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Berliner Zeitung | Tourismus: Barrierefrei durch die Berlin
26. November 2012
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Tourismus: Barrierefrei durch die Berlin

Mobil mit Behinderung - der Senat erarbeitet ein Konzept für eine barrierefreie Stadt. Davon soll der Tourismus profitieren.

Mobil mit Behinderung - der Senat erarbeitet ein Konzept für eine barrierefreie Stadt. Davon soll der Tourismus profitieren.

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Joachim Donath/BVG

Das weite, schwarze Cape reicht fast bis auf den Boden, der schwarze Dreispitz auf dem Kopf passt dazu. Die beiden Männer in ihren Umhängen – es soll eine Art Uniform sein – erinnern allerdings eher an Altberliner Nachtwächter als an Weihnachtsengel, die sie darstellen sollen. Aber darauf kommt es den Initiatoren von Senat und den Berlin-Werbern von Visit Berlin gar nicht an.

Die Weihnachtsengel sollen Ansprechpartner vor allem für die behinderten Besucher der Weihnachtsmärkte sein, sie sollen etwa beim Auffinden von Ständen helfen, auch einen Service für Gruppen sowie Dolmetscher für Gebärdensprache soll es geben, das aber nur nach Voranmeldung. Was in diesem Jahr zunächst als Pilotversuch auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt eingeführt wird, soll es dann 2013 auf den sechs großen Berliner Weihnachtsmärkten geben.

Die Kampagne Weihnachtsengel ist ein Beispiel, wie der Senat eine barrierefreie Stadt gestalten will, um Berlin auch für Menschen mit körperlichen Behinderungen, für Sehbehinderte und Gehörlose attraktiver machen. So sagte es am Montag Ephraim Gothe (SPD), der Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Berlin muss sich nicht verstecken

Dabei habe man zusammen mit Visit Berlin den Tourismus im Blick, der für die Entwicklung der Stadt eine Lokomotive sei. „National und international wollen wir Berlin als barrierefreie Stadt positionieren“, so Gothe. An einem Runden Tisch beteiligen sich bereits Verkehrsunternehmen, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband sowie mehrere Behörden und Veranstalter der Weihnachtsmärkte.

Im internationalen Vergleich braucht Berlin sich nach Einschätzung von Visit Berlin nicht zu verstecken, was den Service für Menschen mit Behinderung angeht. Die Stadt arbeitet in einem Netzwerk „Barrierefreie Stadt für alle“ europäischer Metropolen mit, in dem unter anderen Paris, Kopenhagen, Barcelona, Prag und Wien vertreten sind. „Berlin ist es sich als offene und tolerante Stadt schuldig, dass man hier auch mit einer Behinderung gut leben kann“, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer von Visit Berlin.

Deshalb erarbeitet Visit Berlin jetzt eine touristische Route durch die Stadt, die komplett barrierefrei sein soll, es darf also keinerlei Hindernisse geben. Zwar steht die genaue Route noch nicht fest. Nach Angaben von Kieker wird sie aber vom Reichstag über den Boulevard Unter den Linden und den Gendarmenmarkt zur Museumsinsel führen. Angesichts der vielen Baustellen in der historischen Innenstadt dürfte es allerdings nicht leicht fallen, eine derartige Strecke zu finden.

Infopunkt mit Weihnachtsengel

„Es gibt aber schon viele Orte wie den Reichstag, Bahnhöfe, Hotels, Museen und Gaststätten, die barrierefrei sind. Sie sinnvoll miteinander zu verknüpfen, das ist die Herausforderung“, sagt Kieker. Ziel sei es, die Route, die Mitte kommenden Jahres präsentiert werden soll, über Reiseveranstalter, Kataloge und das Internet zu vermarkten.

In die Gestaltung der Route sollen dann auch die Erfahrungen einfließen, die man jetzt auf dem Gendarmenmarkt gewinnt. Laut Helmut Russ, der den Weihnachtsmarkt seit 2003 betreibt, habe man von Beginn an auf eine behindertengerechte Gestaltung geachtet. „Auf dem Weihnachtsmarkt wird es einen Informationspunkt geben, an dem man die Weihnachtsengel findet.“ Russ hat nach eigenen Angaben genug Personal, um das Pilotprojekt durchzuführen, finanziert werde es auch durch den Eintritt von einem Euro. Zudem haben sich schon drei Freiwillige bereiterklärt, als Weihnachtsengel zu arbeiten.

Die Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin, in der sich mehr als 70 Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben, bewertet die Initiative positiv. Sie will aber aufpassen. „Wir werden Rollstuhlfahrer losschicken, um den Service zu testen“, kündigt die Vorsitzende Beate Hübner an.