blz_logo12,9

Klimaanlagen, Video-Überwachung: Das ist die neue Berliner S-Bahn

Markante Front: So sollen die neuen S-Bahnen von vorn aussehen.

Markante Front: So sollen die neuen S-Bahnen von vorn aussehen.

Foto:

Stadler Pankow Gmbh/ Design: Büro+Staubach Berlin

Sie sind leiser als ihre Vorgänger, haben Videokameras, die das Innere überwachen, und Klimaanlagen. Am Mittwoch begann offiziell der Countdown für eines der größten Investitionsprojekte im Nahverkehr der Region. Für 900 Millionen Euro hat die Deutsche Bahn (DB) bei Siemens und Stadler Pankow 382 S-Bahn-Wagen bestellt.

Die ersten zehn sollen Ende 2020 geliefert werden. „Der neue Zug ist ein innovatives Produkt aus unserer Region, auf das wir große Hoffnungen setzen“, sagt S-Bahn-Chef Peter Buchner, der die künftige Fahrzeuggeneration täglich auf seinem Bildschirmschoner sieht. Doch klar ist auch: Die neue S-Bahn ist relativ teuer, für den Betrieb wird ein höherer Zuschuss fällig – und es gibt weniger Sitze als in heutigen Zügen.

Normalerweise parken vorm S-Bahn-Werk in Schöneweide wenig pompöse Autos. Am Mittwoch war das anders. Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn (DB), und Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) waren gekommen, um in der Montagehalle den neuen Verkehrsvertrag für die S-Bahn zu unterzeichnen. Wie berichtet wird die S-Bahn Berlin GmbH fünf Linien auf dem Ring und im Südosten bis 2035 weiter betreiben. Dafür zahlt allein Berlin 1,8 Milliarden Euro an das DB-Unternehmen, das bei der Ausschreibung der Länder als letzter Bewerber übrig geblieben war.

Große Mehrzweckabteile

Auch Wirtschaftsleute waren da: Jochen Eickholt von Siemens und Peter Spuhler, Chef des schweizerischen Bahnherstellers Stadler. Sie stellten Pläne der S-Bahnen vor, die im Pankower Stadler-Werk montiert werden – mit Antrieben und anderenKomponenten von Siemens.

Gut für die Fahrgäste: Es werden mehr Wagen bestellt als heute auf den fünf Linien unterwegs sind. Auf dem Ring sollen Acht-Wagen-Züge fahren – heute sind Sechs-Wagen-Züge unterwegs. „Erstmals werden Berliner S-Bahnen eine Klimatisierung haben“, sagte Eickholt. Allerdings werden die Züge im Sommer aber nicht auf Kühltruhenniveau heruntergeregelt. Angestrebt wird eine Differenz um drei Grad Celsius.

An jeder Wagenseite stellt ein Flachbildschirm den Streckenverlauf und Anschlüsse dar. Traditionalisten wird es freuen, dass auch die neue S-Bahn ockergelb und bordeauxrot lackiert ist. Die Front erinnert Peter Buchner an einen Tablet-Computer, Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB fühlt sich dagegen an einen Brotkasten erinnert.

Drinnen bestimmen graue Wände und blaue Sitze das Bild. „Es gibt Mehrzweckbereiche mit großzügiger Stellfläche für Kinderwagen und Fahrräder“, hieß es. Zusätzlich ist beim Fahrer Platz für Rollstühle. Die Züge tragen zwei Berlin-Trends Rechnung: Es gibt immer mehr Alte, die mit Rollator oder Rollstuhl unterwegs sind – und mehr Radfahrer.

Doch das Konzept hat einen Nachteil: Für Sitzplätze bleibt weniger Raum. Heute haben Zwei-Wagen-Einheiten je nach Typ 92 bis 100 Sitzplätze – bei der neuen S-Bahn sind es nur 80, davon 20 als Klappsitze. In den Vier-Wagen-Einheiten können 184 Reisende sitzen, davon 40 auf Klappsitzen. „Mehr war nicht drin“, sagte ein Planer.

Ein weiteres Erfordernis verringerte die Sitzplatzzahl zusätzlich: Neue Crash-Normen haben voluminösere Knautschzonen zur Folge – was die Führerstände vergrößert.

Bis zu 15,66 Euro pro Kilometer

Die Züge müssen 229 Anforderungen gerecht werden, die mit Verbänden entwickelt wurden. Viel Augenmerk wurde auf Zuverlässigkeit gelegt, 30 Jahre lang wird eine hohe Einsatzqualität gefordert, alle Antriebskompenten gibt es zweifach – das treibt die Kosten weiter in die Höhe. Nach Berechnungen der Berliner Zeitung entfallen auf jeden Sitzplatz Kosten in Höhe von fast 52 000 Euro. Bei der neuen Stuttgarter S-Bahn sind es 31 000, bei der Hamburger S-Bahn nicht einmal 29 000 Euro. „Für das, was uns geboten wird, ist es ein Fahrzeug zu einem ordentlichen Preis“, sagte Buchner. Zudem handele es sich um eine Kalkulation für Fahrzeuge, die erst in fünf Jahren geliefert werden.

Die hohen Anschaffungskosten tragen dazu bei, dass die Länder für den Betrieb mehr Geld überweisen müssen. Derzeit erhält die S-Bahn GmbH für jeden gefahrenen Kilometer 8,96 Euro. Nach dem neuen Vertrag steigt der Zuschuss auf bis zu 15,66 Euro – das sei das „Worst-Case-Szenario“. Neue Züge und hohe Zuverlässigkeit hätten nun mal ihren Preis, so Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD).