blz_logo12,9

Trauer : „Amanda hätte jemand sein können, den wir kennen“

Blumen sind auf dem Bahnsteig am Ernst-Reuter-Platz an ein Geländer gebunden.

Blumen sind auf dem Bahnsteig am Ernst-Reuter-Platz an ein Geländer gebunden.

Foto:

dpa

Es ist schwer zu beschreiben, was den Menschen durch den Kopf geht, am U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz. Dort, wo die Züge Richtung Pankow fahren und der Bahnsteig ziemlich schmal ist. Vor dem Geländer eines Treppenaufgangs hängen zwei Fotos von Amanda, 20 Jahre alt. Dunkle Augen, ein Lachen im Gesicht. Davor rote Grablichter und ein Meer von Blumen, rote Rosen, gelbe, weiße.

Ein 28-Jähriger hat die Studentin am Dienstagabend vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen. Einfach so. Der Mann hat Anlauf genommen. Sie fiel – und war auf der Stelle tot. Sie kannte ihn nicht, er kannte sie nicht. Er ist inzwischen in der Psychiatrie, es gibt Hinweise auf Schizophrenie. Am Freitag wurde Amanda auf einem Friedhof in Schöneberg beigesetzt.

„Meine liebste Amandi, so schnell bist du von mir gegangen“, steht mit roter Schrift auf einem Stück Papier am Geländer, unterschrieben mit „deine Mami (Muttimaus)“. „Du warst und bist mein ein und alles, mein Baby, meine Große, meine Beste und meine Schönste“, schreibt die Mutter. „Ich liebe dich mehr als du glaubst.“ Darunter mit schwarzer Schrift Abschiedsworte der Schwester. „ALLES an dir ist wunderschön. Viel zu früh musstest du gehen, mein Stern.“

Passanten verharren, beugen sich über die Briefe, manche haben Tränen in den Augen. „Mama, wer ist das auf dem Bild“, fragt ein Kind. „Ein Mädchen, das viel zu früh gestorben ist“, antwortet seine Mutter. Mit Worten könne man nicht beschreiben, was man fühlt, sagt eine Frau, die am Reuter-Platz wohnt. „Ich habe einen Kloß im Hals.“

Zwei Schülerinnen, Ella und Serena, 18 Jahre jung, sind extra am Reuter-Platz ausgestiegen. Sie gehen am Sophie-Charlotte-Platz zur Schule, drei Stationen weiter, sie haben eine Freistunde. „Wir wollten wissen, wie es sich anfühlt, an diesem Ort zu sein“, sagen beide. „Amanda hätte auch jemand sein können, den wir kennen.“ Sie sagen auch, dass sie viel nachdenken seit der schrecklichen Tat. Weil ihnen bewusst wurde, „dass so ein Leben einfach jeden Moment vorbei sein kann. Weil so ein Tod auch einem selbst passieren kann. Weil man sich fragt, warum.“

1609402

Die beiden sagen, sie wollen unbedingt in der Schule über ihre Gefühle sprechen, mit dem Lehrer, mit der Klasse. Weil sie „total traurig und erschrocken sind“. Und dass sie hoffen, dass ihnen jemand sagt, was man machen kann, damit ihnen so etwas nicht passiert.“

Zwischen all den Blumen liegt ein Zettel, angebunden an eine einzelne Rose. „Ich bin auch Mutter einer Tochter“, steht darauf geschrieben. „Der Schmerz muss unermesslich sein. Mein tiefstes Mitgefühl.“