10.02.2012

Verkehr: Mehr Tote und Verletzte auf Berlins Straßen

Von Peter Neumann
Berlin –  

Eine so negative Bilanz gab es schon lange nicht mehr zu verkünden: 54 Menschen kamen im vorigen Jahr auf Berlins Straßen ums Leben. Die Polizei beklagt die mangelnde Verkehrsmoral der Berliner.

Fußgänger laufen plötzlich zwischen geparkten Autos auf die Straße. Lastwagenfahrer biegen nach rechts ab, ohne nachzuschauen, ob da nicht vielleicht ein Radfahrer steht. Radler fahren ungeniert an roten Ampellichtern vorbei. Seit Jahren analysiert Markus van Stegen das Unfallgeschehen auf den Berliner Straßen. Aber am Freitag wirkte der Mann, der bei der Polizei den Sachbereich Verkehr leitet, ratlos. Er frage sich, warum Verkehrsregeln für viele Berliner keine Rolle mehr spielen, sagte er bei der Präsentation der Unfallzahlen 2011. „Da hat es ganz klar einen Rückschritt gegeben.“

"Rote Ampeln beachten"

Eine so negative Bilanz gab es schon lange nicht mehr zu verkünden. Im vergangenen Jahr kamen 54 Menschen bei Verkehrsunfällen in Berlin ums Leben, sagte Polizei-Vizepräsidentin Margarete Koppers – zehn mehr als im Jahr davor. Die Zahl der Verunglückten stieg um 2121 auf 17 034 – ein Plus von 14,2 Prozent. Die Zahl der Unfälle stagnierte bei rund 130.500 – sie war schon mal deutlich niedriger.
Salto über die Autotür

Gefährliche Kreuzungen
Unfallschwerpunkte

Stark befahrene Kreuzungen mit vielen Zulaufstraßen sind gefährlich. Die meisten Verunglückten gab es 2011 am Knotenpunkt Haupt-/ Wexstraße/ Innsbrucker Platz: fünf schwer und 40 leicht Verletzte. Die meisten Unfälle ereigneten sich am Ernst-Reuter-Platz (308), am Jakob-Kaiser-Platz (266) und am Großen Stern (246).

„Es mangelt zunehmend an Verkehrsmoral“, klagte Polizeidirektor van Stegen. Koppers konnte das nur bestätigen. Sie nannte ein Beispiel: „Von den 29 Fußgängern, die im vergangenen Jahr tödlich verunglückten, hatten 25 ihren Unfall verursacht oder mitverursacht.“ Die amtierende Polizeichefin appellierte „an jeden Menschen in unserer Stadt, der zu Fuß unterwegs ist, rote Ampeln nicht nur als Anregung zum Anhalten zu verstehen“ – sondern stehen zu bleiben und auf Grün zu warten.

Koppers fährt oft auch mit dem Rad, zum Beispiel ins Büro am Platz der Luftbrücke. „Unterwegs bin ich meist die einzige Radfahrerin, die bei Rot anhält. Das ist ein Verhalten, das andere Radfahrer offenbar schräg finden. Wenn ich deshalb bremse, muss ich mich oft beschimpfen lassen.“ Koppers nahm aber auch die Berliner Kraftfahrer ins Visier: „Einmal habe ich einen Salto über eine Autotür gemacht, die plötzlich neben mir geöffnet wurde.“ Ein anderes Mal stürzte Koppers mit ihrem Rad auf einen Gehweg, nachdem sie von einem BVG-Busfahrer an den Bordstein gedrängt worden war.

Elf Radfahrer starben 2011 bei Unfällen. Drei wurden von rechts abbiegenden Lkw getötet, weitere drei von links abbiegenden Autos, sagte Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. An 1250 der 7376 Radfahrerunfälle waren abbiegende Kraftfahrzeuge schuld, berichtete van Stegen. Zanke forderte mehr Radstreifen auf den Straßen. Dort seien Radfahrer im Blickfeld der Autofahrer.

Mehr Geld für Zebrastreifen

„Allein im vergangenen Jahr kamen 13 Kilometer hinzu, jetzt ist das Fahrradstreifennetz 153 Kilometer lang. Für dieses Jahr sind sogar 21 Kilometer geplant“, sagte Daniela Augenstein, Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Auch für die Fußgänger werde viel getan: Seit 2000 stieg die Zahl der Zebrastreifen von 100 auf 380. Bisher gab es dafür pro Jahr eine Million Euro, nun sollen es 1,3 Millionen Euro sein. Es gibt aber auch Kürzungen.

So will der Senat die Mittel zur Radwegsanierung, bislang zwei Millionen Euro pro Jahr, halbieren. Schon jetzt stehen der Unfallkommission, die Unfallschwerpunkte untersucht und entschärft, für Sofortmaßnahmen nur noch 750.000 Euro zur Verfügung – bisher gab es dafür eine Million Euro pro Jahr.

Dabei haben Umbauten von gefährlichen Straßen und Kreuzungen die Unfallzahlen gesenkt, sagte van Stegen. Die Kommission kümmere sich auch um den Innsbrucker Platz, wo es 2011 die meisten Unfälle mit Verletzten gab. Bei Umbauten dürfe es nicht bleiben, so Koppers: „Was wir brauchen, ist ein Umdenken – und ein stärkeres Bewusstsein für die Gefahren, in denen man im Verkehr schwebt.“

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