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Berliner Zeitung | Transsexualität: Im Zweifel gegen das Kind
28. May 2012
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Transsexualität: Im Zweifel gegen das Kind

Seit Anfang Mai läuft in den Kinos ein Film über ein Mädchen, das sich als Junge fühlt. Zoé Heran spielt diese Rolle in „Tomboy“.

Seit Anfang Mai läuft in den Kinos ein Film über ein Mädchen, das sich als Junge fühlt. Zoé Heran spielt diese Rolle in „Tomboy“.

Foto:

Alamode Film

Über den kleinen Platz am Rathaus Zehlendorf dröhnt an diesem sonnigen Apriltag Reggae-Musik. Etwa hundert Menschen stehen mit Transparenten und Luftballons um einen Lautsprecherwagen herum. Auch Frauen in bunten Kleidern und mit Bartansatz sind dabei.

„Hallo, Jugendamt! Ich hoffe, ihr könnt uns hören“, ruft ein Mann in ein Mikrofon. „Unser Bündnis hat sich spontan gegründet, nachdem der Fall von Alex* öffentlich geworden ist.“ Mehr als 30.000 Menschen, sagt der Sprecher, hätten sich bereits einer Internet-Petition angeschlossen, in der gegen die Zwangseinweisung des transsexuellen Kindes in die Psychiatrie protestiert wird. Beifall brandet auf.

Alex, zwölf Jahre alt, ist nicht zu sehen an diesem Tag. Das Kind würde am liebsten seine Ruhe haben. Ein Kind unter vielen sein. Ganz normal. Aber das scheint nicht mehr zu funktionieren, im Grunde hat es wohl nie so richtig funktioniert.
Auf der Geburtsurkunde des Kindes steht der Name Alexander.

In seiner Familie, in der Schule, unter Freunden wird es seit Jahren Alexandra genannt. Das Kind, das als Junge geboren wurde, will ein Mädchen sein. Ob das geht, darüber streiten seit sechs Jahren Eltern, Ämter, Kinderpsychologen und Gerichte. Alex überfordert sie alle. Man weiß so wenig über solche Kinder. Und trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden. Die sogenannten Fachleute erscheinen dabei noch hilfloser als alle anderen.

Überforderte Erwachsene

Mittlerweile ist Alex zu so einer Art Symbol geworden. Zu einem Wesen, das uns alle vor die Frage stellt, was eigentlich normal sein soll? Wäre Alex erwachsen, dann dürfte sie in dieser Frage selbst entscheiden. Als Kind ist sie den überforderten Erwachsenen ausgeliefert. Das ist das Problem.

Weil auch die Mutter nicht mehr weiter weiß, scheut sie nicht mehr die Öffentlichkeit. Es soll bekannt werden, was ihrem Kind gerade passiert. Das erste Treffen findet an einem neutralen Ort statt. In einem Haus bei Bekannten der Familie. Ein schmales, langhaariges Mädchen in verwaschenen Jeans und T-Shirt öffnet die Tür und streckt zur Begrüßung lächelnd die Hand aus. Es dauert einen Moment, bis klar wird, dass das Alex ist.

Dann kommt auch die Mutter herbei. Eine große, schlanke Frau mit Lockenmähne. Wenn die Mutter im Wohnzimmer diese ganze Geschichte erzählt, wird Alex in einem anderen Zimmer sein. Das Kind soll von dem allen so wenig wie möglich mitbekommen.

Die Mutter beginnt zu sprechen. Sie braucht etwas Zeit, um in den Redefluss einzutauchen. Wenn sie von den frühen Jahren ihres Kindes erzählt, dann spricht sie von ihrem Sohn. Später von der Tochter. Es ist, als habe die Mutter selbst den Sprung längst getan, der den meisten anderen so schwer fällt.

Keine fundierte Diagnose

„Ich hab mich bei Alex’ Geburt total über einen Jungen gefreut“, erzählt die 41-Jährige und lacht. Nur blaues Zeug habe sie für das Baby gekauft. Sie sei mit Brüdern aufgewachsen, „etwas jungenfixiert“. Als Alex zwei Jahre alt war, sei ihr aufgefallen, dass er anders spielte als andere. „Er hat seine Autos verheiratet und solche Sachen. Na gut, dachte ich, hast du eben einen Softie.“

Mit zweieinhalb habe das Kind zum ersten Mal gesagt, es sei ein Mädchen. „Ich habe das korrigiert und bin strenger geworden“, sagt die Mutter. Sie habe begonnen, Mädchenspielzeug und -kleidung zu verbieten. Mit vier habe sie Alex die Haare ganz kurz geschnitten. Damals sei Alex immer stiller geworden. Sie konsultierte eine Psychologin. Die habe ihr geraten, dem Kind zu erlauben, so zu sein, wie es möchte. „Nach einiger Zeit hatte ich wieder ein fröhliches Kind.“

Seither lebt Alex als Mädchen. Und die Mutter ist zur Expertin geworden für Transsexualität im Kindesalter. Sie hat Fachleute und Betroffenen-Initiativen kontaktiert. Sie hat sich die Lebensgeschichten von Transsexuellen angehört, kennt die kontroversen Expertendiskussionen.

„Natürlich frage ich mich, ob ich Fehler gemacht habe“, sagt sie. „Immer wieder.“ Aber bis heute gebe es keine fundierte Diagnose, keine Begutachtung von neutraler Stelle, warum dieses Kind so ist, wie es ist, und wie es in seiner weiteren Entwicklung am besten zu begleiten wäre. Darum kämpft sie seit Jahren.

Aber sie darf darüber nicht entscheiden. Für die Gesundheit des Kindes sind das Jugendamt und eine „externe Ergänzungspflegerin“ verantwortlich. Sie wurde 2007 vom Gericht eingesetzt, weil der getrennt lebende Vater, gestützt von einer ärztlichen Stellungnahme der Berliner Charité, denkt, die Mutter habe dem Kind das Mädchensein nur eingeredet. Weil sich die Eltern nicht einigen konnten, ist die Sache vor Gericht gelandet.

Und jetzt drängt die Zeit. In Kürze wird bei Alex die Pubertät einsetzen. Das Berliner Kammergericht hat es zuletzt abgelehnt, der Mutter das alleinige Entscheidungsrecht über die Gesundheit des Kindes zurückzugeben. Das Gericht hat nach Aktenlage entschieden. Die Akten, das sind mittlerweile mehr als tausend Seiten. Das Kind haben die Richter nicht gesehen oder angehört. Auch nicht die gemeinsam sorgeberechtigten Eltern.

Im Herbst 2006 hatten die Eltern sich zumindest noch einigen können, bei der damals neu eingerichteten, inzwischen wieder eingestellten „Spezialsprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Störungen der Geschlechtsidentität“ Rat zu suchen. Solche Anlaufstellen gibt es sonst nur in Hamburg und Frankfurt am Main.

Alex durchlief einige Tests. Anna Kaminski* nahm nach ihrer Erinnerung an zwei Gesprächen teil und einem Verkündungstermin. Die angeratene vollstationäre Behandlung des sechsjährigen Kindes in der Psychiatrie lehnte die Mutter ab. Es muss auch zu Streitgesprächen gekommen sein. Erst später erfuhr sie, dass den Psychologen ein vom Vater verfasster Bericht über die längst zerbrochene Partnerschaft und das Familienleben vorlag, 170 Seiten lang. „Mein Vertrauen in die Charité“, sagt sie, „ist seither zerstört.“

„Akute Gefährdung“

Im folgenden Sommer, als vor Gericht um Alex gestritten wird, gibt die Charité eine Stellungnahme ab. Knapp drei Seiten lang. Über die Verfassung des Kindes ist darin nur wenig zu erfahren. Intensiver setzt sich der unterzeichnende Kinder- und Jugendpsychiater mit der Mutter auseinander. Er beklagt deren Uneinsichtigkeit, diagnostiziert bei ihr psychische Störungen, nennt Alex Geschlechtsidentitätsstörung „vermutlich durch die Kindsmutter induziert“. Er warnt vor einer „akuten Gefährdung des Kindeswohles“, mahnt „umgehenden juristischen Handlungsbedarf“ an.

Eine Einschätzung des von den Eltern etwa zur selben Zeit konsultierten Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf klingt ganz anders. Sie bezieht sich mehr auf das Kind. In seinem Verhalten und Aussehen wirke es „sehr mädchenhaft und darin stimmig“. Auch belastende Loyalitätskonflikte gegenüber den zerstrittenen Eltern werden erwähnt. Hinweise auf eine durch die Mutter hervorgerufene Störung verneinen die drei unterzeichnenden Ärzte genauso wie Anzeichen für psychische Erkrankungen bei Mutter und Kind.

Seit Ende vergangenen Jahres hat das Gericht eine neue Ergänzungspflegerin eingesetzt. Die hat nach Aussage der Mutter nur ein einziges Mal mit Alex gesprochen. Etwa eine Stunde lang. Und dann gab es noch einen abendlichen Anruf, als Alex allein zu Hause war. Da soll die Therapeutin dem Kind mitgeteilt haben, dass es nun bald zu einer längeren, stationären Behandlung in die Charité komme und anschließend in eine nette Pflegefamilie vermittelt werde.

Die Therapeutin äußert sich nicht zu der Angelegenheit. Das dürfe sie auch gar nicht, sagt ihr Anwalt. Den hat sie sich genommen, weil die heftige Kontroverse um Alex auch ihr mittlerweile Furcht einflößt. Seit über den Fall berichtet wurde, hat er einen Furor im Internet ausgelöst.

Juristisch kompliziert

In Betroffenen-Foren und juristischen Blogs debattieren Hunderte, bis hin zu Amtsgerichtsdirektoren. Selbst in Besprechungen des gerade angelaufenen, französischen Films „Tomboy“ über ein Mädchen, das sich als Junge fühlt, sind Verweise auf Alex zu finden. Eine Flut von E-Mails ist hereingebrochen über die befassten Gerichte, das Jugendamt, die Charité. Eine Sprecherin der Charité stellte daraufhin klar: „Eine Aufnahme gegen den Willen von Mutter und Kind würden wir klar ablehnen.“

Dass das Berliner Universitätsklinikum, eines der größten in Europa, bei Betroffenen umstritten ist, hat nicht allein mit dem aktuellen Fall zu tun. Hormontherapien vor dem 16. Lebensjahr werden dort abgelehnt. „Die Diagnose Transsexualität im Kindesalter gibt es nicht“, sagt Michael Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft.

Entsprechende Symptome würden sich meist wieder verlieren und häufig zu einer gleichgeschlechtlichen Orientierung im Erwachsenenalter führen. Blockiere man die Pubertät zu früh, meint Beier, bestehe die Gefahr, eine homosexuelle Identitätsfindung zu unterbinden.

Früher lehnte auch Bernd Meyenburg Hormonbehandlungen bei Minderjährigen ab. Heute hält er sie für teils geboten. Seit 1987 leitet er die psychiatrische Spezialambulanz für Kinder und Jugendliche mit Identitätsstörungen an der Frankfurter Uniklinik, die älteste bundesweit.

Im falschen Körper

Etwa 300 Kinder, die sich im falschen Körper fühlten, habe er kennengelernt und viele von ihnen nachuntersucht, sagt er. „Bei Kindern, die sich früh eindeutig ausgerichtet haben, ist mir nicht ein Fall bekannt, in dem eine Rückkehr in das Geburtsgeschlecht stattgefunden hat.“ Eine stationäre Diagnostik hält er in solchen Fällen für unangemessen und eine Induzierung des gegensätzlichen Rollenverhaltens durch andere für ausgeschlossen.

„Mit der Pubertät beginnt meist die Leidenszeit“, sagt Meyenburg. Stimmbruch und Bartwuchs setzten ein. „Ich kenne Betroffene, die haben sich jedes einzelne Barthaar epiliert.“ Mit pubertätshemmenden Hormonen, deren Wirkung noch reversibel sei, könne nach eingehender Diagnostik zumindest Zeit für die Identitätsfindung gewonnen werden. Bestätige sich der eingeschlagene Weg, würden später gegengeschlechtliche Hormone verordnet.

In Holland werden solche Behandlungen seit den späten 90er-Jahren ab dem zwölften Lebensjahr eingeleitet. Auch in Deutschland sind sie nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie möglich, etwa in Frankfurt. „Man kann doch diese Menschen nicht sehenden Auges in die falsche Entwicklung laufen lassen“, sagt Meyenburg. „Sie haben es doch schwer genug.“

Auch der Vater von Alex macht sich große Sorgen. Er möchte, dass sein Kind endlich von einem neutralen Experten untersucht wird. Aber wer kann als neutral gelten, wenn selbst die Experten im Umgang mit Kindern wie Alex in zwei Lager gespalten sind?

Öffentliche Debatte unerwünscht

Alex hat unter Trennung und Scheidung der Eltern sehr gelitten. Auch in der Zeit danach hat das Kind seinen Vater, der es nach wie vor beim Jungennamen nennt, regelmäßig gesehen. Seit über einem Jahr hat es den Kontakt abgebrochen. Wie es so gekommen ist, darüber redet sich der Vater fast anderthalb Stunden am Telefon in Rage.

Aber er möchte nicht, dass das in der Zeitung steht. Er möchte überhaupt nicht, dass die öffentliche Debatte um Alex anhält. Aber die ist kaum zu stoppen. Die Mutter hat gegen die Entscheidung des Kammergerichtes, der Ergänzungspflegerin freie Hand zu lassen, Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt.

Alex kommt ins Wohnzimmer, zu Gebäck und Eistee, setzt sich auf einen Sessel und zieht die Beine an. Sie ist zurückhaltend. Aber sie spricht klar und sicher, wirkt unbefangen. Nein, ihr Anderssein habe sie nie als Problem empfunden. In der Schule und bei ihren Freunden spiele das auch kaum eine Rolle.

Alex ist gut in der Schule, Klassensprecherin. Nach den Ferien wechselt sie auf das Gymnasium. Was sie sich am meisten wünschen würde? „All die Leute, die mich nicht verstehen, sollen endlich weg sein“, antwortet die Zwölfjährige schnell.

Sie weiß, dass ihr Körper sich bald verändern wird. Dass die Pubertät ihre Entscheidung, ein Mädchen zu sein, noch schwerer lebbar machen könnte. Sie fürchtet sich davor. „Ich habe Angst, dass mein Körper zu einem Jungen wird“, sagt das schmale Kind. „Es gehört für mich dazu, dass ich nicht nur die Seele eines Mädchens habe.“

* Name von der Redaktion geändert

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