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Ausbau des Straßenbahnnetzes: Straßenbahn soll weiter in den Westen Berlins fahren

In der City Ost ist das Straßenbahnnetz flächendeckend ausgebaut.

In der City Ost ist das Straßenbahnnetz flächendeckend ausgebaut.

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imago/Jürgen Ritter

Sie war als Verkehrshindernis verfemt, galt als altes Eisen und als unmodern. Doch die Straßenbahn hat auch im Westen Berlins wieder eine Zukunft. Bei den wenigen Trassen, die dort nach der Wende entstanden sind, soll es nicht bleiben, so der Senat. Gebiete, die seit Jahrzehnten nicht mehr mit der Straßenbahn erreichbar sind, könnten wieder ans Netz angeschlossen werden. „Ich halte es grundsätzlich für möglich, dass Straßenbahnen in Zukunft auch wieder auf anderen Strecken im Westen der Stadt verkehren – zum Beispiel zum Bahnhof Zoo oder nach Steglitz“, sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) der Berliner Zeitung. „Wenn wir den Autoverkehr in der wachsenden Stadt zurückdrängen wollen, dann geht das nur, wenn wir den Nahverkehr ausbauen. Dazu gehört auch die Straßenbahn.“

Es war ein Tod in Raten. 1954 wurden auf dem Kurfürstendamm die Gleise herausgerissen, dann musste die Elektrische auch auf anderen Straßen den Autos Platz machen. Am 2. Oktober 1967 kam das Finale: Zum letzten Mal fuhr eine Straßenbahn durch West-Berlin – auf der Linie 55 von Spandau Richtung Zoo. Dann war das Verkehrsmittel, in das die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) schon lange nur noch wenig investiert hatten und das darum als antiquiert galt, aus dem Westen Berlins verschwunden.

Mit der Tram zur Elisabethaue

In den 1990er-Jahren kehrte die Straßenbahn dorthin zurück – allerdings bislang nur in den Wedding und nach Moabit. Zwar sind zwei weitere Neubautrassen in Planung: Auf der Strecke vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße soll 2020 die erste Bahn fahren – und für die Route vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz könnte 2017 das Planfeststellungsverfahren starten.

Doch dem Fahrgastverband IGEB ist das zu wenig. Der Senat gehe viel zu zaghaft vor, sagte IGEB-Vize Jens Wieseke. „Wir brauchen mehr neue Strecken“ – vor allem als Ersatz für überlastete Busrouten der BVG. Straßenbahnen seien meist schneller als Busse, und sie könnten mehr Menschen befördern. „Doch auch wirtschaftliche Aspekte sprechen für sie“, sagte Jens Wieseke.

Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel sieht das genauso. „Man muss nur einmal die Baukosten vergleichen“, rechnete er vor. „Ein Kilometer Straßenbahn kostet zehn Millionen Euro, ein Kilometer U-Bahn 300 Millionen.“ Er weiß, dass viele Bürger Vorbehalte haben. „Sie mögen subjektiv nachvollziehbar sein. Doch unter Fachleuten ist unumstritten, dass Berlin strategisch darüber nachdenken muss, den Nahverkehr auszubauen“ – auch die Straßenbahn.

„Schauen wir uns doch mal an, was der Bau der Strecke in der Seestraße in Wedding bewirkt hat. Auch dort gab es anfangs Bedenken, doch heute stellen wir fest, dass sich die Zahl der Fahrgäste auf dieser Achse verdreifacht hat – dank der Straßenbahn“, stellte Geisel fest. „Wenn Strecken gebaut werden, steigt die Zahl der Nutzer, weil die Menschen die Vorteile erkennen. In Wedding hat die Straßenbahn außerdem eine eigene Trasse. Sie ist schneller als der Bus, und das trägt zu der Erfolgsgeschichte bei.“

Der Senator betonte, dass es um strategische Überlegungen für die Zukunft geht – nach 2025. Mit den jetzigen Projekten sei die Verwaltung ausgelastet. Auch müsse noch über die Finanzierung gesprochen werden. Doch die Senatspolitik sei klar: hin zu mehr Straßenbahn, in ganz Berlin. Dabei müsse nicht nur über Neubaustrecken gesprochen werden: „Die BVG geht davon aus, dass wir einen Straßenbahn-Betriebshof im Westen brauchen.“

Allerdings werde es auch im Osten Berlins neue Strecken geben müssen. Ein Beispiel sei Pankow, wo das Wohngebiet Elisabethaue entstehen soll – ein Viertel für rund 10.000 Menschen. „Dieses Gebiet kann nicht nur mit dem Auto erschlossen werden“, so der Senator. „Als konkretes Projekt ist vorgesehen, die Straßenbahnlinie 50 zu verlängern – über das Gelände Elisabethaue und weiter nach Süden zum S- und U-Bahnhof Pankow, wo der Anschluss an die M 1 erfolgt.“

Boulevard der Stars ist im Weg

Neuigkeiten hat der Senator auch zu den beiden aktuellen Projekten. So sei untersucht worden, auf welcher Route die Straßenbahn ab 2020 vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße in Moabit fahren soll. „Ergebnis ist, dass wir entschieden haben, die Weiterführung durch die Turmstraße vorzubereiten“, teilte Geisel mit. „Gegen die Variante Alt-Moabit wendet der Bezirk Mitte ein, dass man dann die Thusneldaallee umbauen muss. Außerdem wäre es einfacher, die Strecke später in Richtung Westen weiterzuführen, wenn sie in der Turmstraße verliefe.“

Zwar sei mit einer Verlängerung in Richtung Mierendorffplatz nicht vor 2025 zu rechnen, sagte Geisel. Doch bei den strategischen Überlegungen des Senats spiele die Weiterführung ebenfalls eine Rolle: „Eine solche Verlängerung wäre auch aus unserer Sicht absolut sinnvoll.“ Dann hätte Charlottenburg ebenfalls wieder Straßenbahnanschluss.

Auch für die geplante Straßenbahnroute vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz stehe ein wichtiges Detail fest. Inzwischen wurde untersucht, wo die Strecke enden sollte, berichtete Geisel. „Dabei kam als Vorzugsvariante heraus, dass der Mittelstreifen der Potsdamer Straße unmittelbar westlich des Potsdamer Platzes ein optimaler Endpunkt wäre. Der Boulevard der Stars würde dem zum Opfer fallen“, sagte der Senator. Entschieden sei noch nichts, aber klar sei: Die Fahrgäste würden profitieren. „Dort gäbe es die besten Umsteigemöglichkeiten zur S-Bahn und zum Regionalverkehr.“