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Türkischstämmiger Lehrer: "Ich werde mit meinem Migrationshintergrund als Vorbild gesehen"

Asim Bayram ist Lehrer am Lessing-Gymnasium in Wedding.

Asim Bayram ist Lehrer am Lessing-Gymnasium in Wedding.

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BLZ/Markus Wächter

Es gongt an diesem Mittag im Klassenraum der 9c. Die Mathe-Stunde bei Lehrer Asim Bayram ist zu Ende. Die Schüler des Weddinger Lessing-Gymnasiums verlassen den Raum. Asim Bayram, 31, hat mit ihnen Sinuskurven geübt.

Herr Bayram. haben Sie den Film „Fack ju, Göhte“ gesehen?

Ja, mir hat er gut gefallen, ich hab ihn sogar weiterempfohlen.

Weshalb?

Es gibt dort Situationen, die tatsächlich in der Schule so vorkommen. Zum Beispiel die Referendarin, die völlig überfordert gar nicht wusste, was sie mit der Klasse machen soll. Es gibt wirklich viele Referendare, die mit dieser Situation nur schwer umgehen können. Auch ich hatte meine Schwierigkeiten. Vieles in dem Film ist natürlich überzeichnet, ist ja eine Komödie.

Der vermeintliche Aushilfslehrer – eigentlich ein Gangster –, gespielt von Elyas M’Barek, scheint ja durch seine unverblümte Sprache à la „Chantal, heul leise“ den Ton bei den Schülern ganz gut zu treffen.

Pädagogisch ist das natürlich kein Vorbild, schon weil die Filmfigur da mit ganz anderen Plänen reingeraten ist. Aber auf einer anderen Ebene ist es wichtig, eine gemeinsame Wellenlänge mit seinen Schülern zu erreichen. Es gelingt nicht jedem Lehrer, die Schüler so zu erreichen, dass sie sich gerne mit diesem Lehrer unterhalten. Und manche Schüler wissen gar nicht, dass sich Lehrer für sie interessieren.

Wie meinen Sie das?

Jetzt spreche ich mal nicht als Lehrer, sondern erinnere mich an meine eigene Schulzeit in Kreuzberg und Wedding. Wenn ich da mal zufällig einen Lehrer in der U-Bahn getroffen habe, war es mir unangenehm, mit ihm zu sprechen.

Ihnen ist ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern sehr wichtig?

Ja, ein Vertrauensverhältnis ist mir sehr wichtig. Ich bin da immer offen für ein Gespräch. Ich bin ja auch hier im Wedding aufgewachsen, lebe noch hier und sehe schon von daher meine Schüler, die oft auch hier im Kiez wohnen, auch in der Freizeit häufiger als meine Lehrerkollegen es tun. Die wohnen ja eher nicht im Wedding. Ein Schüler meinte mal zu mir, so wie mit mir habe er sich noch mit keinem Lehrer unterhalten können.

Worüber reden Sie mit Schülern?

Einfach so, wie es in der Schule läuft oder zu Hause. Und was sie mal machen wollen.

Sie unterrichten am Lessing-Gymnasium, das 750 Schüler verschiedenster Herkunft besuchen. Viele stammen aus türkischen oder arabischen Familien. Wie wichtig ist der gleiche Migrationshintergrund für das Vertrauensverhältnis von Lehrern und Schülern?

Natürlich gibt es völlig unterschiedliche Lehrer, die einen guten Draht zu den Schülern aufbauen können. Aber wenn man einen ähnlichen Migrationshintergrund hat, sorgt das schon für Interesse. Als Schüler hatte ich mich selbst gefreut, als wir an meinem Gymnasium mal eine türkischstämmige Lehrerin hatten oder im Hort damals einen türkischen Praktikanten. Wir dachten, der ist voll cool.

Dennoch sind Sie als türkischstämmiger Lehrer nach wie vor ein Sonderfall – allen Aufrufen des Senats zum Trotz. Wieso gibt es so wenige Lehrer mit Migrationshintergrund?

Ich glaube in der ersten Einwanderergeneration – mein Großvater ist damals als Erster der Familie nach Berlin gegangen und hat hier als Pförtner bei der Post gearbeitet – hatte der Lehrerberuf kein besonders großes Ansehen. Ein älterer Mann fragte mich vor einiger Zeit, was ich studiere. Lehramt, sagte ich. Da war er nicht gerade begeistert. Ich denke, Medizin hätte ihn mehr begeistert. „Du als Arzt, das kann ich mir gut vorstellen“, das sagen ältere Türken häufiger. Auch meine Mutter hat ähnlich gedacht.

Wie kam es dann dazu, dass Sie doch Lehrer wurden?

Medizin hatte ich auch überlegt, aber meine Zivildienstzeit im Krankenhaus hat mir nicht so gefallen. Ich wollte halt gerne mit jungen Menschen arbeiten. Und Mathematik und Sport habe ich immer gerne gemacht.

Spielte auch Ihre eigene Erfahrung als Schüler eine Rolle?

Als Schüler hatte ich nicht immer das Gefühl, dass die Lehrer an einem sozialen Miteinander oder an der Schülerpersönlichkeit interessiert waren. Natürlich lerne ich nicht so gerne von jemandem, der einen nicht wichtig nimmt, sich nicht für einen interessiert. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass die meisten Lehrer schon älter waren. Viele sind nicht darauf eingegangen, wenn die Schüler mal etwas nicht verstanden haben. Das versuche ich, in meinem Unterricht anders zu machen. Bei den Schülern hat ein junger Lehrer einen Bonus. Wenn man als Lehrer in Wedding noch einen Migrationshintergrund hat, wächst bei den meisten Schülern das Interesse an dem Lehrer noch.

Vertrauen Ihnen die Schüler mehr?

Vielleicht. Kann sein, dass das auch mit meiner Persönlichkeit zusammenhängt. Ich bin eher so der Kumpeltyp.

Sehen Sie sich denn als Vorbild?

Ja, da werde ich mit meinem Migrationshintergrund als Vorbild gesehen. Die Schüler merken plötzlich, dass sie selbst in vielleicht zehn Jahren als Lehrer vor einer Klasse stehen könnten. Daran hatten bisher vielleicht nur wenige gedacht. Auch für deutsche oder für Schüler mit einem anderen Migrationshintergrund sehe ich mich unabhängig von meinem kulturellen Hintergrund als Vorbild – schon durch meine Fächer-, Berufswahl und meinen Umgang mit Schülern.

Wieso ist die Schulabbrecherquote unter türkischstämmigen Schülern eigentlich besonders hoch?

Diese Aussage trifft in dieser Form nicht auf das Lessing-Gymnasium zu. Wir haben sehr erfolgreiche Schüler unterschiedlicher Herkunft. Als Beispiel kann ich eine türkische Schülerin nennen, die im vorletzten Schuljahr einen Abiturdurchschnitt von 1,0 erzielt hat. Wünschen würde ich mir dennoch, dass Lehrer auch Schüler mit Migrationshintergrund ausreichend fördern und fordern, Lehrer und Schüler eigene Einstellungen hinterfragen und mögliche Vorurteile abbauen. Auf bildungspolitischer Ebene sollten Schulen entstehen, in denen die Lehrer durch den sehr hohen Anteil dieser Schüler nicht überfordert werden. Andererseits sollten die Schüler durch die Zusammensetzung der Schülerschaft keinen Nachteil haben, was den Schulerfolg angeht.

Haben Sie auch bei den Eltern Ihrer türkischstämmigen Schüler einen besonderen Status?

Auf jeden Fall. Die Eltern freuen sich, wenn Sie merken, da ist jemand, der die eigene Sprache spricht.

Mit diesen Eltern sprechen Sie dann Türkisch?

Wenn sie kein Deutsch können, schon. Viele frage ich beim Elternsprechtag, ob sie Deutsch oder Türkisch sprechen wollen. Einmal musste ich auch in einem Eltern-Lehrer-Gespräch als Übersetzer aushelfen.

Was machen Sie denn, wenn Sie mitkriegen, dass ein Schüler Ihren Ausführungen über die Sinuskurve nicht folgen kann?

Nach meinem Lehrervortrag sehe ich mitunter in fragende Gesichter. Habe ich gerade heute wieder im Mathematikunterricht erlebt. Dann frage ich, wer etwas nicht verstanden hat. Ich sage den Schülern auch immer, dass sie sich selbst trauen müssen zu fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Aber natürlich sind wir hier ein Gymnasium, wo eine bestimmte Leistung zu erbringen ist. Ich halte nichts davon zu sagen, bei Schülern mit Migrationshintergrund machen wir ein bisschen weniger. Die sind schließlich auch hier aufgewachsen. Aber die Lernatmosphäre sollte offen und angstfrei sein.

Vor einigen Jahren boykottierten Neuköllner Lehrer die zentralen Vergleichsarbeiten für Drittklässler, weil sie meinten, dass die Texte nicht die Lebenswelt von Schülern aus migrantischen Familien widerspiegeln. Ein berechtigter Einwand?

Es gibt tatsächlich Aufgabenstellungen in Schulbüchern, die sollte ein Lehrer nicht immer eins zu eins übernehmen.

Zum Beispiel?

Vorhin im Unterricht ging es um Folgendes: Das Dreifache einer Zahl um Fünf addiert entspricht einer anderen Zahl reduziert um Sieben. Da fragt schon mal einer, was bedeutet „reduziert“? Was bedeutet „Addition“? Deutsche Schüler haben diese Worte eher schon mal zu Hause gehört, aber das ist nicht bei jedem migrantischen Schüler so. Wenn ich hier im Wedding 60 oder 70 Prozent Migranten in einer Klasse habe, dann sollte ich nicht mit dem Niveau heruntergehen. Aber ich sollte mich sprachlich so ausdrücken, dass den Schülern klar wird, was gemeint ist. Da muss ich als Lehrer nicht unbedingt noch ein schickes Fremdwort fallen lassen. Sprachsensibel unterrichten nenne ich das.

Muss ich nicht am Gymnasium erwarten, dass die Schüler gutes Deutsch sprechen?

Natürlich sprechen die Schüler Deutsch, auch unter sich. Aber was viele noch lernen müssen, ist diese Bildungssprache. Die Lehrer sprechen halt anders als ein Schüler mit seinen Kumpels. Das ging mir ja auch so. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, da wurde auch keine Bildungssprache gesprochen.

Sind Sie denn dafür, dass auf den Schulhöfen ausschließlich Deutsch gesprochen wird ?

Als Schüler fand ich eine solche Regelung nicht gut. Denn die andere Sprache gehört ja auch zu mir, zu meiner Persönlichkeit. Als Lehrer versuche ich immer, darauf zu achten, dass die Schüler Deutsch sprechen, wenn jemand dabei ist, der die andere Sprache nicht kann. Eine Sprache auf dem Schulhof zu verbieten, finde ich aber problematisch.

Sie haben ja auch das Diesterweg-Gymnasium in Wedding besucht. Ein paar Jahre später wollte dort ein muslimischer Schüler einen Gebetsraum eingerichtet bekommen und zog vor Gericht. Welche Rolle spielt Religion an Ihrer Schule?

Der Fall ist mir natürlich bekannt. An unserer Schule, die ja von Schülern verschiedener Religionszugehörigkeit besucht wird, habe ich so etwas bisher nicht wahrgenommen. Unsere Schulleitung versucht aber immer, eine Lösung zu finden, auch wenn es darum geht, dass Schüler ihrem Glauben nachgehen möchten.

Wo spielte die Religion schon mal eine Rolle?

Im Unterricht selbst hatte ich vor einiger Zeit ein interessantes Erlebnis im Mathematikunterricht der Oberstufe. Es ging um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Um das anschaulich zu machen, brachte ich Glücksspiele wie Lotto oder Roulette mit rein…

…Glücksspiel erlaubt der Koran nicht…

..da wies mich eine türkische, religiös orientierte Schülerin darauf hin, dass ich hier Sachen mache, die nicht mit der Religion vereinbar seien. Ich antwortete, dass es doch nur um Wahrscheinlichkeitsrechnung gehe, und ich niemanden aufgefordert habe, sein Geld ins nächste Spielcasino zu tragen.

Sind Sie selbst religiös?

Nach außen hin überhaupt nicht. Religion ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Deshalb sollte man Religion nicht nach außen tragen. Gläubig bin ich aber schon.

Derzeit laufen die Oberschulanmeldungen. Der Senat weist im Internet die Migrantenquote jeder Schule aus. Ist das noch sinnvoll?

Viele schreckt eine hohe Quote ab. So entstehen Schulen für Deutsche und Schulen für Nichtdeutsche. Ich habe noch keine Schule gesehen, wo fast 100 Prozent türkischer Herkunft sind und diese Schule gut funktioniert. Wir haben unterschiedliche Nationalitäten und Kulturen an unserer Schule, die Mischung ist gut und für jeden Schüler von Vorteil. Wir bieten zum Beispiel auch Begabtenförderung und haben insgesamt mehr Anmeldungen als Plätze. Eine gute Mischung ist wichtig.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre türkischen Schüler die selben Chancen haben wie die deutschen?

Prinzipiell schon. Ich denke, dass der Schulerfolg in erster Linie von der sozialen Herkunft abhängt und nicht von der Nationalität. Aber mich ärgert das Bild von den Türken, das viele haben und das vor allem aus den Medien kommt. Entweder sehr positiv oder sehr negativ. Manchmal gefällt es einem einfach nicht, wie Leute mit Migrationshintergrund in den Nachrichten dargestellt werden. Das überträgt so ein Klischee. Es gibt immer nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse. Verbrecher oder Vorbild. Wenn Vorurteile und Klischees verbreitet werden, beeinflusst das auch die Chancengleichheit.

Das Gespräch führten Martin Klesmann und Elmar Schütze.