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Überlebende der NS-Diktatur: Ein lebendes Beispiel

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Marion House (rechts) mit Begleiterinnen vor der Litfaßsäule, die ihr Foto zeigt.
Marion House (rechts) mit Begleiterinnen vor der Litfaßsäule, die ihr Foto zeigt.
 Foto: Julia Haak
Berlin –  

Marion House flüchtete als Jugendliche vor den Nazis nach England. Jetzt ist sie für einen Besuch zurück gekommen. Im Rahmen des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ ist auf einer Säule vor dem Bahnhof Friedrichstraße ihr Bild zu sehen.

Als Marion House ihr Gesicht präsentiert, gießt es in Strömen. Über den Vorplatz am Bahnhof Friedrichstraße fegt der Wind. Aber die 90 Jahre alte kleine Frau lehnt sich einfach nur gegen die Säule, auf der ihr Bild zu sehen ist, und guckt belustigt. Heftiger Regen kann ihr jedenfalls nichts anhaben. Sie ist noch da. Das konnten nicht einmal die Nazis verhindern.

Marion House ist ein lebendes Beispiel dafür, dass der Nationalsozialismus in Deutschland nicht alles zerstören konnte. Marion Sauerbrunn, wie sie ursprünglich hieß, hat überlebt – wenn auch im Ausland. Marion House ist Jüdin. Im Mai 1939 verließ sie die Stadt mit einem Kindertransport nach England und gelangte wie etwa 10.000 andere Kinder nach London. Jetzt prangt ihr Bild auf einer Themensäule des Projektes „Gesicht zeigen“ – einem Beitrag im Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“, das an die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erinnert.

Es ist nicht der erste Besuch der alten Dame in Berlin seit ihrer Flucht. „Ich komme jedes Jahr“, sagt sie. Weil sie sich für die Stadt interessiere und hier gute Freunde habe. „Aber meine Heimat ist jetzt New York“, sagt sie. Dort lebt ihre Familie und dort fühlt sie sich zu Hause.

Über London in die USA

Am Mittwoch ist sie auf Bitten der Projektorganisatoren gekommen, um ihrem Porträt auf der Säule etwas lebendige Präsenz zu verleihen. „Ein bisschen merkwürdig“, fühle sie sich im Angesicht ihres eigenen Plakats, sagt sie. So als lebendes Ausstellungsstück. Aber es ist ja für einen guten Zweck.

Marion House ist gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen, wie es ihr gelingen konnte, zu überleben. Und davon kann ein bisschen Regen sie nicht abhalten. Und so spricht sie, während Begleiter Schirme über ihren Kopf halten. Im Mai 1939 war sie 16 Jahre alt. Ihre Eltern setzten die Tochter, wenn sie sich richtig erinnert, wohl am Anhalter Bahnhof in den Zug. „Wir haben darüber gesprochen, was das bedeutet, ich war ja kein kleines Kind mehr“, sagt sie. Ihr sei klar gewesen, dass es durchaus eine Trennung für immer sein konnte.

Der Anfang in London war beschwerlich. Nach ihrer Ankunft saß sie erstmal sechs Monate in einem Londoner Kinderheim fest. Schließlich bestieg sie wieder einen Zug. Mit einem Zettel in der Hand, auf dem ein kleiner Ort in Kent notiert war und englischen Pfund im Gegenwert von zehn Mark in der Tasche. Sie arbeitete als Kindermädchen und später im Pelzgeschäft ihres Onkels, der ebenfalls im Exil lebte.

1945 kam die Nachricht, dass ihre Eltern in einem KZ überlebt hatten. Sie ließ sich von der amerikanischen Armee als Dolmetscherin anwerben, um nach München zu kommen, in die Nähe der Eltern. Gemeinsam wanderten sie schließlich in die USA aus. „Ich habe geheiratet und eine Tochter bekommen“, sagt sie. Von den USA aus arbeitete Marion House mit einem Berliner Anwalt zusammen und sorgte dafür, dass in Amerika gestrandete Juden in Deutschland Wiedergutmachungsanträge stellen konnten.

Ausstellung in Bellevue

Marion House spricht gut deutsch. In New York trifft sie sich einmal in der Woche mit anderen ehemaligen Deutschen zum Gespräch – das hält die Erinnerung an die alte Sprache wach. Sie ist auch gut zu Fuß. An diesem Tag steigt sie nach dem Termin an der Säule in die S-Bahn und fährt zum Bahnhof Bellevue. Dort in den S-Bahn-Bögen vertieft das Projekt die Auseinandersetzung mit der Geschichte für Jugendliche.

Die Heranwachsenden können dort auch Marion House begegnen. Zwei Filme sind zu sehen, die sie gemeinsam mit dem Regisseur Robert Thalheim mit Schülern der Rückert-Oberschule gedreht hat. Marion House war vor ihrer Flucht selbst Schülerin an dieser Schule in Schöneberg.

In dem Film „Das Poesiealbum“ sieht man die heutige Marion House durch die Schule gehen. Schüler springen auf dem Schulhof herum und Marion House erzählt vom Kästchenhüpfen und Murmelspiel ihrer Schulzeit. Sie spricht auch von einem Poesiealbum, das ihr ihre beste Freundin gegeben hatte, bevor sie von einem Tag auf den anderen aufgehört hat, mit ihr zu sprechen. „Ich wusste nicht, was los war“, sagt Marion House. Aber der Verdacht lag nahe, dass die Eltern dem Mädchen verboten hatten, mit der Jüdin weiterhin befreundet zu sein. Was sollte sie nun mit dem Album machen? Marion House hat es der Freundin wortlos vor die Wohnungstür gelegt. Im Film erledigt das ein Mädchen im entsprechenden Alter stellvertretend für sie. „Heute denke ich, ich hätte reinschreiben sollen, wie traurig ich war“, sagt sie.

Wenn sie nach Berlin kommt, besucht Marion House jedes Mal auch die Rückert-Oberschule. Ein Schüler hat sie bei einem dieser Besuche mal gefragt, ob sie lieber ein christliches Mädchen gewesen wäre – damals in den 30er Jahren. „Da war ich echt überrascht. Ich bin doch, was ich bin“, sagt sie und lacht.

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