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Marktberuhigung: Der Fernbus-Boom in Berlin ist vorbei

Am Zentralen Omnibusbahnhof preist ein Unternehmen seine Billigtarife an.

Am Zentralen Omnibusbahnhof preist ein Unternehmen seine Billigtarife an.

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imago/Jürgen Ritter

Es waren Wachstumsraten, von denen andere Branchen nur träumen konnten. Seit der Liberalisierung des Fernbusverkehrs nahm auf dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) Berlin die Zahl der Fahrten in jedem Jahr deutlich zu – um 20 bis 75 Prozent. Doch jetzt ist ein Ende dieses Booms in Sicht. Für das nächste Jahr erwartet die Betreibergesellschaft IOB, die den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) gehört, nur noch ein stark gebremstes Verkehrswachstum – wenn überhaupt.

Angebot wird nur noch punktuell ausgebaut

„Die Nutzungszahlen für 2016 werden sich im Rahmen von 2015 bewegen, mit einer Chance von zirka fünf Prozent Zuwachs“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Die Zeit der enormen Zuwachsraten sei vorbei. „Wir stellen eine gewisse Beruhigung fest“, teilte Reetz mit.

Die Branche sieht das ähnlich. „Berlin ist bereits jetzt unser zentrales Drehkreuz in Europa. Wir werden unser Angebot hier auch künftig punktuell weiter ausbauen. Doch ein Wachstum, wie es unmittelbar nach der Liberalisierung des deutschen Fernbusmarktes zu Jahresbeginn 2013 der Fall war, wird in Zukunft wohl nicht mehr stattfinden“, sagte Marie Gloystein. Sie ist Sprecherin von Mein Fernbus, mit 73 Prozent deutscher Marktführer.

Mehr Doppelstockbusse geplant

Der Markt in Deutschland sei größtenteils gesättigt, berichtete ein Experte aus einem anderen Unternehmen. „Vergleicht man die Streckennetze der einzelnen Betreiber, gibt es national kaum noch ’weiße Flecken’“, sagte er. „Auch international gibt es die wichtigsten Verbindungen bereits, auch da erwarte ich nur noch wenige Streckenerweiterungen. Taktverdichtungen sind auf vielen Routen kaum noch denkbar.“ Die größten Wachstumspotenziale sehen Beobachter im Ausland, etwa in Frankreich, wo die Branche gerade erst liberalisiert worden ist.

Im Inland gibt es andere Strategien, um die Umsätze weiter zu steigern. Zum Beispiel Aufstockungen: Es werden mehr Doppelstockbusse eingesetzt, die ein größeres Sitzplatzangebot haben. „Bei Setra in Ulm ist die Produktion bis Mai 2016 ausgelastet“, berichtete der Experte.

ZOB an der Kapazitätsgrenze

In Berlin halten Fernbusse auch am Alexanderplatz, am Zoo und anderswo. Doch dem Verkehrswachstum am ZOB schadete das kaum, meist sind es zusätzliche Stopps. „Der Großteil unserer Linien verkehrt nach wie vor über den ZOB in Charlottenburg“, sagte Marie Gloystein.

Allerdings: Schon seit Langem erreiche der zentrale Knotenpunkt am Messedamm während der Spitzenzeiten seine Kapazitätsgrenze. Und der Umbau, mit dem der Senat 2016 beginnt, werde nur wenig Raum für weitere Expansionen lassen – bis 2019. Die Forderung der Branche ist klar: Berlin braucht einen zweiten zentralen Busbahnhof.

„Wir würden einen Standort im Osten Berlins bevorzugen“, sagte Gloystein. „Ideal wäre ein Halt am Ostkreuz, wo es zahlreiche Anbindungsmöglichkeiten gibt. Durch den Anschluss an das Autobahnnetz durch eine Verlängerung der A 100 wäre ein ZOB am Ostkreuz auch betrieblich gut umsetzbar.“ Dort fehle Platz, entgegnete Martin Pallgen, Sprecher von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD).

Planung für zweiten Busbahnhof wird überdacht

Er kündigte neue Prüfungen zu einem zweiten Standort an, eine Studie von 2010 soll aktualisiert werden. „Dabei ist die weitere Marktentwicklung einzubeziehen“, hieß es. Das könnte heißen: Wenn der Busverkehr auch weiterhin kaum noch wächst, wird ein zweiter Berliner Busbahnhof nicht gebraucht.


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