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Tilidin: Run auf eine Modedroge

Ein kleines braunes Fläschchen, das ganz harmlos aussieht - es aber nicht ist: Tilidin.

Ein kleines braunes Fläschchen, das ganz harmlos aussieht - es aber nicht ist: Tilidin.

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BLZ/Gerd Engelsmann

In Berlin boomt der illegale Handel mit einer Modedroge. Der Grund: Das Medikament Tilidin ist in flüssiger Form nur noch bis Ende des Jahres legal gegen Rezept zu beziehen. Anschließend fallen die Tropfen unter das Betäubungsmittelgesetz. Apotheker sind gewarnt und prüfen die ihnen vorgelegten Rezepte gründlich. Deshalb decken die Kunden sich zurzeit schwarz mit der Droge ein.

Tilidin lässt Schmerzen nicht zu und verdrängt die Angst. Vor allem Krebspatienten hilft es. Tilidin sorgt zugleich für gute Stimmung, weshalb es auch für andere interessant ist. Jugendliche mögen die Tropfen, weil sie sie aufputschen, etwa bevor sie Läden ausrauben, einbrechen oder prügeln. Polizisten führen zahlreiche Gewaltexzesse der vergangenen Jahre auf das Rauschmittel zurück. So gilt es bis heute nicht als ausgeschlossen, dass die Schläger, die am 14. Oktober den 20-jährigen Jonny K. am Alexanderplatz töteten, unter dem Einfluss von Tilidin standen.

Ein Dealer – er nennt sich nur Achmed – berichtete der Berliner Zeitung von dem derzeitigen Run auf das Medikament. Achmed handelt bevorzugt in Neukölln und Wedding, je nach Nachfrage aber auch in Prenzlauer Berg oder Marzahn. Er verkauft Anabolika, Kokain, KO-Tropfen, Tilidin. Wer ihn anruft, dem besorgt Achmed fast alles. Auch wenn es illegal ist.

Munter, stark und aggressiv

Ein kleines braunes Fläschen Tildin kostet bei Achmed 20 Euro. Seine Kunden sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Es seien oft Leute, deren Selbstbewusstsein nicht so stark ausgeprägt sei, sagt er. Menschen, die in der Gruppe unsicher seien, sich vieles nicht zutrauten, was von ihnen erwartet werde.

„Es macht munter, stark und aggressiv. Und es versetzt in Euphorie“, bestätigt Benno Rießelmann, Leiter der forensischen Toxikologie im Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Moabit. Er muss feststellen, ob und womit ein Mensch vergiftet wurde. Außerdem muss er als Gutachter vor Gericht argumentieren, ob ein Täter zum Zeitpunkt der Tat Herr seiner Selbst war oder sich durch die Einnahme bewusstseinsverändernder Mittel nicht mehr steuern konnte. Seine Beobachtung aus Gerichtssälen in den vergangenen Jahren: „Tilidin spielt oft eine Rolle.“

Tatsächlich geht etwa der Konsum von Heroin und auch die Anzahl der Toten an einer Überdosis davon seit Jahren kontinuierlich zurück. Dagegen ist Tilidin seit zehn Jahren auf dem Vormarsch. Zwar seien auch hier die Langzeitfolgen dramatisch, sagen Fachleute, doch über Todesfolgen ist bisher nichts bekannt. Verlässliche Schätzungen über die Anzahl von Abhängigen gibt es nicht.

Ruf als Migrantendroge

Tilidin ist längst auch für Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) ein Thema. Der Integrationspolitiker beschäftigt sich mit dem Medikament wegen dessen Ruf als „Migrantendroge“. Da jungen Moslems aus religiösen Gründen Alkohol verboten ist, greifen sie auf Medikamente zurück. Das verbiete der Koran nicht, sagt Bürgermeister Buschkowsky.

Der Polizist Karlheinz Gärtner vom Abschnitt 55 in Neukölln schreibt in seinem Buch „Kampfzone Straße“: „Tilidin ist total in.“ Auf der Straße höre er, dass „man Tilidin von gewissenlosen Ärzten verschrieben bekommt oder dass einzelne Apotheker es unter dem Ladentisch für 50 Euro verkaufen.“

Zumindest der Weg über die Ärzte wird mit dem Betäubungsmittelgesetz jetzt verstellt. Endlich, sagt Forensiker Rießelmann, der dafür seit Jahren plädiert. Dass damit aber der Opioid-Missbrauchs tatsächlich eingedämmt werde, glaubt auch Rießelmann nicht: „Dann wird es andere Stoffe geben.“ Dealer Achmed ist optimistisch. „Wenn hier die Tropfen nicht mehr zu bekommen sind, besorge ich sie in Tschechien. "