Berlin
Informationen und Veranstaltungen rund um die Hauptstadt Berlin und die Region

Urban Sketchers: Raue Stadt, ganz zart

Von 
Das ICC sah nie so schön, so leicht aus wie auf dieser Zeichnung von Rolf Schröter. Fast ein wenig wie eine Vision des großen Comiczeichners Moebius, der dieses Jahr verstarb.
Das ICC sah nie so schön, so leicht aus wie auf dieser Zeichnung von Rolf Schröter. Fast ein wenig wie eine Vision des großen Comiczeichners Moebius, der dieses Jahr verstarb.
Foto: Rolf Schröter
Berlin –  

Auf dem Blog Urban Sketchers zeichnen Menschen Berlin. Überraschend leicht, überraschend liebevoll.

Sie sind in der Stadt unterwegs und porträtieren, was ihnen vor das Auge kommt – die Urban Sketcher. Menschen aus meist künstlerischen und kreativen Berufen, die sich skizzierend ihre Umwelt aneignen und die Ergebnisse ihres Tuns für Jedermann sichtbar ins Internet stellen. „Die Welt zu zeigen, Zeichnung für Zeichnung“ ist ihre „Mission“. Für die Art und Weise, wie dies zu geschehen hat, gibt es ein „Manifest“.

Das klingt sehr streng, tatsächlich wirken die online gestellten Skizzen von Plätzen, Bars und Menschen aber überwiegend freundlich und heiter, die aquarellierten Arbeiten bisweilen sogar lieblich. Omar Jaramillo, ein vielgereister ecuadorianischer Landschaftsarchitekt und das organisatorische Rückgrat der Berliner Urban Sketchers, sieht das freilich ein wenig anders. Es gehe darum, den Ort zu erleben und das Geschehen zu verstehen, also mit der jeweiligen Skizze eine Geschichte zu erzählen, korrigiert er den ersten Eindruck der Autorin.

Dass etwa seine Bilder oft positiv scheinen mögen, mag mit seiner Vorliebe zusammenhängen, Orte in Berlin zu zeichnen, an denen er sich wohlfühlt, „Orte, die Freude ausstrahlen“. Überhaupt ist Omar ein sehr freundlicher Mensch, der ein langes spätes Frühstück und anschließendes Abhängen im Park für typisch berlinerisch, also irgendwie auch ein wenig für typisch deutsch hält. So sympathisch unteutonisch charakterisiert, fühlen wir uns natürlich gleich richtig erkannt!

Heimatlosigkeit schärft den Blick

Ein kollegiales nettes Miteinander ist überdies ein zentrales Moment der internationalen Urban Sketcher-Gemeinde, die als Non-Profit-Organisation 2007 von Seattle/USA aus ihren Anfang nahm. Die zugelassenen Blogger auf dem internationalen oder den zahlreichen lokalen Blogs verpflichten sich zur gegenseitigen Achtung und Unterstützung. Auch in Berlin treffen sich die momentan 17 aktiven Urban Sketcher immer wieder zu sogenannten Sketchcrawls, also dem gemeinsamen Skizzieren.

So funktioniert die Gruppe eben auch als feine Möglichkeit, Menschen kennenzulernen und zu treffen – ein gewisses zeichnerisches Talent vorausgesetzt. Gerade für Neu-Berliner mag das verlockend sein, die Mehrheit der skizzierenden männlichen und weiblichen Enthusiasten kommt jedenfalls nicht aus Deutschland. Eine gewisse Heimatlosigkeit schärft offensichtlich den Blick. Fremdes wird in Vertrautes transformiert.

Gerade die unterschiedlichen Herangehensweisen an das gleiche Thema sind dabei interessant: vom bis zur letzten Niete exakt abgebildeten Detail der Oberbaumbrücke etwa bis zum gerade noch erkennbaren wassergetuschten Gesamtobjekt variieren die Stile und Perspektiven. Ob der Zeichner, die Zeichnerin eher zehn Minuten oder doch 20 Stunden an der Skizze gearbeitet hat, ist dabei nicht notwendig erkennbar.

Nichts explizit Hässliches

Kompromisslos gibt sich das Manifest bezüglich des Zeichenprozesses: Die Skizze muss vor Ort entstehen, Fotovorlagen und Modelle sind streng untersagt. Der Materialwahl, analog oder digital, und der anschließenden Bearbeitung sind indes keine Grenzen gesetzt, der Blogger Bo Soremsky belebt seine Skizze vom Reuterplatz sogar mit einer kleinen Animation. Gescannt und ins Netz gestellt vereinheitlicht der immergleiche Ausschnitt auf dem Bildschirm die Vorlagen. Weder die Größe der Originale, noch deren unterschiedliche Texturen sind dort zu bestimmen. Das unterstreicht fraglos den Reportagegedanken der Zeichner. Doch wovon wird eigentlich berichtet?

Vor allem erfahren wir wohl etwas über den Alltag der zeichnenden Blogger. Die Straßenansichten, bevorzugt von Altbauvierteln, die vielen Kaffeehausbilder, die zahlreichen, niemals karikierenden Momentaufnahmen von U-Bahn-Reisenden oder die Studien von Musikern und Handwerkern lassen sich zu einem Bewegungsbild zusammendenken. Und obwohl Omar Jaramillo sowohl von der 1. Mai-Demo als auch vom „Kein Mensch ist illegal“-Protestcamp Skizzen eingestellt hat, es überwiegen die vertrauten Ansichten der Innenstadtbezirke und malerische Landschaften. Explizit Hässliches wie Naziaufmärsche oder heruntergekommene Plattenbausiedlungen finden sich dagegen eher nicht.

Im Gegenteil. Gerade die Skizzen der wiedererkennbaren Orte haben einen hohen dekorativen Aspekt und ließen sich sammeln. Allerdings ist der Verkauf der Skizzenbücher oder einzelner Skizzen nicht vorgesehen, als Werbung für die eigene Arbeit ist die Zurschaustellung der Momentaufnahmen aber sicher gut geeignet. Eine gewisse Sehnsucht, das Flüchtige zu verstetigen, ist jedoch auch dem Urban Sketcher nicht ganz fremd. Ausgewählte Arbeiten internationaler Blogger liegen als gedruckte „Weltreise“ nun auch auf deutsch vor. Wer sich davon inspiriert fühlt, mag sich den Urban Sketchers anschließen. Allein das Berliner Wetter, so Jaramillo, bereite oft keine Freude.

Gabriele Campanario, Urban Sketching. Zeichnen und Skizzieren unterwegs – eine Weltreise. Frech Verlag, 320 Seiten, 24,99 Euro

Im Internet auf: berlin.urbansketchers.org

9. November 1989
Jahrzehntelang trennte sie die Menschen. Am 9. November 1989 und den Tagen danach erklimmen die Menschen die Berliner Mauer, um das Ende der Teilung zu feiern. Heute stehen nur noch wenige Reste des gefürchteten Bauwerkes.

Am 9. November 2014 jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. Alles zum Thema lesen Sie hier.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Ressort

Was in Berlin passiert, beschäftigt oft die ganze Republik. Wir schreiben Nachrichten, Reportagen und Analysen aus dem Herzen der Hauptstadt. Und sagen, was wo läuft.


Wowereits Nachfolger
Am Tag nach der Entscheidung: Michael Müller, 49, während eines Interviews mit der Berliner Zeitung in einem Kreuzberger Café.

Die SPD-Mitglieder haben Michael Müller als nächsten Regierungschef bestimmt. Ist das die richtige Wahl?

Umfrage

Soll sich Berlin für Olympia bewerben?

Service

Wo drohen Staus? Fährt die S-Bahn? Immer ab 16 Uhr für den Folgetag.

Anzeige

Offen, hell und freundlich - am Berliner Bahnhof Gesundbrunnen entsteht ein neues Empfangsgebäude. mehr...

Sonderbeilagen & Prospekte
Aktuelle Berlin-Videos
So sah Berlin früher aus
Dossier
Am Alexanderplatz soll ein 150-Meter-Turm entstehen.

Wie soll die Mitte Berlins aussehen? Alles zur Städtebau-Debatte.

Dossier
Am 8. Mai 2010 hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) das Flugfeld für die Öffentlichkeit freigegeben.

Wohnen oder Park: Was wird aus dem alten Flughafen-Gelände?

Dossier
Wriezener Karree am Ostbahnhof.

Wie geht es weiter mit dem Berliner Immobilienmarkt?

Dossier
Der mittelständische Bauverband ZDB warf der öffentlichen Hand vor, in den vergangenen Jahrzehnten aus Kostengründen ihre Kompetenz als Bauherr stetig zurückgefahren zu haben.

Der Pannen-Flughafen Berlin-Brandenburg wird zum Politikum.

Berlin in Bildern
Polizei
Berliner Jobmarkt
Berliner Kieze und Bezirke