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Verfassungsschutz Berlin: Lehrer sind mit radikal-islamischen Schülern überfordert

Der umstrittene salafistische Prediger Pierre Vogel ist bei Jugendlichen in Berlin sehr bekannt. Hier jubeln ihm seine Fans in Frankfurt am Main zu.

Der umstrittene salafistische Prediger Pierre Vogel ist bei Jugendlichen in Berlin sehr bekannt. Hier jubeln ihm seine Fans in Frankfurt am Main zu.

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dpa

Neulich in einer 9. Klasse in Kreuzberg: Die Lehrerin will über den Islam sprechen. Fast alle Schüler sagen, sie seien stolz darauf, Muslim zu sein. Keiner weiß, was die Scharia – das islamische Recht – ist. Aber fast alle kennen Pierre Vogel. Der salafistische Hassprediger ist ein Popstar und ködert Jugendliche mit einfachen Botschaften. Dies ist nur ein Beispiel, das am Mittwoch im Verfassungsschutz-Ausschuss des Abgeordnetenhauses bekannt wurde, bei einer Anhörung der Leiter von vier Beratungsstellen.

Wie also umgehen mit den vielen Schülern, die sich islamistisch radikalisieren, die Hasspredigern wie Pierre Vogel oder Deso Dogg auf den Leim gehen? Die Ratlosigkeit unter Lehrern ist groß. Zwar arbeiten in Berlin mehrere vom Bund geförderte Beratungsstellen wie Hayat, die Angehörige Jugendlicher betreut, welche in salafistische Kreise geraten sind. Es gibt die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus oder auch das Violence Prevention Network, das seit dem 1. April ein Deradikalisierungsprogramm für Dschihadisten betreibt – finanziert von der Senatsinnenverwaltung. Es gibt die Bildungseinrichtung Ufuq, die Lehrer und Sozialarbeiter schult, wenn es darum geht, Jugendliche vom Salafismus fernzuhalten.

Berlin ist abgehängt bei der Deradikalisierung

Doch ein breites Deradikalisierungs-Netzwerk fehlt. „In anderen Bundesländern ist der Diskurs meilenweit weiter als in Berlin“, sagte Hayat-Gründerin Claudia Dantschke mit Blick auf Hessen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und teilweise Bremen und Niedersachsen. „Wir brauchen dringend ein senatsübergreifendes Netzwerk.“ Die Koordinierungsstelle dafür sollte Dantschke zufolge bei der Senatsverwaltung für Jugend und Bildung angesiedelt sein.

Bislang investierte Berlin vor allem in den Kampf gegen Rechtsextremismus. Aus dem Landesprogramm „Demokratie. Vielfalt. Respekt“ gab das Land jährlich über zwei Millionen Euro aus. 2014 waren es 2,5 Millionen, wie aus einer Antwort der Innenverwaltung auf eine Anfrage der CDU hervorgeht. Weitere Mittel wurden für Gewaltprävention oder Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus ausgegeben. Lediglich 800 Euro gab es in den vergangenen drei Jahren jeweils für die „Ausgestaltung eines Treffens mit muslimischen Netzwerkpartnern in der Adventszeit“. Erst 2014 erübrigte der Senat 12 805 Euro für ein Projekt der Extremismusprävention an der Sehitlik-Moschee.

Moscheen stärker einbinden

Berlin sei in der guten Lage, eine Reihe von Vereinen zu haben, die sich mit der islamistischen Radikalisierung Jugendlicher befassen, sagte Ufuq-Mitbegründer Jochen Müller. „Daraus ein Konzept zu stricken, ist das Gebot der Stunde. Der Beratungsbedarf an Schulen ist riesengroß.“ Auch die Moscheen könnten eine „viel größere Rolle“ spielen und bei den Jugendlichen ein „menschenrechtlich orientiertes Islamverständnis“ fördern.

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte: „Ich bin offen für ein landesweites Deradikalisierungsprogramm, sehe aber, dass wir das auch landesweit organisieren müssen.“ Die Lehrinhalte an Schulen müssten dringend an die Herausforderungen der Zeit angepasst werden, so Henkel.