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Experte bemängelt Entwurf für neue Berliner S-Bahn

Die neue S-Bahn: 382 Wagen sind bestellt, 2020 sollen die ersten fahren.

Die neue S-Bahn: 382 Wagen sind bestellt, 2020 sollen die ersten fahren.

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Stadler Pankow. Design: büro+staubach

Müssen künftig mehr Fahrgäste in der S-Bahn stehen? Sollte die Farbgebung verändert werden? Die geplante neue Fahrzeuggeneration der S-Bahn Berlin bewegt viele Gemüter. „Wir erhalten derzeit häufiger Hinweise von aufmerksamen Fahrgästen und S-Bahn-Erfahrungsträgern, was störend ist und was geändert werden sollte“, sagt Katrin Block, Sprecherin von Stadler Pankow. Das Berliner Unternehmen hat mit Siemens den 900-Millionen-Euro-Auftrag von der Deutschen Bahn erhalten. Jetzt hat sich auch ein früherer S-Bahn-Designer zu Wort gemeldet – mit Kritik.

„Aus meiner Sicht müsste die Gestaltung geändert werden – oder die S-Bahn halst sich ein gravierendes Problem auf“, warnt Lutz Gelbert. „Auch die Innenraumgestaltung zeigt eine Fehlentwicklung.“ Das „formal ästhetische Ergebnis“, das derzeit zur Diskussion steht, bezeichnet er als ein „falsches Design“.

Der Köpenicker kennt sich aus. Er hat die S-Bahn-Baureihe 485, die seit fast drei Jahrzehnten in Berlin im Einsatz ist, mitgeprägt. 25 Jahre lang war Gelbert damit beschäftigt, für die Bahnindustrie in Hennigsdorf Fahrzeuge und Bauteile zu entwerfen. Als er 1981 anfing, hieß sein Arbeitgeber Volkseigener Betrieb Lokomotivbau Elektrotechnische Werke „Hans Beimler“, kurz LEW. Als er aufhörte, stand „Bombardier Transportation“ am Werkstor.

Schmutz auf der Heckscheibe

Seine Strategie lautete: „Ingenieure mit Fakten für eine Designlösung gewinnen.“ Gelberts Credo: „Schienenfahrzeuge sind langlebige Produkte. Bei ihnen muss die Funktionalität im Vordergrund stehen.“ Der 73-Jährige hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. „Ich war der erste Industrie-Designer in der DDR, der zugleich ein Technik-Diplom hatte.“ Zunächst wurde er Maschinenbau-Ingenieur. Für die Bauakademie befasste er sich mit Mastviehanlagen. „Doch bald konnte ich das Elend der Tiere nicht mehr sehen.“ Freunde rieten ihm zu einem Design-Studium an der Kunsthochschule Weißensee. Er nahm den Rat an – und erwarb ein Diplom im Fach Industrielle Formgestaltung.

Lutz Gelbert, Ex-Chefdesigner

Lutz Gelbert, Ex-Chefdesigner

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BLZ/Paulus Ponizak

Eines seiner ersten Themen in Hennigsdorf war die neue S-Bahn, heute die Baureihe 485. „Bei Probefahrten stellte sich heraus, dass bei schlechtem Wetter die Heckscheibe rasch verschmutzt“, erzählt Gelbert. Bei der Rückfahrt befindet sich diese Scheibe vorn. „Immer wieder musste das Fahrpersonal aufgewirbelten Schmutz vom Glas kratzen, eine zusätzliche Belastung. Und die Standzeiten störten den Betrieb.“ Sein strömungstechnisches Wissen brachte den Ingenieur auf eine Idee: „Ich schlug vor, dass wir in den Windkanal der TU Dresden gehen.“

Bald fand der LEW-Chefdesigner heraus, dass die scharfe Kante zwischen Front und Dach das aerodynamische Problem verursachte. Der Luftstrom von oben brach ab und war zu schwach, dem Luftstrom von unten etwas entgegenzusetzen. „So erhielt die Baureihe 485 ihre abgerundete Kante. Seitdem sind die Probleme nicht mehr aufgetreten.“

Die Baureihe 483/484, wie die künftige S-Bahn-Generation heißt, erinnert ihn an die damaligen Probleme. „Die Simulationen lassen befürchten, dass bei ihr ein ähnliches Verschmutzungsproblem auftreten könnte. Sie zeigen eine ähnliche Zugkopfform, eine scharfe Kante.“

Zu wenige Sitzplätze

Die scharfkantige flache Front könnte auch die Druckwelle verstärken, die beim Einfahren in Stationen entsteht. Ein Entwurf, den Gelbert und sein Kollege Bernd Glier 2010 erarbeitet haben, zeigt abgerundete Kanten – und ein Lächeln, das durch die plastische Einziehung unter der Frontscheibe entsteht.

Gelbert bemängelte auch die Innenraumgestaltung im neuen S-Bahn-Entwurf: „Für ein Verkehrsmittel, in dem viele Fahrgäste relativ lange Strecken zurücklegen, gibt es zu wenige Sitzplätze.“ Heutige Zwei-Wagen-Einheiten haben 92 bis 100 Sitzplätze – die neuen 80, davon 20 als Klappsitze. Gelbert: „Es wird zu viel Wert auf große Mehrzweckabteile gelegt, auf die Fahrradbeförderung. Doch das ist aus meiner Sicht nur eine Nebenfunktion des Verkehrs.“

Abgerundete Kanten und ein Lächeln: Lutz Gelberts und Bernd Gliers Entwurf für die Berliner S-Bahn.

Abgerundete Kanten und ein Lächeln: Lutz Gelberts und Bernd Gliers Entwurf für die Berliner S-Bahn.

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Gelbert, Glier

Auch S-Bahner haben Bedenken. „Berlin wächst, viele Fahrgäste sind lange unterwegs – und wir bieten ihnen weniger Sitzplätze an“, sagte einer von ihnen. Die Führerstände seien klein: „Dabei müssen wir bis zu zehn Stunden darin arbeiten.“ Und wenn in einer der ebenfalls bestellten Vier-Wagen-Einheiten ein Teil ausfällt, müssten alle Wagen aus dem Betrieb genommen werden.

„Von einer ersten Designabbildung auf einen Fehler zu schließen, erscheint in der derzeitigen Phase etwas früh“, entgegnet Katrin Block. „Das Design wird noch eingehend aus aerodynamischer Sicht betrachtet.“ Alle Anregungen würden an die Konstrukteure weitergeleitet. Block: „Wir sind davon überzeugt, dass die neue S-Bahn die Passagiere, die Fahrer und die Wartungsingenieure gleichermaßen ansprechen wird.“