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Tumult im Berliner Ensemble: Sarrazin-Veranstaltung verhindert

Eigentlich sollte Thilo Sarrazin am Sonntagvormittag im Berliner Ensemble auftreten. Doch daraus wurde nichts, weil Demonstranten den Saal besetzten.

Eigentlich sollte Thilo Sarrazin am Sonntagvormittag im Berliner Ensemble auftreten. Doch daraus wurde nichts, weil Demonstranten den Saal besetzten.

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Björn Kietzmann

Berlin -

In der gediegenen Atmosphäre des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm kam es am Sonntagmorgen zu allerlei unschönen Szenen. Am Ende hatten es gut 20 Demonstranten geschafft, das geplante „Foyergespräch“ mit dem umstrittenen Autor Thilo Sarrazin im Berliner Ensemble zu verhindern.

Schon als Sarrazin den Veranstaltungssaal betrat, stand eine Gruppe von zumeist migrantischen Demonstranten auf und hielt Plakate in die Höhe: „Wir sind Kopftuchmädchen“ oder „Wir schaffen Deutschland ab“, stand darauf, eine Anspielung auf Sarrazins früheres Buch „Deutschland schafft sich ab“, das nicht nur unter Migranten viel Unmut erzeugt hat. Diese Sarrazin-Gegner hatten sich regulär Eintrittskarten gekauft.

Sarrazin, der im BE mit Redakteuren der Monatszeitschrift Cicero sein neues Buch „Der neue Tugendterror“ besprechen wollte, wurde lautstark als „Rassist“ beschimpft und mit „Hau ab!“-Rufen bedacht. Mehrere oft schon ältere Zuhörer reagierten gereizt. Schließlich hatte sie zwölf Euro Eintritt gezahlt und wollten nun Sarrazin hören. Sie zerrissen einige Plakate der Protestierer, man schrie sich an unter Kronleuchtern.

Jutta Ferbers, Mitglied der Leitung des Berliner Ensembles, mahnte ziemlich verzweifelt zur Ruhe. Schließlich gewährte sie einer Demonstrantin Rederecht. Abgesprochen sei, dass dann alle Protestierer gehen, sagte Ferbers. Die junge Frau hatte ein weißes T-Shirt an, auf dem stand „Wir sind Jugendterror und Gemüsehändler“. Atemlos bezichtigte sie Sarrazin der rassistischen Ideologie.

Als sie abtrat, stellte sich heraus, dass die Demonstranten, die meist dem 2004 gegründeten türkischen Migrantenverein „Allmende“ angehörten, keineswegs den Saal verlassen wollten. Unterstützung bekamen sie von weiteren Protestlern auf der Empore. Nun drohte Jutta Ferbers als Hausherrin damit, „die starken Männer“ zu holen. Gemeint war die Polizei. Es kam zu weiteren Beschimpfungen und Rangeleien. „Benehmt Euch wie Demokraten“, rief ein älterer Herr im Anzug den Störern zu. „Rassismus ist nicht demokratisch“, entgegnete Ahmed Beyazkaya vom Verein Allmende. Gegenseitig warf man sich „Faschismus“ oder „Linksfaschismus“ vor.

Nach einer längeren Phase unentschlossenen Zauderns erklärte Ferbers per Mikrofon, dass das Theater einen Polizeieinsatz nun doch nicht zulassen werde. „Gewalt dulden wir in unserem Hause nicht“, erklärte sie und fügte an: „Wir beugen uns dem Meinungsterror.“ Offenbar hatte sie das mit dem gerade in Paris weilenden BE-Intendanten Claus Peymann abgesprochen. Damit war die Veranstaltung abgesagt, gesiegt hatten die Störer.

Sarrazin wirft Theater Versagen vor

Sarrazin und die anwesenden Cicero-Journalisten als Veranstalter reagierten verärgert. Jutta Ferbers selbst musste Sarrazin dazu auffordern, das Podium zu verlassen. „Das Berliner Ensemble weigert sich, das Hausrecht gegenüber Linksfaschisten auszuüben“, entgegnete Sarrazin. Das sei ein umfassendes Versagen der Leitung des Hauses und bedürfe keines weiteren Kommentars. Schließlich verließ er den Saal, woraufhin einige Protestler das Podium erstürmten. Draußen posierte später die Migrantengruppe Allmende mit Victory-Zeichen. Vor dem Haus hatten zudem gut 100 Demonstranten hinter einer Polizeiabsperrung dagegen protestiert, dass das traditionsreiche Brecht-Theater Räume für Sarrazin zur Verfügung stellt.
Die Veranstaltung soll nun womöglich an anderem Ort stattfinden.Thilo Sarrazin jedenfalls kann jetzt erst recht behaupten, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland ihre Grenzen habe.