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Transsexualität: Im Zweifel gegen das Kind

Seit Anfang Mai läuft in den Kinos ein Film über ein Mädchen, das sich als Junge fühlt. Zoé Heran spielt diese Rolle in „Tomboy“.

Seit Anfang Mai läuft in den Kinos ein Film über ein Mädchen, das sich als Junge fühlt. Zoé Heran spielt diese Rolle in „Tomboy“.

Foto:

Alamode Film

Berlin -

Über den kleinen Platz am Rathaus Zehlendorf dröhnt an diesem sonnigen Apriltag Reggae-Musik. Etwa hundert Menschen stehen mit Transparenten und Luftballons um einen Lautsprecherwagen herum. Auch Frauen in bunten Kleidern und mit Bartansatz sind dabei.

„Hallo, Jugendamt! Ich hoffe, ihr könnt uns hören“, ruft ein Mann in ein Mikrofon. „Unser Bündnis hat sich spontan gegründet, nachdem der Fall von Alex* öffentlich geworden ist.“ Mehr als 30.000 Menschen, sagt der Sprecher, hätten sich bereits einer Internet-Petition angeschlossen, in der gegen die Zwangseinweisung des transsexuellen Kindes in die Psychiatrie protestiert wird. Beifall brandet auf.

Alex, zwölf Jahre alt, ist nicht zu sehen an diesem Tag. Das Kind würde am liebsten seine Ruhe haben. Ein Kind unter vielen sein. Ganz normal. Aber das scheint nicht mehr zu funktionieren, im Grunde hat es wohl nie so richtig funktioniert.
Auf der Geburtsurkunde des Kindes steht der Name Alexander.

In seiner Familie, in der Schule, unter Freunden wird es seit Jahren Alexandra genannt. Das Kind, das als Junge geboren wurde, will ein Mädchen sein. Ob das geht, darüber streiten seit sechs Jahren Eltern, Ämter, Kinderpsychologen und Gerichte. Alex überfordert sie alle. Man weiß so wenig über solche Kinder. Und trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden. Die sogenannten Fachleute erscheinen dabei noch hilfloser als alle anderen.

Überforderte Erwachsene

Mittlerweile ist Alex zu so einer Art Symbol geworden. Zu einem Wesen, das uns alle vor die Frage stellt, was eigentlich normal sein soll? Wäre Alex erwachsen, dann dürfte sie in dieser Frage selbst entscheiden. Als Kind ist sie den überforderten Erwachsenen ausgeliefert. Das ist das Problem.

Weil auch die Mutter nicht mehr weiter weiß, scheut sie nicht mehr die Öffentlichkeit. Es soll bekannt werden, was ihrem Kind gerade passiert. Das erste Treffen findet an einem neutralen Ort statt. In einem Haus bei Bekannten der Familie. Ein schmales, langhaariges Mädchen in verwaschenen Jeans und T-Shirt öffnet die Tür und streckt zur Begrüßung lächelnd die Hand aus. Es dauert einen Moment, bis klar wird, dass das Alex ist.

Dann kommt auch die Mutter herbei. Eine große, schlanke Frau mit Lockenmähne. Wenn die Mutter im Wohnzimmer diese ganze Geschichte erzählt, wird Alex in einem anderen Zimmer sein. Das Kind soll von dem allen so wenig wie möglich mitbekommen.

Die Mutter beginnt zu sprechen. Sie braucht etwas Zeit, um in den Redefluss einzutauchen. Wenn sie von den frühen Jahren ihres Kindes erzählt, dann spricht sie von ihrem Sohn. Später von der Tochter. Es ist, als habe die Mutter selbst den Sprung längst getan, der den meisten anderen so schwer fällt.

Keine fundierte Diagnose

„Ich hab mich bei Alex’ Geburt total über einen Jungen gefreut“, erzählt die 41-Jährige und lacht. Nur blaues Zeug habe sie für das Baby gekauft. Sie sei mit Brüdern aufgewachsen, „etwas jungenfixiert“. Als Alex zwei Jahre alt war, sei ihr aufgefallen, dass er anders spielte als andere. „Er hat seine Autos verheiratet und solche Sachen. Na gut, dachte ich, hast du eben einen Softie.“

Mit zweieinhalb habe das Kind zum ersten Mal gesagt, es sei ein Mädchen. „Ich habe das korrigiert und bin strenger geworden“, sagt die Mutter. Sie habe begonnen, Mädchenspielzeug und -kleidung zu verbieten. Mit vier habe sie Alex die Haare ganz kurz geschnitten. Damals sei Alex immer stiller geworden. Sie konsultierte eine Psychologin. Die habe ihr geraten, dem Kind zu erlauben, so zu sein, wie es möchte. „Nach einiger Zeit hatte ich wieder ein fröhliches Kind.“

Seither lebt Alex als Mädchen. Und die Mutter ist zur Expertin geworden für Transsexualität im Kindesalter. Sie hat Fachleute und Betroffenen-Initiativen kontaktiert. Sie hat sich die Lebensgeschichten von Transsexuellen angehört, kennt die kontroversen Expertendiskussionen.

„Natürlich frage ich mich, ob ich Fehler gemacht habe“, sagt sie. „Immer wieder.“ Aber bis heute gebe es keine fundierte Diagnose, keine Begutachtung von neutraler Stelle, warum dieses Kind so ist, wie es ist, und wie es in seiner weiteren Entwicklung am besten zu begleiten wäre. Darum kämpft sie seit Jahren.

Aber sie darf darüber nicht entscheiden. Für die Gesundheit des Kindes sind das Jugendamt und eine „externe Ergänzungspflegerin“ verantwortlich. Sie wurde 2007 vom Gericht eingesetzt, weil der getrennt lebende Vater, gestützt von einer ärztlichen Stellungnahme der Berliner Charité, denkt, die Mutter habe dem Kind das Mädchensein nur eingeredet. Weil sich die Eltern nicht einigen konnten, ist die Sache vor Gericht gelandet.

Und jetzt drängt die Zeit. In Kürze wird bei Alex die Pubertät einsetzen. Das Berliner Kammergericht hat es zuletzt abgelehnt, der Mutter das alleinige Entscheidungsrecht über die Gesundheit des Kindes zurückzugeben. Das Gericht hat nach Aktenlage entschieden. Die Akten, das sind mittlerweile mehr als tausend Seiten. Das Kind haben die Richter nicht gesehen oder angehört. Auch nicht die gemeinsam sorgeberechtigten Eltern.

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