blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Vergrabenes Denkmal: Auf der Suche nach Lenins Kopf
20. August 2014
http://www.berliner-zeitung.de/159218
©

Vergrabenes Denkmal: Auf der Suche nach Lenins Kopf

Vergraben und verbannt aus Berlin: Der Kopf des Lenin-Denkmals.

Vergraben und verbannt aus Berlin: Der Kopf des Lenin-Denkmals.

Foto:

Imago

Berlin -

Hier muss es sein. Nein hier. Doch nicht. Eher da. Nein, da vorne. Vielleicht. Rick Minnich ist irritiert, er schaut sich immer wieder im Wald um und versucht sich zu erinnern an jene Tage im Sommer 1994. „Wie die Natur sich verändert!“, sagt der US-amerikanische Dokumentarfilmer. Vor 20 Jahren grub der heute 46-Jährige mit einem kleinen Drehteam den Granitkopf des Lenin-Denkmals im Köpenicker Forst aus. Drei Tage haben die Männer gebraucht. Dann hatten sie den Kopf freigelegt. Und später wieder eine Sandschicht darüber geschüttet.



In Minnichs Kurz-Dokumentarfilm „The Book of Lenins“ (Das Buch der Lenins) sieht man ihn mit freiem Oberkörper den Sand aus der Grube schaufeln, Kamera- und Tonmann stehen am Rand des Hügels, unter dem die 129 Einzelteile des Denkmals vom früheren Leninplatz in Friedrichshain bis heute vergraben sind.

Doch genau diese Stelle nach 20 Jahren wiederzufinden, ist schwieriger als gedacht. Wo einst nur Sand lag, wachsen heute Bäume und Sträucher. Woran soll man sich da orientieren? Selbst alte Fotos von den Dreharbeiten helfen nicht. Doch Rick Minnich sucht weiter an diesem sonnigen Nachmittag. Er hat nur ein Ziel. Er will Lenin finden.

Wie berichtet, hat der Berliner Senat in der vergangenen Woche überraschend verboten, dass Lenins Kopf im Rahmen einer Ausstellung über politische Denkmäler in der Zitadelle Spandau ausgestellt werden darf. Man wisse nicht genau wo das Denkmal liege, aufwendige Grabungen wären nötig, das koste zu viel Geld und die Zeit sei auch zu knapp, begründete Berlins oberster Denkmalschützer Jörg Haspel die Entscheidung.

Im Frühjahr 2015 soll die Ausstellung in Spandau eröffnen. Mittlerweile haben Politiker wie Gregor Gysi von der Linken und namhafte Wissenschaftler wie der Präsident des Deutschen Historischen Museums, Alexander Koch, gegen diese Entscheidung protestiert und Schreiben an Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit angekündigt.

Rick Minnich sagt, er halte die Entscheidung des Senats für unsinnig, seine Argumente für Ausreden. „Der Senat weiß nicht, wo Lenin liegt? In Deutschland wird doch alles ganz genau dokumentiert, da wird es auch zu diesem Fall Dokumente geben“, sagt er. Und würde nun selbst gern jene Stelle wiederfinden, an der er einst gegraben hat. „Damit im Senat niemand mehr behaupten könne, man wisse nicht, wo Lenin liegt.“

Rick Minnich hat ein besonderes Verhältnis zu dem russischen Revolutionär, um den es in seinem Dokumentarfilm „The Book of Lenins“ geht. Im Sommer 1990, kurz vor dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten, verlässt Minnich die USA und zieht nach Berlin. Ein Jahr zuvor war er durch die Sowjetunion und andere sozialistische Länder gereist. Er staunte über die vielen Lenin-Denkmäler, so etwas kannte er nicht aus seiner Heimat: Dort weht zwar vor jedem Haus eine amerikanische Flagge, aber Denkmäler, die im ganzen Land einer Person gewidmet sind, fehlen. Rick Minnich sagt, in der Schule habe er „eine Menge antisowjetischer Propaganda serviert bekommen“.

In Berlin habe ihn dann sehr interessiert, was hinter dem Eisernen Vorhang wirklich passiere. So sei auch die Idee seines Kurzfilmes entstanden, sich mit den Lenin-Denkmälern in den sozialistischen Ländern zu beschäftigen. Die Ausgrabung des Leninkopfes ist der Höhepunkt des Films. 1998 gewann Minnich den Jurypreis des Internationalen Archäologie Filmfestivals in Kiel.

Ein Schuttberg aus alten Ziegeln

Rick Minnich überlegt, seinen Film weiterzudrehen. Teil zwei nach 20 Jahren. Jetzt, wo wieder so viele über das vergrabene Denkmal reden und diskutieren, ob man ihn wieder ausbuddeln soll. Jetzt, wo Reporter, Fotografen und Fernsehteams im Köpenicker Forst nach dem vergrabenen Denkmal suchen. An diesem Nachmittag fragt ein Team vom ZDF-Morgenmagazin nach Lenins Lagerstätte. Abends berichtet RBB-Reporter Ulli Zelle aus dem Wald in Köpenick. Er steht vor einem verschlossenen Tor.

Rick Minnich ist auf einen Hügel gestiegen. Es ist ein Schuttberg aus alten Ziegeln und Betonteilen. Brennnesseln und Sträucher reichen Minnich bis zur Brust. Er schaut auf ein Foto vom Filmdreh, im Hintergrund sieht man eine Holzbaracke und eine Steinwand. Jetzt stehen in dieser Richtung nur Bäume. Auf dem Hügel schiebt Rick Minnich die Zweige eines Strauches beiseite, eine Kuhle ist zu sehen, gefüllt mit Steinen und Geröll. Sie ist etwa so groß wie das Loch, das Minnich einst gegraben hat, aber nicht komplett wieder zugeschüttet hat. Drei Stunden sind vergangen. „Hier liegt Lenin“, sagt Rick Minnich, packt seine Kamera aus und filmt.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?