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Trinkerclubs und echte Schrippen in Prenzlauer Berg

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Oliver Fabel (45) auf der Behmbrücke. Sie wurde erst nach dem Mauerfall gebaut und verbindet das Nordische Viertel mit Gesundbrunnen.

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Markus Wächter / Waechter

Wir treffen Oliver Fabel (45) vor seiner Haustür in der Ueckermünder Straße. Es ist eine kaum befahrene, ganz kurze Straße. Ihr natürliches Ende findet sie dort, wo früher die Mauer stand. Heute ist davon nur noch ein kleiner Rest übrig, der sich für viele unsichtbar an den Fuß einer jener beider Brücken in Prenzlauer Berg schmiegt, die das Nordische Viertel zum Gesundbrunnen hin begrenzen.

Die eine ist die Böse Brücke. Jeder kennt sie. Dort ging die Mauer auf. Historische TV-Bilder. Jeder hat sie im Kopf. Die andere Brücke verlängert die Schivelbeiner Straße über die S-Bahn-Geleise hinweg Richtung Gesundbrunnen. An ihrem Fuß stehen die paar übrigen Meter Mauer, die der Künstler so mag. „Wo sonst findet man noch ein Stück Mauer, das nicht saniert oder bewegt oder zur Touristenattraktion wurde“, sagt Fabel. Es fasziniert ihn immer noch, auch nach so vielen Jahren, dass er jedes Mal, wenn er außer Haus geht, von Osten nach Westen gehen kann. Einfach so.

Außerirdische Mütter mit Drillingskinderwagen

Ansonsten beschreibt der 45-Jährige seinen Kiez als unaufgeregt. Als ob man eine Stadtrandsiedlung mitten in die Stadt verpflanzt habe. „Es ist ruhig hier. Eine Wohngegend. Unspektakulär“, so Fabel. Doch aus seinem Mund klingt unspektakulär trotzdem schmeichelhaft. Wieso? Weil es sich hier gut leben lasse. Weil im Nordischen Viertel die Zeit ein wenig stehen geblieben scheine. „Es ist hier noch nicht so durchgestylt. Es gibt noch „Trinkerclubs' mit Bierflasche in der Hand.

Und Mütter mit Drillingskinderwagen wirken, als müssten sie sich hier erst zurecht finden, fast außerirdisch“, erklärt Fabel. Das unterscheidet den Arnimplatz in seinem Kiez vom Kollwitzplatz im „schwäbischen“ Prenzlauer Berg. Fast schon wieder komisch, muss der gebürtige Kasseler zugeben, dass ihn just die Gentrifizierung ins Nordische Viertel trieb. Davor wohnte der Künstler, der unter anderem eine Krippe im Bauhaus-Stil erfunden und erfolgreich vermarktet hat, nämlich selbst im anderen Prenzlauer Berg. Jenseits der Schönhauser Allee, die den Nordischen Kiez Richtung Osten begrenzt. „Ein Investor hatte unser Haus gekauft...“, so Fabel.

Oft gibt es etwas zu verschenken

Er wollte nicht umziehen, musste aber, und allmählich freundete er sich mit seinem neuen Kiez an. Dieser wirke zwar, als ob es hier nichts gäbe, aber das täusche. Im Nordischen Viertel gibt es alles, was man zum Leben braucht. Die Bäckerei Siebert in der Schönfließer Straße versorgt Alteingesessene und Zugezogene mit echten Schrippen – und zwar seit 1906. Sie ist die älteste Berliner Bäckerei überhaupt. Ebenfalls nicht wegzudenken ist der „Kietzladen“ in der Paul-Robeson-Straße, ein Familienbetrieb, nach der Wende gegründet und seitdem widerständig den großen Ketten trotzend.

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BLZ/Isabella Galanty

Man spüre eine Veränderung. Aber langsamer, verträglicher als anderswo, meint Fabel. Unlängst fiel ihm auf, dass es in seinem Kiez auch noch oft etwas zu verschenken gibt. „Die Leute stellen hier noch immer vieles auf den Bürgersteig. Mit einem Zettel dran.“ Fabel fotografierte die Sperrmüllablagerungen und machte sein neuestes Produkt daraus. Ein Trumpf-Spiel mit Fotos der zu verschenkenden TV-Geräte, Matratzen und Mixer. Vielleicht auch, weil ihn die Häufchen daran erinnern, dass sein Kiez jenem Berlin gar nicht so unähnlich ist, in das er sich in den 1990ern verliebte. Damals, als er noch Kunst in Weimar studierte und nur als Besucher nach Berlin kam.

„Es gab da noch die Mitte-Clubs. Den Eimer. Den Schokoladen. Der ist geblieben. Es gab so viele Freiräume. Es war einfach geil in Berlin zu sein.“ Jetzt schlössen sich die letzten Freiräume, auch in seinem Kiez. Auf die letzte Brache nahe der Böse Brücke werden Eigentumswohnungen gebaut. Das störe ihn aber nicht, so Fabel. Schließlich gebe es weiterhin den Arnimplatz, wo man nachmittags in der Sonne Kaffee trinken könne und den man nicht zubauen könne. An ein Gebäude mag er sich aber trotzdem nicht gewöhnen. Es ist der Neubau einer Supermarktkette, direkt neben dem Platz. Groß. Grau. Klotzig.



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