blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Umstrittenes Buschkowsky-Buch: Neukölln: Veränderung durch Debatten?
29. September 2012
http://www.berliner-zeitung.de/3805170
©

Umstrittenes Buschkowsky-Buch: Neukölln: Veränderung durch Debatten?

Eine Frau mit Kopftuch neben Lady Gaga. Die Karl-Marx-Straße ist ein Boulevard der Gegensätze.

Eine Frau mit Kopftuch neben Lady Gaga. Die Karl-Marx-Straße ist ein Boulevard der Gegensätze.

Foto:

Paulus Ponizak

Berlin -

Die Hermannstraße ist eine Straße nach Heinz Buschkowskys Geschmack. Billige Telefonläden, Spielsalons und türkische Imbisse reihen sich aneinander. Es ist eine Gegend, in der die Armut gegenwärtig ist. Und häufig hat sie einen migrantischen Hintergrund. Es ist nicht so, dass die Hermannstraße Heinz Buschkowsky gefällt. Aber sie bietet einen gute Vorlage für seine Thesen von der gescheiterten Integration, dem Multikulti-Irrtum. Gerade ist sein Buch „Neukölln ist überall“ erschienen

Die junge türkischstämmige Verkäuferin in einem Jeansladen in der Hermannstraße hat das Buch nicht gelesen. Sie wird es auch nicht tun. Aber gehört hat sie davon. Sie erzählt, dass sie aus dem Rollbergviertel kommt, einem 70er-Jahre-Wohnkomplex mit sehr schlechtem Ruf. Er liegt nicht weit von ihrem Arbeitsplatz. Sie sagt, wie schwer es war, sich von ihren strengen Eltern zu emanzipieren. Und dass ihr der Mädchentreff „Madonna“ dabei geholfen hat. „Der Buschkowsky sollte lieber mehr für solche Mädchen tun, als Neukölln so schlechtzureden. Der ist doch Bürgermeister für Neukölln.“

Veränderung durch Debatten

Im Übrigen verändere sich der Kiez gerade sehr. „Wir haben ganz viele Touristen und Leute von überall hier im Laden, das gab es noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht“, sagt sie. Ein Hoffnungsschimmer? „Na klar, die Mischung wird langsam besser.“ Aber ihr selbst scheint es nicht schnell genug zu gehen. „Wenn ich Kinder habe, ziehe ich weg. Hier können sie nicht zur Schule gehen, hier lernen sich ja nur Türkisch. Ich will dann nach Grunewald oder so.“

Gudula Raudszus-Niemann hat auch einmal erwogen, den Bezirk zu verlassen, als die Kinder kamen. Aber nun lebt sie nur ein paar hundert Meter vom Rollberg-Viertel entfernt. Menschen wie sie gibt es eigentlich gar nicht. Jedenfalls nicht im Neukölln-Universum von Heinz Buschkowsky. Vor vier Jahren hat sie sich eine Wohnung in der Weserstraße gekauft, einer Parallelstraße der Sonnenallee. Hier lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern.

Gudula Raudszus-Nieman ist Kunsttherapeutin, ihr Mann arbeitet als IT-Berater. In ihrer Wohnung mit den abgezogenen Dielen stehen ein Klavier, Bücherregale. In diesem Jahr ist ihre Tochter eingeschult worden, und wenn man Buschkowsky folgt, dann hätte die Familie wegziehen oder sich zumindest zum Schein in einem anderen Bezirk anmelden müssen, damit das Kind nicht in Neukölln zur Schule gehen muss, mit vielen Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache.

Doch das Mädchen geht seit August in die 1. Gemeinschaftsschule Neukölln, die Teil des Campus Rütli ist. Gudula Raudszus-Niemann hat die Schule vor zwei Jahren bei einem Tag der offenen Tür kennengelernt. Sie habe ihr gefallen. „Ich habe dann Werbung gemacht bei anderen Eltern in unserer Kita“, sagt Gudula Raudszus-Niemann. „Und es hat viele gegeben, die dann gesagt haben: Gut, wir trauen uns auch.“

Gudula Raudszus-Niemann hat Buschkowskys Buch nicht gelesen. Und sie nimmt es gelassen, dass der Bürgermeister darin Neuköllns als Symbol für gescheiterte Integrationspolitik beschreibt. „Er provoziert, aber entfacht dadurch wichtige Debatten“, sagt sie. Und damit hat sie gute Erfahrungen gemacht. Als vor sechs Jahren die Schulleiterin der Rütli-Schule in einem Brandbrief die schwierigen Verhältnisse an ihrer Schule beschrieb, habe das auch zu einer Debatte geführt. Seitdem engagiert sich Gudula Raudszus-Niemann in einer Elterninitiative für ihren Kiez.

„Ihr wollt uns nicht wirklich“

Nicht überall gibt es Veränderung. In einer Grundschule nicht weit von der 1. Gemeinschaftsschule sind in einer Klasse ein, höchstens zwei Kinder aus Familien, in denen Deutsch gesprochen wird. Es gibt Eltern, die nach 30 Jahren in Berlin kaum Deutsch können, und Schüler, die jeden Tag zu spät kommen. Die Schulleiterin sagt, dass sie Wichtiges nur mit den Vätern bespricht, weil sie das Sagen haben. Und sie sagt, dass sie sich schämt, wenn sie die Mütter wegschickt.

Ihren Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen, sie will sich nicht unbeliebt machen bei den Eltern. Sie möchte auch niemanden verschrecken, der ihre Schule vielleicht doch in Erwägung zieht. Und Heinz Buschkowsky? „Ich bin ihm dankbar, er sagt die Wahrheit“, sagt sie. Und das macht vielleicht seinen Erfolg aus, wenigstens zum Teil. Es gibt Menschen, die sich von ihm vertreten fühlen.

In einer Shisha-Bar in der Jonasstraße, einer Nebenstraße der Hermannstraße, ist die Luft dick vor Rauch. Die Tür zur Straße steht offen. Ein paar junge Männer ziehen an Wasserpfeifen, spielen an Automaten. Einer heißt Hassan, 30 Jahre alt, hat Abitur gemacht und besitzt eine kleine Bäckerei. Ein Beispiel für gelungene Integration, denkt man. Aber Hassan sagt: „Wenn ich Geld hätte, wäre ich längst weg. In Istanbul oder in Amerika, das machen viele Türken. Gerade die mit guter Ausbildung.“ – Warum? „Weil sie hier nicht die gleichen Chancen haben. Man muss doppelt so gut sein wie die Deutschen. Ihr wollt uns nicht wirklich.“

Neukölln nur ein Durchlauferhitzer?

„Jung, männlich, Migrant“, zitiert Buschkowsky einen Polizisten, den er nach den Risikofaktoren für Kriminalität fragt. „Das Feindbild sind die verhassten Deutschen“, schreibt Buschkowsky. „Stress gibt es hier doch schon lange nicht mehr“, sagt Hassan. „Die Türken haben vielleicht Ärger mit den Arabern. Oder untereinander.“ Weil es nur noch so wenige Deutsche gibt? „Ja, kann schon sein“, sagt er und grinst dabei.

Menschen wie Annika Oldenburger und Hugo Berneth fühlen sich nicht als Minderheit. Sie gehören der Neuköllner „Kreativwirtschaft“ an, die Heinz Buschkowsky in seinem 400-seitigen Buch auf zweieinhalb Seiten abhandelt. Sie sind Repräsentanten der Veränderung, die sich seit einigen Jahren in Nord-Neukölln vollzieht. Die sich ausdrückt in neuen Cafés, Bars und Restaurants , Designer-Läden, Ateliers und Galerien.

Annika Oldenburger und Hugo Berneth sind vor einem Jahr aus Hamburg gekommen. Sie haben hier ihren Traum verwirklicht. In der Reuterstraße öffneten sie einen Laden, in dem es schöne, fantasievoll gestaltete Dinge zu kaufen gibt. Windlichter, deren oberer Teil aus einem Flaschenhals besteht, der untere aus Holz. Eine Mutter, die mit einer Schraube verbunden als Flaschenöffner dient. Man kann hier einen Platz auf einem der weißen Regale mieten und selber etwas anbieten. Sie finden es ein bisschen merkwürdig, dass Heinz Buschkowsky seinen eigenen Bezirk schlechtredet. „Er sollte zurückhaltender sein“, sagt Hugo Berneth.

Heinz Buschkowsky kritisiert, dass sich Leute wie Annika Oldenburger und Heinz Berneth nur in den Erdgeschossen tummeln. Dass Neukölln für sie nicht mehr als eine Station ist, der Bezirk ein Durchlauferhitzer, wie er es nennt. Aber die beiden wohnen auch hier. Und sie haben nicht vor, wegzuziehen. „Was es zum Durchlauferhitzer machen könnte, sind die gierigen Vermieter“, sagt Hugo Berneth. „Die können so eine Entwicklung schnell kaputt machen.“