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Trauer in Berlin nach Attentat in Istanbul: Mit "komischem Gefühl" im Bauch vom Flughafen Tegel nach Istanbul

Kerzen und Blumen gedenken der Verstorbenen.

Kerzen und Blumen gedenken der Verstorbenen.

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dpa

Es gibt hier heute kein anderes Thema. „Ich bin im Schock“, sagt Isik Sekerli. Der Mann mit der randlosen Brille sitzt im Café Kotti, benannt nach dem Kottbusser Tor in Kreuzberg, dort wo Berlin so türkisch ist wie vielleicht nirgendwo sonst. Vor Sekerli steht ein Glas Schwarztee, er raucht und blättert in der türkischen Tageszeitung Hürriyet, die an diesem Mittwoch natürlich mit dem Selbstmordanschlag in Istanbul aufmacht. Sekerli, 50 Jahre, Sozialarbeiter, hat dort gelebt, bevor er sich vor gut einem Vierteljahrhundert nach Deutschland aufmachte, nach Berlin. Immer wieder pendelt er zwischen den beiden Metropolen, der deutschen und der türkischen, die seit dem Terrormorgen an der Blauen Moschee so viel Grausames verbindet.

Nächste Woche will Sekerli wieder nach Istanbul fliegen. Doch etwas ist anders: „Meine Freunde raten mit jetzt, lieber ein Taxi zu nehmen und Menschengruppen zu meiden.“ Es herrscht Angst.

Debatten im Café Kotti

Das Café Kotti ist in Berlin einer der Treffpunkte der linksgerichteten, Erdogan-kritischen Türken. Gegenüber an Serkalis Tisch sitzt Alper Karasahin. Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus Ost-Anatolien. Für Karasahin ist das Attentat – bei dem offenbar zehn Deutsche starben, die bei einem Berliner Reiseunternehmen eine Orienttour gebucht hatten – nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die Türkei politisch immer mehr zerfällt. „Ich bin überhaupt nicht geschockt“, sagt der 32-Jährige lapidar. „Dass die Türkei von innen erodiert, zeichnet sich seit Jahren ab.“

Die Demokratie sei schon vor Erdogan nur eine Schein-Demokratie gewesen, nun sei die Rechtsstaatlichkeit ganz weg, es gebe keine freie Meinungsäußerung mehr. Es klingt fast verbittert. Ercan Yasaroglu, der Inhaber des Café Kotti, kennt dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Der Islamische Staat – wenn er es denn war – habe sich den Ort und die deutschen Touristen mit voller Absicht ausgesucht, um für ihre mörderische Ideologie zu werben, das glauben hier alle am Tisch. Man dürfe sich aber nicht blockieren lassen von deren Taten, sagt Yasaroglu. „Wir müssen jetzt handeln, müssen politisch aktiver werden.“

Nicht nur im Kreuzberger Kiez ist die Betroffenheit groß. Auch die Politik meldet sich zu Wort. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) will mit dem rot-schwarzen Senat an diesem Tag eigentlich zur Arbeitsklausur zusammenkommen, doch er hat zuerst noch ein Statement parat, das er im Roten Rathaus vorträgt. Man stehe an der Seite der Opfer und ihrer Familien, sagt Müller. Mit Istanbul sei nach Paris zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit eine Partnerstadt Berlins betroffen, diesmal starben auch drei Menschen aus der Region, darunter ein Berliner. „Wir spüren, wie gewalttätige Auseinandersetzungen an uns heranreichen“, sagt Müller. Man müsse wachsam sein, um ein freies, offenes Zusammenleben zu verteidigen.

Partnerstadt seit 1989

Dass dieser Anschlag Berlin besonders berührt, liegt auch an den vielfältigen Beziehungen der Stadt zu Istanbul. Seit 1989 gibt es die Städtepartnerschaft, begründet von Walter Momper. Sie ist durchaus lebendig, wenn auch die Kontakte zur Erdogan-Partei AKP in den vergangenen Jahren eher wenig gepflegt wurden. Erst Ende September war der SPD-Fraktionschef Raed Saleh auf eigene Initiative zu Besuch am Bosporus, er warb für Demokratie und Meinungsfreiheit und besuchte die drangsalierte Redaktion der Hürriyet. „Istanbul ist eine Brücke, die wir stärken müssen“, sagt er.

Auch zwei Berliner Bezirke haben eigene Beziehungen nach Istanbul. Mitte pflegt eine Partnerschaft zum Stadtteil Beyoglu nahe dem Taksimplatz, Friedrichshain-Kreuzberg zu Kadiköy auf der asiatischen Seite, wo es abends oft nicht anders aussieht als an der Simon-Dach-Straße. Die einstige Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer zog 2007 kurz nach dem Aus im Bezirksamt nach Istanbul und lebte dort acht Jahre lang. Gemeinsam mit der Theatermacherin Shermin Langhoff gründete sie damals den Verein „Forum Berlin Istanbul“ und organisierte gegenseitige Besuche von Künstlern, Ausstellungen, einen Studentenaustausch. Es gebe in der Stadt inzwischen Stammtische von in Deutschland hervorragend ausgebildeten jungen Türken, die ins Land ihrer Eltern und Großeltern zurückgekehrt sind. „Das sind Leute, die in Deutschland keinen guten Job gefunden haben“, sagt Reinauer, die seit kurzem wieder in Berlin lebt.

Berlin und Istanbul sind sich nah – viel näher, als es die gut 2000 Flugkilometer ahnen lassen. Arbeitssenatorin Dilek Kolat, 48, ist in der Türkei geboren und kam als Kind nach Berlin. „Ich selbst stand auch schon dort, wo sich der Mann in die Luft gesprengt hat“, sagt die SPD-Politikerin. Die Türkei habe in den vergangenen Monaten und Jahren etliche Anschläge hinnehmen müssen. Dass nun auch Deutsche unter den Opfern seien, sorge hier noch einmal für eine andere Form der Betroffenheit, sagt Kolat.

„Das zeigt, wie allgegenwärtig der Terror auch für uns ist.“ Es sei genau dieser Terror, vor dem die vielen Flüchtlinge geflohen seien. Auch der Anwalt Erol Özkaraca, ein SPD-Landesparlamentarier mit türkischem Vater, ist mehrmals im Jahr am Bosporus, er berät dort Mandanten, trifft sich mit Freunden. Viele pendeln zwischen den beiden Städten, sagt er, auch türkische Touristen seien immer öfter in Berlin zu Besuch. „Auf der zwischenmenschlichen Ebene passiert sehr viel.“ Die Politik könne aber mehr tun, um die liberalen Kräfte in der Türkei zu stärken, findet Özkaraca.

Mulmiges Gefühl

Die Leichtigkeit, mit der bisher zwischen Berlin und Istanbul hin- und hergereist wurde, scheint jedenfalls dahin. Einige Passagiere, die am Mittwochmittag vom Flughafen Tegel in Richtung Istanbul starten wollten, taten das mit einem mulmigen Gefühl. „Ich konnte mir die Reise nicht aussuchen, ich bin dienstlich unterwegs“, sagt ein Mann. Er habe ein „komisches Gefühl“. Zwei junge Frauen, die mit ihren Freunden für fünf Tage nach Istanbul wollten, hätten am liebsten abgesagt. „Aber unsere Männer wollten nicht“, sagt eine. Natürlich wolle sie ihr Leben nicht wegen Terrorgefahr einschränken, aber sie habe auch schon Weihnachtsmärkte gemieden, „weil wir dachten, da könnte was passieren“. Sie habe mit ihrer Familie verabredet, sich jetzt jeden Abend aus Istanbul zu melden.

In der Marienkirche in Mitte versammeln sich am Nachmittag gut zwei Dutzend Menschen zu einer ökumenischen Andacht und zünden Kerzen an. Vor der Türkischen Botschaft am Tiergarten legen Menschen Rosen nieder. Etwa 50 sind gekommen, sie sind einem Aufruf der religiös-konservativen Türkischen Gemeinde zu Berlin und anderen islamischen Verbänden gefolgt. Es sind vorwiegend Männer in dunklen Mänteln, die sich per Handschlag begrüßen. Einer hat sich die türkische Nationalflagge als Umhang über die Schulter geworfen. Ein anderer sagt: „Wir sind alle schockiert, wir trauern um die Verstorbenen.“

Viele Frauen tragen Kopftuch. Eine hält ein Schild in die Höhe: „Je suis Istanbul“ steht darauf.