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Berliner Zeitung | Vattenfallverkauf bis 2016: Milliarden für den dampfenden Riesen in der Lausitz
17. July 2015
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Vattenfallverkauf bis 2016: Milliarden für den dampfenden Riesen in der Lausitz

Vattenfall will bis 2016 seine Kraftwerke und Gruben verkaufen. Dazu gehört auch das Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde. Das kann sogar ein wenig idyllisch wirken.

Vattenfall will bis 2016 seine Kraftwerke und Gruben verkaufen. Dazu gehört auch das Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde. Das kann sogar ein wenig idyllisch wirken.

Foto:

BLZ/Jens Blankennagel

JÄNSCHWALDE -

Was sein Kraftwerk an diesem Tag in etwa zu leisten hat, das ahnt Werksleiter Andreas Thiem schon morgens, wenn er aus dem Fenster schaut. Sein Büro befindet sich im zwölften Stock des Verwaltungsgebäudes des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde (Spree-Neiße), und von dort aus sind mehr als zwei Dutzend Windräder zu sehen. Wenn die sich richtig schnell drehen, und wenn dies auch die vielen zehntausend anderen Windräder der Republik tun, dann darf sein Kraftwerk nur noch auf Sparflamme laufen. In Zeiten der Energiewende haben die erneuerbaren Energien nun mal Vorrang.

Draußen stehen aber an diesem Tag alle Windräder still. „Kein Wind“, sagt Thiem. Der 55- Jährige erzählt von den offiziellen Prognosen für den Tag: Bundesweit könnten alle Windräder zusammen eine Leistung von 38000 Megawatt erbringen, doch heute sollen sie nur 2000 ins Netz einspeisen. „Also sind wir gefragt“, sagt Thiem. „Unser Kraftwerk schafft 3000 Megawatt, also die Hälfte mehr als alle Windräder heute zusammen.“ Deshalb fahren nun alle sechs Blöcke des Kraftwerks auf Volllast und werden allein an diesem einen Tag 8.0000 Tonnen Kohle verfeuern.

Thiem klingt zufrieden, aber es klingt auch ein ganz klein wenig bitter, wenn er sagt, dass am nächsten Tag wohl wieder Wind wehen soll, dass die Windräder dann 20000 Megawatt schaffen und das Kraftwerk seine Leistung wieder zurückfahren muss. „Damit das Stromnetz nicht überlastet wird.“

Gebrochener Stolz

Kraftwerker sind ein stolzes Völkchen. Sie stellen sicher, dass jeden Tag und jede Nacht überall das Licht angehen und die Wirtschaft arbeiten kann, auch wenn mal kein Wind weht oder keine Sonne scheint. Das ist ihre Sicht. Sie sagen: Wir liefern die Grundlast dafür, dass die teuren Spielereien mit den erneuerbaren Energien überhaupt möglich sind.

Doch die Zeiten ändern sich, und die Kraftwerker fürchten, dass die Bundesregierung im Rahmen der Energiewende nach dem Atomausstieg auch den Kohleausstieg plant.

Darauf angesprochen, dass die Braunkohlekraftwerke massenhaft Kohlendioxid ausstoßen und dass dieses Gas als echter Klimakiller gilt, sagen sie meist nur: Dafür fehlt der wissenschaftliche Beweis.

Es sind harte Zeiten für Kraftwerker, ihr Frust ist förmlich zu greifen. Gerade in der Lausitz geht seit Monaten die Angst um. Seit bekannt ist, dass der schwedische Energiekonzern Vattenfall seine fünf Braunkohlegruben und die vier dazugehörigen Kraftwerke verkaufen will. In einem Traditionsrevier, in dem seit 150 Jahren Kohle gefördert wird.

Dazu kommen die aktuellen Pläne der Bundesregierung, die einige der alten Kraftwerke oder Teile davon stilllegen will, um den CO2 -Ausstoß zu begrenzen und doch noch die vereinbarten Klimaschutzziel für Deutschland zu schaffen.

Auf die Frage, wie viele Jobs von diesem Kraftwerk abhängen, schaut der Chef wieder kurz aus dem Fenster. „So weit ich gucken kann, praktisch alle“, sagt Thiem. Es gebe doch sonst keine nennenswerte Industrie mehr und der Umbau zu einem Ausflugsgebiet mit vielen neuen gefluteten Tagebauen werde die Kohlejobs kaum ersetzen können. „Etwa 24000 Jobs hängen an der Kohle“, sagt er. Etwa 8200 direkt bei Vattenfall und knapp 16000 in den Zulieferer- und Servicebetrieben.

„Diese Arbeitsplätze gelten als volkswirtschaftlich wertvoll“, sagt Gerd Stecklina, der Stabsleiter des Kraftwerks. „Die Region kann doch nicht davon leben, dass man Bockwurst verkauft und sich die Haare schneidet.“ Beim Kraftwerk würden ordentlich Steuern gezahlt, die Mitarbeiter bekämen Tariflohn, es würden Sozialabgaben abgeführt und die Leute hätten Geld, das sie in der Region ausgeben können, sagt Stecklina. In der Windkraftbranche gebe es viel weniger Jobs, da verdienten doch nur die Investoren.

Kritik von Greenpeace

Wenn von Jänschwalde die Rede ist, sind überall Superlative zu lesen – meist im negativen Sinne. Das Kraftwerk liege beim Ausstoß von Kohlendioxid weltweit auf Platz 7, in Europa auf Platz 3. Jänschwalde wird von Greenpeace und anderen als bundesweit gesundheits- und klimaschädlichstes Kraftwerk gebrandmarkt, als Dreckschleuder.

Die Kraftwerker ficht das nicht an. „Das liegt doch nur an unserer Größe“, sagt Werksleiter Thiem. „Wir sind bundesweit das zweitgrößte Kraftwerk, deshalb sind die Gesamtwerte hoch.“ Kraftwerker rechnen anders und stellen nicht den Gesamtausstoß in den Vordergrund, sondern nur das Kohlendioxid, das pro erzeugter Kilowattstunde ausgestoßen wird. „Und da stehen wir dann deutlich besser da“, sagt Stabsleiter Stecklina.

Die Chefs sagen, dass das Kraftwerk, so wie es jetzt ist, noch bis 2030 laufen kann. Der bisherige Businessplan sah sogar eine Perspektive bis über das Jahr 2050 hinaus. Die Kraftwerker heben immer hervor, dass sie sich nicht als Gegner der erneuerbaren Energien sehen.

„Wir machen nicht den Fehler unserer Gegner, dass wir zwischen Gut und Böse unterscheiden“, sagt Werksleiter Thiem. „Wir sehen uns als Partner der Erneuerbaren.“

Der Konzern habe sehr viel Geld in das Werk gesteckt, um es an die Erfordernisse der neuen Zeit anzupassen. Die sechs Kraftwerksblöcke können so hoch und runter gefahren werden, dass sie jeweils zwischen 180 und 500 Megawatt liefern. Je nachdem, wie der Wind weht und die Sonne scheint.

Ganz abschalten, wie es viele Kohlegegner hoffen, geht nicht, sagen die Kraftwerker. Denn das Werk sorgt für Wärme im benachbarten Peitz und auch in der Fast-Noch-Großstadt Cottbus mit knapp unter 100000 Einwohnern. Außerdem werden jedes Jahr auch noch 400000 Tonnen Müll verbrannt – der größte Teil kommt aus Berlin.