Neuer Inhalt

Unterkunft in Kreuzberg: Sicherheitsdienst für besetzte Schule

Ein Mann wirft an der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg am 30.08.2013 Müll in einen bereitgestellten Container. (Archiv)

Ein Mann wirft an der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg am 30.08.2013 Müll in einen bereitgestellten Container. (Archiv)

Foto:

dpa

Berlin -

Nächtliche Polizeirazzien wegen Messerstechereien, Matratzenlager neben glühenden Elektroöfen, Müll, der aus den Fenstern geworfen wird: Die ehemalige Gerhart-Hauptmann-Schule an der Reichenberger Straße in Kreuzberg ist seit Langem in den Schlagzeilen.

Das Gebäude, ursprünglich als Ort für Kultur- und Sozialprojekte vorgesehen, war im Herbst 2012 vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg als Winterquartier für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt worden. Doch schneller als jede Behörde zählen konnte, sammelten sich dort viele, die woanders keinen Platz fanden: Roma-Familien, Obdachlose sowie Drogendealer und andere Kriminelle. Aus dem Winterquartier wurde ein Dauerärgernis.

Doch eine Räumung ist im grün-rot regierten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kein Thema. So wie beim Zeltlager am Oranienplatz, setzt man auch in der Schule auf Gespräche – und darauf, dass alle das Haus freiwillig verlassen. Die Räume sollen dann von interessierten Theaterprojekten, Vereinen oder Sozialberatern bezogen werden.

Soweit die Theorie. Zur Praxis, also wann die Besetzer, die vom Bezirksamt Bewohner genannt werden, das Haus verlassen, wagt niemand eine Prognose. Lange war es dem zuständigen Bezirksstadtrat Hans Panhoff von den Grünen nicht gelungen, Kontakte im Haus zu knüpfen.

Jetzt vermeldete er einen ersten Erfolg. „Am Dienstagabend hat sich ein Kernteam aus sieben Bewohnern gebildet, das Verantwortung für das Haus übernehmen will“, sagte Panhoff am Mittwoch. Eine Art Selbstverwaltung, die bislang als gescheitert galt, soll erneut versucht werden. Der Bezirk hilft dabei. Er bezahlt einen privaten Sicherheitsdienst, dessen Mitarbeiter schon im Rathaus und anderen Dienstgebäuden als Pförtner tätig sind.

Sie sollen gemeinsam mit den Besetzern dafür sorgen, den weiteren Zuzug zu stoppen. Auch auf eine Hausordnung habe man sich geeinigt. Laut dieser ist offenes Feuer in den Räumen tabu, ebenso der Verkauf und die Lagerung von Drogen. Die Besetzer sollen sich eigenständig um die Sauberkeit der Toiletten kümmern. Und der Müll soll ordentlich entsorgt werden – in die Tonnen auf dem Hof, nicht „in deren ungefähre Nähe“, wie es hieß.

Schutzgerüste für Sozialarbeiter

Bislang wird nämlich vieles, was im Haus entbehrlich ist, aus den Fenstern geworfen. Unrat jeder Art, aber auch Sofas, Bretter oder Feuerlöscher. Was durchaus gefährlich sein kann für andere. Zum Beispiel für die Mitarbeiter des einzigen richtigen Mieters im Haus, des Drogenhilfevereins Fixpunkt. Der Verein hat in dem Schulgebäude seine Geschäftsstelle und zwei Projekte der Suchthilfe untergebracht.

Weil der Bezirk bislang nichts gegen die Zustände unternahm, griffen die Drogenhelfer zu drastischen Mitteln: Sie behielten die Januar-Miete ein und errichteten mit dem Geld drei Baugerüste mit Dächern, durch die man wie durch Tunnel zu den Eingängen kommt. So sollen die Sozialarbeiter vor herunter geworfenen Gegenständen geschützt werden. Das Bezirksamt toleriert, dass die Miete einbehalten wurde. „Wir hoffen aber, dass es bald wieder normal läuft“, hieß es aus dem Rathaus.

Doch was ist normal in der ehemaligen Schule? Dass die Besetzer freiwillig gehen, glaubt im Bezirk niemand, auch wenn es keiner sagt. Im Bezirksparlament will man am nächsten Mittwoch wenigstens eine Ausstiegsperspektive schaffen, wie SPD-Fraktionschef Andy Hehmke formuliert: „Wir müssen den Besetzern deutlich machen, dass sie dort keine Zukunft haben.“

Bis November 2013 sind dem Bezirk durch die Besetzung Kosten von 115.761 Euro entstanden, teilte Stadtrat Panhoff auf CDU-Anfrage mit. So teuer waren Strom, Wasser, Heizung und Reparaturen. Wären die Räume wie geplant an Projekte vermietet, hätte man etwa 14.000 Euro pro Monat eingenommen.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?