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Zugverbindung nach Schlesien wird eingestellt: Die letzte Fahrt von Berlin nach Breslau

Letztes Geleit. Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß (2. v. l.) und Michael Cramer von den Grünen (3. v. l.) sind dabei.

Letztes Geleit. Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß (2. v. l.) und Michael Cramer von den Grünen (3. v. l.) sind dabei.

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Markus Wächter / Waechter

Was für ein Abschied! Wie ein letzter Fußtritt für die Unentwegten, die diesem Zug treu geblieben sind, sagt Jon Worth, der im ersten Wagen fröstelt, weil die Heizung nicht funktioniert. „Dieser Abschied ist nicht leise, er ist wie ein Türenknallen.“ Der Brite war bei der letzten Fahrt des Eurocity von Hamburg über Berlin nach Wrocław (Breslau) dabei. Es ist nicht die einzige internationale Bahnverbindung von und nach Berlin, die eingespart worden ist. Aber eine sehr traditionsreiche: Nach 161 Jahren gibt es jetzt keinen durchgehenden Fernzug zwischen Berlin und Schlesien mehr.

Berlin Hauptbahnhof am Sonnabend, kurz vor 10 Uhr. Der Eurocity 249 kommt zur eigenen Beerdigung zu spät. Knapp 20 Minuten nach der fahrplanmäßigen Zeit rollt der letzte Fernzug von Berlin nach Breslau auf Gleis 2 ein. Er wird erwartet: Politiker wie Jan Stöß, der SPD-Landesvorsitzende, Daniel Buchholz, Vize-Vorsitzender des Berliner Verkehrsausschusses, und der Europaabgeordnete Michael Cramer (Grüne) wollen ihm das letzte Geleit geben.

Heizung kaputt, Toiletten defekt

Gab es in der jüngsten Zeit ein traurigeres Züglein auf Berliner Schienen? Wohl kaum. Das rollende Material: nur zwei Wagen, die Anzeige am Bahnsteig meldet zwei Wagen als fehlend. Die Zugänge: Vier der acht Türen sind als unbenutzbar gekennzeichnet. Der Komfort: Im Wagen 272 funktioniert die Heizung, im Wagen 269 leider nicht, dort ist es kalt. Die Toiletten: Nur eine ist zugänglich, die anderen drei sind zu.

Knapp 90 Fahrgäste sitzen im Zug, davon sind rund 30 Politiker oder Bahn-Fans. Dieter Doege vom Fahrgastverband Pro Bahn hat in Hamburg einen Platz im einzigen beheizten Wagen ergattert. „Der andere war anfangs abgesperrt“, erzählt er. „Doch in Harburg wurde es richtig voll, und die Fahrgäste begannen böse zu werden. Erst dann wurde der Wagen aufgeschlossen.“

Im Abteil nebenan sitzt Teresa Kawacz aus Breslau. „Merkwürdig, wenn dieser Zug in Polen abfuhr, war er meist gut geheizt. Die Probleme gab es fast nur in der Gegenrichtung“, sagt die 60-Jährige. Vielleicht vertragen sich die deutschen Loks nicht mit den polnischen Wagen? „Ich bin hier seit 25 Jahren unterwegs und ich habe im Zug viele interessante Menschen getroffen“, so die Polin. Eine Mitreisende sagt: „Ich lebe im Spagat, in Breslau und in Berlin. Ich mag beide Städte und habe in beiden Freunde.“ Doch die Bahnverbindung hat sich verändert.

Anfangs gab es nicht nur einen Zug am Tag, sondern auch einen in der Nacht. Er fuhr wie der Tageszug über Breslau hinaus nach Krakau, weshalb er bis zuletzt „Wawel“ hieß, wie die Krakauer Burg. Der Nachtzug war häufig gut ausgelastet, zum Beispiel mit Reisegruppen, mit Schulklassen und mit ausländischen Touristen, die auf dem Weg zur Gedenkstätte Auschwitz waren.

2009 fiel der Nachtzug weg. 2012 wurde die Strecke des Tageszugs gekürzt. Damals ging die Zahl der Fahrgäste erstmals deutlich zurück, erzählt Teresa Kawacz. „Irgendwann gab es auch den Speisewagen nicht mehr.“ Der Zug wurde immer kürzer, der Verlust stieg auf 750 000 Euro pro Jahr. Ein Bahn-Manager zählte 17 Fahrgäste, als er kürzlich mitfuhr. „Es wurde auch deshalb leerer, weil die Strecke immer schlechter wurde“, sagt die Polin. Zum Teil ist nur Tempo 40 möglich. Deutsche und Polen konnten sich nicht einigen, welche Route sie ausbauen und elektrifizieren. Zuletzt dauerte die Fahrt von Berlin ins 330 Kilometer entfernte Breslau fünf Stunden. Der Intercity-Bus der DB ist schneller. „Aber ich wollte nicht mit dem Bus fahren. Der Zug ist bequemer, und ich habe mehr Platz.“

„Ein Armutszeugnis“

„Vier Mal bin ich von Salzwedel über Berlin nach Breslau gereist, und immer passierte etwas“, berichtet eine andere Polin. Einmal brannte es, einmal fiel der Eurocity ersatzlos aus. „Und immer wieder funktionierten Heizung, Licht und Klima nicht.“ Trotzdem sei sie nicht Auto gefahren. „Es ist eine lange Strecke. Ich hoffe, dass die Bahn besser wird.“ Doch auf dieser internationalen Route fährt jetzt kein Zug mehr.

Bahnhof Cottbus, 11.24 Uhr. Um 20 Minuten verspätet fährt der Eurocity an Gleis 2 ein. Ein Trauerkranz liegt bereit. Lutz Spinde spielt eine traurige Melodie, den Walzer aus Tschaikowskys Jazz-Suite 2. Ob er jemals mit dem Zug gefahren ist? Nein, sagt der Saxophonist. Jens Krause, Vize-Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus, hat den Eurocity oft benutzt. „Weil wir viele Kontakte nach Polen pflegen. Die Einstellung ist ein Armutszeugnis“ – 25 Jahre nach der Grenzöffnung, zehn Jahre nach der Erweiterung der Europäischen Union. Auch Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) ist zum Bahnhof gekommen. „Wir werden noch einmal mit dem Bund sprechen“ – um zu überlegen, wie unwirtschaftliche Fernzüge erhalten werden können.

11.51 Uhr. Motoren heulen auf. Mit bereits 36 Minuten Verspätung zieht eine Diesellok von PKP Cargo den letzten „Wawel“ nach Polen. Von dort kehrt er nicht mehr zurück.