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Ungelöster Mordfall: Rätselhafte Schüsse

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Mehr als 2 000 Menschen nahmen auf dem islamischen Friedhof am Columbiadamm Abschied von Burak B.
Mehr als 2 000 Menschen nahmen auf dem islamischen Friedhof am Columbiadamm Abschied von Burak B.
Foto: dapd/Timur Emek

Der Mord an Burak B. gehört zu den Tötungsdelikten des Jahres 2012, die nicht geklärt werden konnten. Jetzt kann nur der Zufall helfen.

Erschlagen und erdrosselt, erstochen und erschossen: Alle drei bis vier Tage wird in der Hauptstadt ein Mensch getötet. Messer sind immer noch die Tatwaffe Nummer eins. Seit Jahren schon sind die Zahlen von Mord und Totschlag in Berlin konstant. Neun von zehn Tötungsverbrechen klärt die Polizei innerhalb weniger Tage auf. Für den Rest benötigen die Fahnder Monate, manchmal auch Jahre. So ein Fall ist der Mord an Burak B. aus Neukölln. Es ist für die Ermittler der komplizierteste Fall in diesem Jahr und einer der mysteriösesten Fälle seit mehr als 20 Jahren.

Fünf Schüsse

Am 5. April saß der 22-jährige Burak B. mit vier Bekannten auf einer Bank in der Rudower Straße, unmittelbar am Krankenhaus Neukölln. Kurz nach ein Uhr trat ein Mann auf die Gruppe zu. Wortlos zog er eine Waffe aus der Jacke und feuerte dreimal auf die jungen Männer, die aus türkischen, arabischen und russischen Einwandererfamilien stammen. Nach einer kurzen Pause fielen zwei weitere Schüsse. Dann flüchtete der Mann in eine Seitenstraße. Die Waffe nahm er mit. Burak B. starb auf dem Weg in das Krankenhaus. Ein Notarzt hatte versucht ihn zu reanimieren, vergeblich. Zwei seiner Bekannten brachen getroffen zusammen. Sie mussten notoperiert werden.

Die Ermittlungen waren von Anfang an schwierig, weil Zeugen sich zum Teil vehement widersprachen. Die einen sagten, dass ihnen der Schütze bekannt vorkam, andere, dass sie ihn noch nie gesehen hatten. Die nächsten wiederum hatten von einem Streit gehört, bei dem der Schütze von Rache sprach. Fest steht lediglich, dass der Mann etwa 1,80 Meter groß ist. Er soll einen grün-schwarzen Kapuzenpullover getragen haben und zwischen 40 und 60 Jahre alt sein.

Motiv im Dunkeln

„Trotz wochenlanger intensiver Ermittlungen sind wir in diesem Fall nicht weiter gekommen“, sagt die Chefin der Mordkommissionen, Jutta Porzucek. „Wir haben alles gemacht, was zu machen war“, so die Ermittlerin. Ein Motiv sei nicht erkennbar. Es könnte eine Beziehungstat oder die Tat eines geistig Verwirrten sein. Der Täter könne aber auch ein ausländerfeindliches Motiv gehabt haben. Jutta Porzucek und ihre Mitarbeiter hoffen nun auf einen Zufall. Dass die Tatwaffe irgendwo auftaucht oder der Täter vor anderen mit dem Verbrechen prahlt, das er begangen hat. „Wir sind für jeden Zeugenhinweis dankbar“, sagt die Polizistin und verweist auf die 15 000 Euro Belohnung, die von den Sicherheitsbehörden ausgesetzt worden sind.

Fälle wie der Mord an Burak B. sind deutschlandweit äußerst selten. Manchmal hat die Polizei Glück, und die Täter stellen sich nach Jahren selbst – weil sie entweder mit den Belastungen, einen Menschen getötet zu haben, nicht mehr leben wollen, oder nach einer Unterkunft suchen und ein geregeltes Leben führen wollen. So war es in dem hoffnungslos erscheinenden Fall von Dagmar Piechowski. Die 48-Jährige wurde im Juli 2002 auf einem Friedhof in Neukölln von einem 19-Jährigen erstochen. Beide kannten sich nicht. Zwei Jahre später stellte sich der Täter.

Weiterer ungeklärter Fall

Kopfzerbrechen bereitet den Ermittlern ein weiterer Fall aus diesem Jahr: der Mordfall Kindel. Trotz eines veröffentlichten Videos, das offenbar den mutmaßlichen Mörder zeigt, sowie einer Belohnung von 5 000 Euro, weiß die Polizei nicht, wo sich der Täter aufhält. Der 62 Jahre alte pensionierte Lehrer Manfred Kindel war am 23. März in seiner Wohnung am Klausenerplatz in Charlottenburg getötet worden. Einen Tag später wurde seine Leiche entdeckt. Die Fahnder fanden heraus, dass mit Kindels EC-Karte noch am Tattag zwischen 18.10 Uhr und 18.12 Uhr versucht worden ist, in einer Filiale der Berliner Bank in der Grunewaldstraße am Bayerischen Platz Geld abzuheben. Dann verliert sich die Spur des Täters.

Schon nach einer Woche wird es kompliziert

Acht Kommissionen im Landeskriminalamt klären Mord- und Totschlagsfälle auf. Jedes Team besteht aus maximal acht Mitarbeitern. Eine alte Polizeiregel besagt: Steht der Täter nicht nach einer Woche fest, werden die Ermittlungen der Polizei kompliziert. Bereits drei Tage nach der Tat können sich Zeugen nicht mehr genau erinnern, was sie gesehen haben, oder sie widersprechen sich in ihren Aussagen. So könnte aus einem Streit später ein fröhliches Beisammensein werden, sagen Ermittler. Nach sieben Tagen gehen auch Spuren verloren, auf die vorher nicht geachtet wurde, weil sie bei ersten Ermittlungen nicht relevant schienen.

Mord- und Totschlagsfälle sind auch dann schwer zu lösen, wenn sie in einer Szene geschehen, deren Mitglieder als sehr verschwiegen gelten. Dazu gehören insbesondere Tötungsverbrechen innerhalb der Zigarettenmafia oder im Rockermilieu. Im Fall Burak B. wird dieses Merkmal aber eher ausgeschlossen.

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