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Trauerfeier für Jusef El-A.: „Wie konnte es dazu kommen?“

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Der Trauerzug begleitete den Leichenwagen in einem langen Zug bis zum islamischen Friedhof neben der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm.
Der Trauerzug begleitete den Leichenwagen in einem langen Zug bis zum islamischen Friedhof neben der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm.
Foto: Steffen Tzscheuschner
Berlin –  

Mehr als 3.000 Menschen nahmen während einer Trauerfeier Abschied von dem 18-jährigen Jusef El-A., der am Sonntag bei einer Messerstecherei in Neukölln getötet wurde. Danach wurde er auf dem islamischen Friedhof der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm beigesetzt.

„Was ist los mit unserer Jugend? Wegen eines Streits bei einem Fußballspiel musste Jusef mit seinem Leben bezahlen!“ Ferid Heider ist empört, als er am Freitagnachmittag auf dem islamischen Friedhof am Columbiadamm in Tempelhof steht und die Gebete spricht für Jusef El-A. Der 18-Jährige war am vergangenen Sonntag in der Neuköllner Fritzi-Massary-Straße von dem 34 Jahre alten Sven N. durch einen Messerstich getötet worden. Um den 33-jährigen Imam, der vor allem bei Jugendlichen populär ist, stehen hunderte Männer und hören zu. Einige wenige Frauen stehen am Rand.

Zuvor hatten sich nach dem Freitagsgebet rund 2.000 Trauergäste in der Dar-as-Salam-Moschee in der Neuköllner Flughafenstraße („Haus des Friedens“) versammelt. Weil die Moschee nicht genug Platz bot, beteten die Männer auch draußen im Hof und auch auf dem Fußweg.

Islamische Ruhestätten in Berlin

Muslime werden schon seit dem 19. Jahrhundert in Berlin beigesetzt. Der türkische Friedhof am Columbiadamm in Neukölln zählt zu den ältesten Mitteleuropas. Preußenkönig Wilhelm I. schenkte das Gelände am Tempelhofer Feld 1866 der türkischen Gemeinde. Heute gehört der denkmalgeschützte Ort zur Sehitlik-Moschee. Der Raum ist mittlerweile ausgeschöpft, da eine Einebnung und erneute Nutzung im Islam nicht erlaubt ist. Die letzte Beerdigung fand dort 1989 statt. Seitdem werden Gläubige auf dem einstigen Garnisonfriedhof nebenan oder dem Landschaftsfriedhof Gatow im Westen der Stadt beigesetzt. Zeremonien wie rituelle Waschungen und Gebete finden aber noch immer auf dem historischen Friedhof in Neukölln statt.

Drinnen, in der Moschee, spricht der Vater des Getöteten. Er fordert „Ruhe zu bewahren und über den Tod nachzudenken“. Er wolle keine Vergeltung. Weil er das in den vergangenen Tagen immer wieder gesagt hat, kam es womöglich auch zu keinen Krawallen und Racheaktionen. Denn die Wut unter Jusefs Freunden auf Sven N. ist groß. Er und seine Familie wohnen inzwischen bei Verwandten im Umland. Von einer Rückkehr in ihre Wohnung in Alt-Mariendorf rät ihnen die Polizei vorläufig ab.

Die Wut ist auch deshalb groß, weil Sven N. frei kam und die Staatsanwaltschaft darauf verzichtete, ihn einem Richter zum Erlass eines Haftbefehls vorzuführen. Denn die Ermittler der Mordkommission kamen vorerst zu dem Schluss, dass Sven N. aus Notwehr gehandelt habe, als er von 20 mit Messern und Dolchen bewaffneten Jugendlichen angegriffen wurde. Sven N. gilt für die Ermittler aber weiterhin als Beschuldigter, das Verfahren ist noch lange nicht beendet. Doch dass für einen Haftbefehl bestimmte Voraussetzungen wie etwa ein „dringender Tatverdacht“ für ein Tötungsdelikt vorliegen müssen, können und wollen die meisten Teilnehmer der Trauerfeier nicht verstehen.

Rolle des Opfers ungeklärt

Nachdem der Trauerzug die Moschee verlassen hat, zieht er über den Columbiadamm. Er ist auf rund 3.000 Männer angewachsen. Als der Zug am Friedhof ankommt, wird der Sarg aus dem Auto geholt und zum islamischen Friedhof getragen. Die Männer skandieren „Allahu Akhbar “ - Gott ist groß. Der islamische Friedhof liegt neben der Sehitlik-Moschee und ist Teil des früheren Garnisonsfriedhofs.

Unter Gebeten wird der Sarg in die Erde gelassen. Abseits und ganz allein stehen fünf deutsche Frauen mit einem Rosengesteck. Sie kommen vom örtlichen Quartiersmanagement, wie auf den Schleifen zu lesen ist. Das Quartiersmanagement wird mit öffentlichem Geld dafür bezahlt, die Bewohner des Kiezes zusammenzubringen und das Zusammenleben in der Gegend, in der Jusef lebte und starb, zu verbessern. Jusef arbeitete dort im Jugendbeirat und versuchte sich seit einem Monat als Streitschlichter. Welche Rolle er bei der Auseinandersetzung, die zu seinem Tod führte, spielte, und ob er wirklich einen Streit schlichten wollte, das hat die Polizei noch nicht herausgefunden.

Mehrere tausend Menschen begleiteten den Sarg von Jusef El-A. bis zum islamischen Friedhof neben der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm.
Mehrere tausend Menschen begleiteten den Sarg von Jusef El-A. bis zum islamischen Friedhof neben der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm.
Foto: Andreas Kopietz

Einer seiner Freunde, der nach eigener Auskunft bei der Messerstecherei dabei war, weiß es angeblich genau. „Er wollte nie Ärger“, sagt der junge Mann in Lederjacke, der mit verschränkten Armen am Grab von Jusef steht und der Predigt des Imams zuhört. Und dann sagt er noch: „Ich weiß nicht, was wir tun werden, wenn wir den Täter in die Finger kriegen.“ In diesem Augenblick klingen die Worte des Predigers Ferid Heider wie eine Entgegnung: „Macht euch Gedanken! Wie konnte es dazu kommen?“, ruft er mit sich überschlagender Stimme: „Liebe Geschwister im Islam, wir wollen nicht, dass sich Jugendliche streiten, dafür sind wir zu kurz auf dieser Welt. Wir wollen eine Jugend, wie es unser Prophet gesagt hat. Jetzt können wir zeigen, was der Islam für eine Religion ist.“

Am Schluss durften dann auch die Frauen Blumen niederlegen.

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