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Umzug SchwuZ: „Oh mein Gott, ihr geht ins Rollbergviertel!“

Hat in den letzten Monaten nur selten so entspannt rumgesessen: Marcel Weber, Geschäftsführer des SchwuZ.

Hat in den letzten Monaten nur selten so entspannt rumgesessen: Marcel Weber, Geschäftsführer des SchwuZ.

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Berliner zeitung/Lars Reimann

Am Sonntag ist Schluss! Nach 18 Jahren am Mehringdamm zieht die Club-Institution SchwuZ ins Neuköllner Rollbergviertel. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Marcel Weber, 33, über die Geschichte des Clubs, neue Konzepte und alte Vorurteile gegenüber dem Kreuzberger Nachbarstadtteil.

Herr Weber, das SchwuZ zieht nach 18 Jahren vom Kreuzberger Mehringdamm nach Neukölln ins Rollbergviertel. Warum?

Es gibt viele Gründe. Einer ist sicherlich die Schwierigkeit, dass unsere Gäste lange durch das „Melitta Sundström“, das Café vor dem SchwuZ, gehen mussten, um in den Club zu gelangen. Der ausschlaggebende Grund ist aber die Tatsache, dass das SchwuZ in den letzten Jahren stetig gewachsen ist, erfolgreich mit seinen Veranstaltungskonzepten jeglicher Art ist. Wir brauchen mehr Platz für die Gäste und auch fürs Personal.

Haben Sie keine Angst, dass der Erfolg des SchwuZ an einem anderen Ort nicht so einfach fortzuführen ist?

Ich weiß nicht, ob man das an einem Ort festmachen kann. Die Veränderung ist ja auch Teil der Historie. Es ist der vierte SchwuZ-Umzug: Kurz nach der Gründung sind wir von der Dieffenbachstraße in die Kulmer Straße, dann 1986 in die Hasenheide, und 1995 an den Mehringdamm gezogen. Neukölln wird ein neues Kapitel sein.

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Mit welchem Konzept?

Wir haben ein sehr breitgefächertes Programm. Freitags eher alternativere Sachen mit Indie und Electro, Samstags eher Retro und Pop. Jede Party spricht eine eigene Zielgruppe an. Partys wie „London Calling“ zum Beispiel richten sich an ein Independent-Publikum, während „L-Tunes“ eine mehr oder minder reine Lesbenparty ist. Der Samstag hingegen ist eher Mainstream.

Wie viele Leute arbeiten denn für das SchwuZ?

Wir haben 20 Festangestellte und darüber hinaus rund 50 Nachtarbeiterinnen und Nachtarbeiter. Das fängt beim Einlass an, geht über die Garderobe bis hin zur Bar und der Reinigung.

Das Neuköllner Rollbergviertel ist ja kein besonders schwulenclub-affiner Kiez ...

.. das war Kreuzberg 61 ja 1995 auch nicht, als das SchwuZ da hin zog.

Es gibt doch aber sicherlich einen Unterschied zwischen den Bewohnerschichten beider Viertel.

Das würde ich so gar nicht sagen. 61 war 1995 nicht so erschlossen wie jetzt.

Ich habe mich gefragt, ob es keine Ängste gibt vor Konflikten mit der türkisch-arabischen Community, die in der Regel nicht sehr schwulenfreundlich ist.

Ich war sehr überrascht, welches Publikum man im Rollbergviertel sieht. Nämlich viele Schwule und Lesben, oft Gäste aus dem „jetzigen“ SchwuZ. Klar gab es Leute, die sagten: „Oh mein Gott, ihr geht ins Rollbergviertel!“ Aber es gab auch viel Zuspruch.

Es gab also keine Befürchtungen, dass es in Neukölln zu Konflikten kommen könnte?

Keine größeren als an anderen Orten in Berlin. Wer definiert denn, wie gefährlich ein Kiez ist? Es gibt hier nicht signifikant mehr Gewalt als in anderen Kiezen. Wenn man Brücken bauen will, dann sollte man vorher keine Panik verbreiten. Am Mehringdamm wussten wir auch nicht, wie es werden wird. Es geht gar nicht darum, eine Gefahr kleinzureden, aber in Neukölln wohnen 300 000 Menschen, klar passiert da mehr als in anderen Stadtteilen. Ich hatte bislang hier nicht das Gefühl, dass es ein besonderes Gewaltpotenzial gibt. Am Mehringdamm ist auch antischwule Gewalt passiert, Transen wurden bespuckt, bedroht und geschlagen. In Schöneberg passieren die meisten Gewaltübergriffe gegen Lesben und Schwule. Dem muss man etwas entgegensetzen. Warum kann sich nicht auch im Rollbergviertel etwas Positives entwickeln? Die Rütlischule ist doch auch das Vorzeigeprojekt schlechthin geworden.

Was ist im neuen SchwuZ anders, außer der doppelten Quadratmeterzahl?

Wir werden in Neukölln viel mehr die Möglichkeit haben, mit Künstlern zusammenzuarbeiten: Wir können Ausstellungen machen, größere Konzerte fahren. In Kreuzberg geht das schon aufgrund der Soundanlage nicht. Der neue Sound wird von einem Soundingenieur entwickelt. Wir werden drei Bars haben und drei Tanzflächen.

Wie sind Sie auf die Kindl-Brauerei gekommen?

Das kam über einen Kontakt zum Chef des Möbel Olfe, der in der Kindl-Brauerei eine Party machen wollte, der kam auf mich zu. Davor war hier ja schon mal ein Club drin, das Cube, das ist ja pleitegegangen.

Am Sonnabend wird Abschied vom Mehringdamm gefeiert ...

.. genau. Am Samstag und Sonntag machen wir unsere 25-Stunden-Abschiedsparty mit 19 DJs, darunter Alle Farben und Boris aus dem Berghain, aber vor allem natürlich Pop und Retro – unser Steckenpferd. Am Sonntag um Mitternacht wird dann symbolisch der Stecker gezogen.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.

SchwuZ: „Tschüss Kreuzberg“, 25 Stunden Abschiedsparty. Sa, 9.11., 23 Uhr. Mehringdamm 61, Kreuzberg

Sa., 16 11., 23 Uhr Grand Opening, Rollbergstraße 26, Neukölln

Hier gibt's den Umzugsblog mit aktuellen Infos und Bildern