24.01.2012

Transmediale: Unheimlich sind wir uns selber

Von Markus Schneider
Berlin –  

Berlins bestes Popfestival: Der Club Transmediale widmet sich den Geistern der Vergangenheit und ihrem Angriff auf die übrige Zeit.

Am Montag geht der Club Transmediale in seine 13. Runde. Über die Jahre ist der einstige Musikflügel des Medienkunstfestivals Transmediale zu einer der aufregendsten Institutionen für popaffine musikalische Avantgarden aller Art geworden – für „abenteuerliche Musik“, wie die Programmmacher selbst ihr Genre nennen.

Im Angesicht des grassierenden Retrovirus scheint das entscheidende ästhetische Abenteuer derzeit die Geisterjägerei zu sein. „Spectral“ haben die CTM-Veranstalter entsprechend das diesjährige Festival überschrieben. Das bezieht sich natürlich einerseits auf die schicke Bandbreite des Programms. Vor allem jedoch stellt der Titel – im Englischen bedeutet er vor allem „gespenstisch“ – mit dem Motiv der Heimsuchung die verbreitete Auffassung auf den Kopf, wir lebten in „vergangenheitsseligen“ Zeiten. Werden wir nicht vom Vergangenen vielmehr bedrängt? Die Archivflut des Internets verändert ja nicht nur die Menge von Information. Umfassend verfügbar und verlustfrei reproduzierbar drängt sich die Vergangenheit in die Gegenwart, schmiegt sich informationell gleichgestellt in sie hinein.

Club Transmediale

Vor-Eröffnung: Vernissage der Ausstellung „Ghosts Off the Shelf“: Fr (27. 1.), 19 Uhr, Kunstraum Kreuzberg

Eröffnung: Mo (30. 1.), 19.30 Uhr, HAU1: Eliane Radigue – „Naldjorlak“

Bis zum 5. 2. in Berghain, Gretchen, HAU, HKW, .HBC, Horst Krzbrg, Kater Holzig, Lokdock, Passionskirche

Ausführliches Programm unter: www.ctm-festival.de

„Wir stecken“, sagt Jan Rohlf, einer der Organisatoren des CTM, „sozusagen in der postmodernen Sackgasse, es geht nicht mehr weiter in einem fortschreitenden Sinn. Der riesige Berg von bereits produziertem Vergangenheitsmaterial steht als Zumutung vor uns und schafft ein Unbehagen, ein Gefühl des auch wörtlich Un-Heimlichen.“

Zu hören gibt es daher einen feinen Streifzug durch künstlerische Strategien, den rasenden Stillstand in Motiven der Verräumlichung und Dehnung, im Verrauschen, Verbiegen und Verschleiern von Zeit abzubilden. Die Strategien reichen von der postironischen Maloche im Bergbau der Geschichte, wo junge Künstler wie James Ferraro oder Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never schürfen, bis zu den offensiven Schauererzählungen in den Zeitlupen des Witchhouse-Genres, das durch Produzenten wie oOoOO vertreten ist. Als theoretischen Überbau gibt es Analysen der Müdigkeitsgesellschaft, Gedanken zum historischen Raunen urbaner Architektur und Abhandlungen zum „kapitalistischen Realismus“, in dem sich Guy Debords Spektakel als Figur eines rasenden Stillstands zuspitzt. Nicht zuletzt navigiert uns der Autor Tom McCarthy durchs Reich der Toten und der Ungeborenen, die unsere Existenz prägen, und stellt die schöne Disziplin der Nekronautik vor, deren internationaler Gesellschaft er vorsteht.

Risse, Lücken und Ritzen

Die Gegenwart entsteht hier irgendwo zwischen bunter Schutthalde und Friedhof der Vergangenheit, kein Ort friedlich wesender Nostalgie, sondern eine diffuse Landschaft, deren Unübersichtlichkeit immer auch „Risse, Lücken und Ritzen öffnet, durch die“, so Jan Rohlf, „Neues eindringen könnte“.

Ein Produzent wie James Ferraro – dessen „Far Side Virtual“ vom meinungsbildenden Magazin Wire gerade zum Album des Jahres 2011 gewählt wurde – wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Müllmann der Musikgeschichte. Weder verklärend noch düster oder melancholisch, sondern ganz ungerührt wirft Ferraro mit Sounds der abgewirtschaftesten bis nutzlosesten Art um sich, mit käsigen Achtziger-Keyboards, synthetischen Gebrauchs-Soundtracks oder Signalkürzeln von Mobilfunkanbietern. Allerdings treibt er seinen Schnipseln durch kühle, hochmoderne Schnitte und Arrangement den Retroeffekt aus. Ferraros Sounds stammen vielleicht aus einem untergegangenen Muzakkontext, aber vor allem stammen sie aus der Datenbank: vage Ablagerungen der Geschichte als Tonmaterial in neuen, abstrakt-rhythmisierten Tracks.

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