, die berühmte Schauspielerin und Mutter von Nele, und schaut den drei Darstellerinnen aufmerksam zu. Der Regisseur Frank Krug hantiert ruhig und besonnen an einem Tisch mit seinen Aufzeichnungen.

Es ist bereits die zweite Produktion, die Frank Krug mit Juliana Götze, Nele Winkler und Rita Seredsuß erarbeitet. Sie sind alle drei professionelle Schauspielerinnen. Schauspielerinnen mit Down-Syndrom. Auf der Bühne beginnen sie, unterschiedliche Bewegungsabläufe einzustudieren. „Eins, zwei, drei, vier“, murmeln sie, indem sie die Arme strecken, sich drehen, auf den Boden gehen. Als der Choreograf nur mit einer von ihnen probt, wiederholen die beiden anderen konzentriert und unermüdlich ihre eigenen Partien.

Textarbeit beim Mittagessen

Ausgerechnet Anton Tschechows „Drei Schwestern“ zu adaptieren, das erschien dem Regisseur Frank Krug für diese Darstellerinnen zunächst zu schwierig. Weil er den Bühnenklassiker als zu schweren Stoff empfand. Und wegen des pessimistischen Tons: Tschechow lässt die drei adligen Schwestern Olga, Mascha und Irina, die sich so sehr aus der russischen Provinz nach Moskau sehnen, am Ende ihre Träume aufgeben und resignieren. Aber dann las Krug in einem Aufsatz von Wladimir Kaminer, dass die drei Schwestern, wenn sie heute in Moskau lebten, sicher wie die Punk-Rockerinnen Pussy Riot wären. Das fand er einen guten Ansatz. Es ist das, was sie jetzt mit Juliana, Nele und Rita probieren. Die drei sind Pussy Riot mit Trisomie 21.

Die Texte zu dem Musik- und Tanztheaterstück sind durch Gespräche entstanden, die Frank Krug und Davide Camplani mit ihren drei Hauptdarstellerinnen zu Hause über die großen Tschechow-Themen geführt haben: über Liebe, Hoffnungen, Zukunftsträume. Und über ihr eigenes Leben mit Down-Syndrom. Angela Winkler ist in dem Stück, das nun am Donnerstag in den Sophiensälen Premiere hat, in der Rolle des alten Kindermädchens Anfissa dabei. Tammo Winkler, der ältere Bruder von Nele, spielt den charakterschwachen, spielsüchtigen Andrej, der die drei Schwestern um ihr Erbe bringt.

Den Typen nimmt man Tammo Winkler, der gerade etwas müde an der Wand lehnt, schleppend spricht und dunkle Ringe unter den Augen hat, sofort ab. Im wirklichen Leben kümmert er sich rührend um seine Schwester. „Nele hält mit ihrem Wesen unsere Familie zusammen“, sagt er. Angela Winkler nickt dazu energisch und erklärt, dass sie das Down-Syndrom ihrer Tochter als einen Glücksfall für die Familie erlebt. „Eine große Liebe und Achtsamkeit entsteht dadurch, dass so ein Mensch mit uns zusammen ist.“

Beim Mittagessen studieren Nele, Juliana und Rita ausführlich die Speisekarte und entscheiden sich dann für Salat. Sie haben sich, abgepackt in Tupperdosen, Obst als Nachtisch und kleine Mineralwasserflaschen mitgebracht und stellen sie mit auf den Tisch. Sicher zwanzig Mal wiederholt Nele während des Essens einen Satz, bei dem ihr die Betonung nicht recht gelingen will, und Tammo hilft korrigierend und kommentierend. „Tammo ist ein Kunst-Sssauspieler“, sagt Nele, die einen starken S-Fehler hat, über ihren Bruder, der sowohl malt als auch Theater spielt. „Ich bin die Massa, Massa mit s-c-h“, stellt sie sich selber vor.

Nele Winkler wohnt seit zwei Jahren in einer vom Verein Lebenshilfe betreuten Wohngemeinschaft. Es gibt Strecken in der Stadt, die fährt sie allein mit der Straßenbahn. Aber sie unterscheidet nicht groß zwischen sich selbst und ihren Rollen. Tatsächlich ist das die Arbeit, die sie hier alle gemeinsam leisten: die Rollen der drei in die Provinz verdammten Tschechow-Schwestern Olga, Irina und Mascha mit den Charakteren von Rita, Juliana und Nele übereinzubringen.

Nach dem Essen will Frank Krug die Mascha-Szene proben, den Text beherrschen die drei Darstellerinnen noch nicht perfekt. „Angela hilft mir und Frank den anderen“, ruft Nele. Und genauso wird es gemacht. Angela Winkler nimmt die Hände ihrer zweiunddreißig Jahre alten Tochter, die ihr nur bis zu den Schultern reicht und wie ein Mädchen wirkt, und flüstert ihr leise und zart die Worte vor: „Mascha liegt in der Badewanne. Ich sing' dort, immer. Hallihallohallo.“ Aber jetzt hat sie aufgehört zu singen. „Es ist ernst“, wispert Angela Winkler, und Neles Mascha ruft es laut: „Es ist ernst! Oh Gott, Herzanfall hab' ich gehabt. Der Kopf ist schon unter Wasser. Massa muss ssnell ins Krankenhaus.“

Es ist ihre eigene Geschichte, die Angela und Nele Winkler da spielen. Nele hat, wie viele Menschen mit Down-Syndrom, einen schweren Herzfehler. „Ohne einen Schrittmacher“, sagt Angela Winkler, „kann Nele gar nicht leben. Das ist immer die Sorge. Aber sie hat so eine irre Energie, so eine Lebenskraft und Freude, sie will so sehr.“ Nele erklärt ihre Rolle so: „Ich sag', ich habe Lust, Lust auf Leben.“ Es ist ein Satz, der auch die Mascha in Tschechows Stück begleitet.

Kaum ist man eine Weile bei den „Schwestern“-Proben mit dabei, wird man hineingezogen in eine besondere Atmosphäre, anders, als man es sonst im Theater kennt: sehr behutsam, freundlich und geprägt von unendlicher Geduld. „Wir haben manchmal das Gefühl, wir kriegen langsam selber das Syndrom“, sagen Davide Camplani und Frank Krug lachend nach einem langen, anstrengenden, aber erfüllten Tag. Mindestens zwanzig Mal, mehr als sonst, müssen sie die Dinge mit den Schauspielerinnen wiederholen. Und doch bleibt alles wach, bleibt direkt und wird mit wahrhaftigem und freudigem Einsatz gespielt. Das ist das Unwahrscheinliche an dieser Arbeit.

Während der Proben erfindet Davide Camplani mit seinen Schwestern-Tänzerinnen fantasievolle, anschauliche Geschichten zu jeder Bewegung. Mit einer Geste tanzen die drei ihre Namen. Wenn sie an der Rückwand der Bühne auf den Boden sinken, ruft er mit rauer Stimme und seinem lustigen italienischen Akzent: „Nicht so schwäärrr, ihr seid Gärtnerinnen, ihr wollt euren Namen vorsichtig in den Boden pflanzen.“ Und wenn sie etwas unbeholfen aufstehen, ruft er: „Eure Saat ist aufgegangen. Die Sonne scheint, ihr seid im Garten, und ihr wachst jetzt ganz, ganz langsam aus dem Boden heraus.“ Alles wird gemeinsam erarbeitet. Anders ist es mit diesen Schauspielerinnen gar nicht möglich. Sie fordern ihr Gegenüber dazu heraus, selbst direkt zu sein, unmittelbar, ehrlich.

Das gilt für die Theaterleute, aber auch für die Probebesucherin an diesem Nachmittag. Als man sich nach intensiven Arbeitsstunden höflich auf einen Stuhl mit etwas Abstand setzt, ruft Nele: „Komm doch zu mir.“ Und klopft auf den freien Stuhl neben sich. Sie hält einem ihr Manuskript entgegen. Ihre Textstellen sind säuberlich mit einem Filzstift markiert. „Kannst du mit mir Text lernen?“, fragt sie. Also steckt man mit ihr den Kopf zusammen und flüstert sich leise, um die anderen nicht zu stören, Sätze zu. Fantastische Sätze. „Mein Zimmer hat Sehnsucht“, sagt Neles Mascha in einer Situation, in der sie weggehen möchte. Es sind Sätze, die in den Probengesprächen gefallen sind. Aus ihnen hat Frank Krug das Stück gewebt – mit lauter kleinen Textfragmenten, die etwas von der Tschechow'schen Poesie atmen und gleichzeitig Nele, Juliana und Rita liebevoll porträtieren.

Als Kind, sagt Tammo Winkler, habe er das Down-Syndrom seiner Schwester gar nicht wirklich wahrgenommen. Sie lebten lange abgeschieden auf dem Land in den Bergen, in Spanien, Frankreich. Da, wo sich die Künstlerfamilie jeweils für ein paar Jahre niederließ. Die Kinder waren als Viererbande unterwegs, und Nele war immer dabei. Seine Mutter, sagt Tammo Winkler, habe sich sehr darum bemüht, Nele ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Als sie vor fünfzehn Jahren nach Berlin zogen, fand sie eine öffentliche Schule mit Inklusionsangebot; davon gab es damals noch nicht viele. Zum Unterricht ging es mit einem Sonderbus für Behinderte, in der Schule war jemand eigens für ihre Betreuung abgestellt. Es war alles ein Kampf, eine Riesenanstrengung. Bis Nele zum Theater RambaZamba kam. Für sie war es ein Schritt in eine neue, andere Welt.

Tränen bei Hamlet

Nele hat schon als Kind Theater gespielt. Bei den Proben ihrer Mutter war sie fast immer dabei. „Stundenlang hat sie zugeschaut“, erzählt Angela Winkler, „mit größtem Interesse.“ In der legendären „Hamlet“-Inszenierung von Peter Zadek, in der Angela Winkler den Hamlet spielte, rannte Nele beim Schlussapplaus weinend auf die Bühne. Sie dachte, ihre Mutter wäre wirklich tot. Inzwischen passiert ihr das nicht mehr. Sie weiß, dass man auf der Bühne ungefährdet sterben kann. RambaZamba, sagt Angela Winkler, das sei das größte Geschenk für ihre Tochter gewesen. Feiner sei sie geworden, durchlässiger durch die Möglichkeit, spielen zu können, eigene Geschichten zu erzählen, durch den Erfolg, den Applaus. Freier sei sie, sagt ihre Mutter. Und selbstbewusster.

Seit 1997 gehört Nele zum festen RambaZamba-Ensemble, Juliana und Rita kamen zwei Jahre später dazu. Alle neunzehn Schauspieler des Theaters haben das Down-Syndrom. Gisela Höhne, die Gründerin und Leiterin des Theaters, ist selbst Mutter eines Sohns mit Down-Syndrom: Moritz, ebenfalls ein Schauspieler, war viele Jahre der Freund von Nele. Wochentags sind Nele, Rita und Juliana von neun Uhr morgens im RambaZamba beschäftigt mit Proben und diversen Trainings, sofern sie nicht, wie jetzt bei den „Schwestern“, außer Haus arbeiten. Regelmäßig treten sie in dem in der Kulturbrauerei beheimateten Theater auf oder gehen mit den Produktionen auf Tournee. Unter anderem mit einem Stück, das sich mit pränataler Diagnostik auseinandersetzt.

Auch in der „Schwestern“-Inszenierung klingt dieses Thema an. An einer Stelle sagt die von Juliana gespielte Irina: „Die gehen doch mit uns um wie Unkraut. Sie rupfen uns aus.“ Nele erwidert in ihrer Rolle als Mascha nur: „Ach komm, hör auf. Ich geh’ was trinken.“

Es ist eine kleine Szene nur, aber sie bringt wie ein Schlag in Erinnerung, dass es werdenden Eltern heutzutage möglich ist, sich gegen ein Kind mit Down-Syndrom zu entscheiden. Über neunzig Prozent der Frauen, die bei einem vorgeburtlichen Test von der Trisomie 21 erfahren, wählen eine Abtreibung. „Ich habe die Befürchtung, dass Nele zu einer aussterbenden Menschenart gehört“, sagt ihr Bruder, Tammo Winkler. „Das ist jetzt eine ganz wichtige Zeit, noch einmal zu zeigen, was das für tolle Menschen sind, bevor sie eventuell nicht mehr da sind.“

Während der Proben fing Rita Seredsuß an besagter Unkraut-Stelle einmal unvermittelt an zu singen: „Unkraut ist schön.“ Das ging dann über in: „Sah ein Knab ein Unkraut stehen.“ Rita Seredsuß, die die Olga spielt, hat Mühe, auf Fragen zu reagieren. Was nicht heißt, dass sie die anderen nicht verstehen würde. Sie versteht und interpretiert nur auf ihre eigene Weise. Auf welche Weise, das wisse er nicht immer, erklärt der Regisseur Frank Krug. Mit Nele, Rita und Juliana zusammen zu sein, das sagen alle Beteiligten zum Schluss, das mache glücklich. Natürlich haben sie das Lied mit aufgenommen in das Stück.