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Verbindung zum Märkischen Museum: Berlins Märchenschloss braucht eine Brücke

Stadtmuseum Ludwig Hoffmann entwarf und errichtete das Märkische Museum 1899 bis 1908 als Märchenschloss inmitten eines modernen Umfelds.

Stadtmuseum Ludwig Hoffmann entwarf und errichtete das Märkische Museum 1899 bis 1908 als Märchenschloss inmitten eines modernen Umfelds.

Foto:

Stadtmuseum Berlin

Der Versuch, die Hälfte der einstigen Berliner Altstadt zu durchqueren, ist kein lauschiger Spaziergang, sondern ein halsbrecherisches Abenteuer: Er geht vom Roten Rathaus zum Märkischen Museum, vorbei am Alten Stadthaus – drei Fixpunkte des Gemeinwesens Berlin. Wäre man der liebe Herrgott, sähe man, dass die Türme der drei stolzen Bürger-Bauwerke auf exakt einer Linie von nur 500 Metern Länge liegen. Donnerwetter, denkt sich der heutige Stadterkunder, da haben sich Bauherren etwas gedacht. Sie stellten Bezüge zwischen wichtigen urbanen Orten her. Spätere Generationen zerstörten sie.

Auf geht’s! Das Rote Rathaus im Rücken schreiten wir über einen Parkplatz, dann springen wir, die Angst im Nacken, über die vier Autospuren der Grunerstraße, queren einen weiteren Parkplatz auf dem Mittelstreifen, sprinten über die nächsten vier Autospuren. Nach dem Passieren des Stadthauses wagen wir uns über die nicht minder verkehrsbeunruhigte Stralauer Straße, biegen rechts in den toten Stummel der Littenstraße und erreichen die Spree. Dann ist Schluss. Nähme man einen 600-Meter-Umweg unter der uringesäuerten S-Bahn-Unterführung hindurch über die Autotrasse Jannowitzbrücke, gelangte man ans andere Ufer zum Stadtmuseum. Aber das ist eine Zumutung. Wir verharren also auf einer von Möwen besetzten Terrasse, die leicht in die Spree ragt, sehen am anderen Ufer den Museumsturm. Wir stehen auf dem Widerlager der abgerissenen Waisenbrücke.

Viel Leben in Neukölln am Wasser

300 Jahre lang verband sie die beiden Spreeufer von der Wallstraße zur heutigen Littenstraße, die bis 1951 Neue Friedrichstraße hieß und in der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts vom Brandenburger Kurfürsten Friedrich III. gestiftete Waisenhaus mit Waisenkirche stand.

Das historische Foto zeigt eindrucksvoll das Ensemble eines belebten, hochwertigen Quartiers um 1908: rechts das 1900 eröffnete, im Krieg zerstörte Kaufhaus Neu Kölln, in dem im Stil heutiger Malls einzelne Etagen vermietet wurden. Davor der Märkische Platz, den später noch eine Fontäne schmückte. Der Eingang des frisch von Stadtbaumeister Ludwig Hoffmann als Stolz der Bürgerschaft errichteten Museums war genau auf die Waisenbrücke und die Innenstadt ausgerichtet.

Heute liegt diese Perle Berlins im Abseits, samt Köllnischem Park, den Skulpturen und dem verwaisten Bärenzwinger. Die am Ufer gepflanzten Bäume vervollständigen die Blockade; das zweite Foto zeigt, wie das Bauwerk hinter dem Sperrgrün verschwindet. Selbst den Namen des historischen Viertels, in das die Waisenbrücke führte, kennt kaum noch einer: Neukölln am Wasser.

Die erste stabile Flussquerung an dieser Stelle entstand 1724 als fünf Meter breite hölzerne Pfahljochbrücke mit fünf Klappenpaaren zum Durchlass von Schiffen. Sie ersetzte eine Sperranlage, einen Balken, den man ins Wasser herablassen konnte, der unerwünschten Schiffen die Einfahrt in die mit Bollwerken befestigte Stadt verwehrte. Das war der frühere Oberbaum. Erst mit der Stadterweiterung wurde dieser weiter nach Osten verlegt.

1892 bis 1894 entstand eine massive dreifeldrige Gewölbebrücke (der mittlere Bogen maß 20 Meter Breite), verkleidet mit rotem Sandstein aus dem Maintal, verziert mit balkonartigen Pfeilerköpfen, kräftigen Balustraden, riesigen gusseisernen, gasbetriebenen Kandelabern. Die Bogenfelder beiderseits der Pfeiler zeigten im Wechsel Berliner Wappen und preußischen Adler.

Letzter Halt der Trümmerbahn

In den letzten Kriegstagen 1945 sprengten Wehrmachtssoldaten die Flussquerung, die Rote Armee errichtete über den Trümmern des südlichen Bogens, auf der Köllner Seite, eine Notbrücke für Fußgänger und für die Trümmerbahn. Diese brachte den Schutt der kriegszerstörten Stadtbezirke Mitte und Friedrichshain herbei. Von einer Öffnung in der zerstörten Brücke wurden die Trümmerreste aus Feldloren in darunter ankernde Lastkähne gekippt. Als 1959 die ebenfalls zerstörte Jannowitzbrücke wieder eröffnet wurde, schlug das letzte Stündlein der Waisenbrücke, auch auf Verlangen des Wasserstraßenamtes: Die Brückenreste behinderten die Zufahrt zu einer Schleuse an der Klosterstraße. 1960/61 erfolgte der Abbruch, ersatzlos. Bis heute.

Den Wiederaufbau erklärte das Planwerk Innenstadt schon 1999 für wünschenswert. Bisher erschienen andere Dinge wichtiger. Doch jetzt kommt neuer Schwung in die Sache: Verantwortliche der Stadt und Bürger beschäftigen sich intensiv mit den Möglichkeiten, die Geschichte Berlins an zentralen Stellen wieder sichtbar zu machen. Dazu gehört es, logische Verbindungen im Stadtgefüge wieder herzustellen – nicht zuletzt die gekappte Verbindung zwischen Märkischem Museum, Rotem Rathaus und Schloss.

„Eine goldene Chance“

Schon heute gibt es einen schönen Weg am Ufer, aber es fehlt die Waisenbrücke. Zwingend wird ihre Wiederherstellung, wenn der durchgehende Spreeuferweg zwischen Spandau und Köpenick Wirklichkeit werden soll. Zu errichten wäre ein Überweg für Radfahrer, Fußgänger und ein beschaulicher Ort zum Verweilen, breit genug, um sich niederzulassen, auf die Stadt, das Wasser, den Himmel zu schauen. Nicht weit entfernt, auf der Inselbrücke, kann man erleben, wie Bürger das genießen.

Paul Spies, der soeben sein Amt als Direktor des Stadtmuseums Berlin antritt, das Märkische Museum aufmöbeln und ab 1. Februar als Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt-Forum die 4500-Quadratmeter-Berlin-Ausstellung im Schloss bespielen soll, sieht die Brückenfrage im großen Zusammenhang. Natürlich wäre ein Aufbau zentral für die Wiederbelebung des Museums, aber er sieht auch: „Eine grüne Stadt verlangt grüne Wege – nicht nur Straßen für den Verkehr“, sagt der Amsterdamer, „das ist eine goldene Chance für die grüne Stadt.“ Könnte sein, dass der Spreeuferweg ähnlich begeistert wie die Idee einer Radrennstrecke von Potsdam zum Potsdamer Platz.

Mindestens ebenso wichtig ist es Paul Spies, die Route zum Schloss und weiter bis Bodemuseum zum historischen Spaziergang zu machen – immer am Wasser entlang („Spree ist Geschichte“) zum historischen Hafen und zu den Schleusen, unter der Mühlendammbrücke hindurch. Dort, wo heute eine unwirtliche Unterführung ist, lag die Keimzelle Berlins („Da kann viel passieren, kleine Läden …“), dann wäre man im Nikolaiviertel und stünde vor der ältesten Kirche der Stadt. Die Erinnerung an das Waisenhaus wäre wiederzubeleben. Und, und, und …