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Umstrittenes Kunstprojekt „Peace Wall“: Grenz-Fall in Kreuzberg

Vier Wochen war die Friedrichstraße in Kreuzberg durch ein Kunstwerk blockiert. Wegen heftiger Anwohner-Proteste wurde es vorfristig abgebaut.

Vier Wochen war die Friedrichstraße in Kreuzberg durch ein Kunstwerk blockiert. Wegen heftiger Anwohner-Proteste wurde es vorfristig abgebaut.

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Imago

Berlin -

Nach nicht mal zehn Stunden ist sie weg. Die Mauer mitten auf der Friedrichstraße in Kreuzberg, die dort vier Wochen lang für heftige Debatten sorgte. Am Donnerstagmorgen haben Bauarbeiter damit begonnen, zuerst Wellblech, Spanplatten und dann ein Riesengerüst aus Eisenstangen und Betonfüßen zu entfernen. Nur bunte Farbkleckse sind auf der Straße noch zu sehen – getrocknete Zeugnisse einer Kunstdebatte. Fast könnte man meinen, sie seien Teil des Projekts. Teil der „Peace Wall“ der mazedonischen Künstlerin Nada Prlja. Im Rahmen der 7. Berlin-Biennale hatte sie die zwölf Meter breite und fünf Meter hohe Mauer auf die Friedrichstraße stellen lassen, als Mahnmal gegen Armut, gegen soziale Spaltung und gegen drohenden Verdrängung im Kreuzberger Kiez.

Am Tag des Abbaus, der zwei Wochen vorfristig erfolgt, ist die Aufregung über die Barrikade kaum noch spürbar. Unbedrängt gehen die Bauarbeiter ihrer Tätigkeit nach. Nur eine Radfahrerin applaudiert und ruft: „Endlich weg mit diesem Scheiß!“. Schaulustige wie zuletzt gibt es kaum.

In den vergangenen vier Wochen waren im Viertel viel Unverständnis und Ablehnung laut geworden. Das Kunstwerk wurde beschädigt, die Künstlerin attackiert. Letztlich gab Nada Prlja nach und stimmte dem vorzeitigen Abbau zu. Am Donnerstag sitzt sie im Café Pineo an der Ecke zur Hedemannstraße. „Dieses Projekt hat mich bis zum Schluss emotional sehr beansprucht. Aber ich denke, dass wir eine Botschaft vermittelt haben“, sagt sie. Mit der Mauer habe sie den Anwohnern ein Forum zur Meinungsäußerung geben wollen. „Es gab genauso viele positive wie negative Reaktionen, ich stand mit vielen Anwohnern in Kontakt“, sagt sie. Der Kontakt fiel oft heftiger aus als erwartet. Neben wüsten Beschimpfungen hätten Autofahrer und Radler versucht, sie anzufahren. Weithin sichtbar leuchtete das Wort „Arschkunst“auf dem Werk.

Viele fühlten sich stigmatisiert

Dass Kunst polarisieren kann, ja sogar muss, meint ein Mitarbeiter des Vereins Motz & Co, der auch ein Straßenmagazin herausgibt und direkt neben der Vierwochen-Mauer seinen Sitz hat. „Ich habe wenig Verständnis für den Vandalismus“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Und: „Ich finde, dass Gentrifizierung eine hässliche Sache ist, auf die man mit einem hässlichen Kunstwerk hinweisen kann.“

Offensichtlich haben die meisten Anwohner die Intention der Künstlerin nicht verstanden und die Mauer nur als Sperre begriffen. Händler beklagten Umsatzrückgänge von bis zum 50 Prozent, weil Kunden nicht mehr zu ihnen durchkamen. Viele fühlten sich auch stigmatisiert: „Wir werden als Ghetto dargestellt, in dem nur Kunstbanausen leben“, sagt die Schuhmacherin Hendrike Ehlers. Tatsächlich ist der Kreuzberger Teil der Friedrichstraße – im Gegensatz zum glamourösen reichen Mitte-Teil – ein sozial schwacher Kiez mit hohem Anteil an Migranten und Hartz-IV-Empfängern.

Die Künstlerin sieht auch in den Beschädigungen und Aggressionen eine Aussage: „Die Leute geben ihrer Meinung eine Form, nur haben es einige übertrieben.“ Anwohner sehen das Konzept eher kritisch „Es gibt kaum ein Viertel in der Stadt, in dem mehr über Probleme diskutiert wird als hier, Debatten muss man nicht erst anstoßen“, sagt Florian Schmidt vom Verein Friedrichstraße Süd. Die „Peace Wall“ habe zwar die Probleme öffentlich gemacht, jedoch ohne einen positiven Ansatz zu bieten. Soziale Entwicklung könne nur im Dialog mit den Betroffenen funktionieren.

Es gibt aber auch Befürworter des Bollwerks: Am Donnerstag legen Mitglieder der „Partei“ einen Kranz nieder, um „gegen den Abriss der Mauer“ zu protestieren.