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Keine Verbindungen nach Paris, Amsterdam und Kopenhagen mehr: Bahn streicht Nachtzüge ab Berlin

Der Eurocity aus Wrocław (Breslau) hält im Berliner Hauptbahnhof – noch.

Der Eurocity aus Wrocław (Breslau) hält im Berliner Hauptbahnhof – noch.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Abends in Berlin zu Bett gehen, morgens in einer anderen Stadt wieder aufwachen: Das war viele Jahrzehnte lang eine gängige Art zu verreisen. Jetzt nicht mehr: Nachdem die Zahl der Nachtzüge in Berlin schon stark gesunken ist, wird nach dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember nur noch ein kläglicher Rest übrig bleiben. Die Routen nach Paris, Amsterdam und Kopenhagen werden gestrichen. Doch auch die internationalen Bahnverbindungen am Tage werden erneut schlechter. Betroffen sind die Züge nach Wien und Wroc?aw (Breslau). Dann gibt es zwischen Berlin nach Breslau erstmals seit 1846 keinen Fernzug mehr.

Mit dem Zug nach Nizza und Neapel

Wer mit dem Schlaf- oder Liegewagen verreisen wollte, hatte in Berlin einst große Auswahl. Der Anhalter Bahnhof zum Beispiel war die Station der Luxuszüge. Hier begannen der Riviera-Express nach Nizza und der Ägypten-Express nach Neapel mit Anschluss nach Ägypten.

Auch von anderen Bahnhöfen fuhren viele internationale Züge ab. Noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg konnte man ohne Umsteigen vom Alexanderplatz in 47 Stunden nach Istanbul reisen. Selbst nach dem Krieg blieb das Angebot gut – mit Direktverbindungen bis nach Stockholm, Rom, Sofia und Südtirol.

Doch inzwischen ist es zusammengeschmolzen – und zum 14. Dezember ist ein weiterer Aderlass absehbar. „Wir arbeiten an einem Konzept für die Zeit ab Dezember 2015, um dieses Geschäft zukunftsfähig zu machen und Nachtzüge zu erhalten“, sagte eine Bahnsprecherin. Doch erst mal müsse weiter gespart werden – bei den drei unwirtschaftlichsten Verbindungen, die 2013 bei einem Umsatz von 48 Millionen Euro ein Defizit von zwölf Millionen Euro verbucht hätten. Die Nachtzüge nach Paris und Kopenhagen, die Wagen aus Berlin mitführen, fallen zum Fahrplanwechsel weg. Der Nachtzug über Berlin nach Amsterdam endet dann in Köln.

Schienenverkehr im Nachteil

„Das stärkt das Geschäftsfeld, weil wir erhebliche Verluste vermeiden“, hieß es. Die Wagen sollen auf den übrigen Routen fahren. Aber da bleibt nicht viel übrig: Von Berlin steuern DB-Nachtzüge nur noch Zürich, Köln sowie München an.

Während nach Amsterdam, Paris oder Kopenhagen wenigstens noch am Tage Bahnreisen möglich sind, bleibt zwischen Berlin und Wroc?aw (Breslau) ab Mitte Dezember nur noch der Fernbus, der dem letzten Fernzug heute bereits Konkurrenz macht.

Die polnische Bahngesellschaft PKP IC hat angekündigt, den Eurocity zu streichen – aus wirtschaftlichen Gründen, wie die Bahn mitteilte. Den Nachtzug stellten die Polen bereits 2006 ein. Der verbliebene Eurocity ist mehr als fünf Stunden unterwegs, fast eine Stunde länger als der Bus. Er fährt auch nicht mehr wie früher weiter nach Krakau, obwohl er weiterhin nach der Krakauer Burg Wawel benannt ist. Die einst vollen Wagen sind leer.

Auch der letzte Nachfolger des stolzen „Vindobona“, des 1957 eingeführten Tages-Schnellzugs zwischen Berlin und Wien, fällt im Dezember weg. Ab Dezember muss in Prag umgestiegen werden. Der Zug passt nicht in das neue Konzept, das zwischen Prag und Wien einen Taktfahrplan mit anderen Fahrzeugen vorsieht. „Er wird vom 14. Dezember an von und nach Budapest fahren“, teilte die Bahnsprecherin mit.

Fluglinien im Vorteil

Wer setzt sich fast zehn Stunden lang nach Wien in den Zug, wenn es per Flugzeug viel schneller geht? Auch wirtschaftlich ist die Bahn im Nachteil. Für Kerosin wird weder Mineralöl- noch Ökosteuer fällig, für Flugtickets im Auslandsverkehr auch keine Mehrwertsteuer – die Bahn muss all das bezahlen. Auch die Fernbusbetreiber, die auch Nachtfahrten nach Berlin anbieten, sind im Vorteil. Sie fahren mautfrei, während die Bahn für die Trassennutzung viel Geld zahlt. So wurden das Angebot und der Service im Nachtzugverkehr immer schlechter.

Trotzdem: Die Nachtzüge nach Berlin sind meist gut gebucht, vor allem von Touristen. Doch sie müssen sich bald Alternativen suchen.