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Verlängerung der Linie U 5: Berlin hat eine neue Schaustelle

Bitte weitergehen! Aber die Jungen wollen einfach nicht. Die Bohr-Action an der Kreuzung Unter den Linden/ Friedrichstraße ist einfach zu interessant.

Bitte weitergehen! Aber die Jungen wollen einfach nicht. Die Bohr-Action an der Kreuzung Unter den Linden/ Friedrichstraße ist einfach zu interessant.

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Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Es ist schon eine ziemlich wirre Symphonie der Großstadt, die an der Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße zu hören ist. Vorm Lindencorso steht eine Band den Fußgängern im Weg und lässt Balkanmusik ertönen. Radfahrer klingeln sich den Weg frei. Hinter dem Zaun der Baustelle, auf der der U-Bahnhof Unter den Linden entsteht, macht sich ein Arbeiter mit einem Bohrer zu schaffen. Eigentlich ist es nicht zum Aushalten. Doch die Schaulustigen halten es aus. Eine Mutter kriegt ihre kleinen Söhne nicht weg von diesem Ort. Fasziniert sehen sie zu, wie sich der Bohrer laut scheppernd in Fahrbahnreste frisst.

„Was wir hier tun, ist Bauen unter Beobachtung. Normalerweise mögen das Bauleute nicht so gern, aber hier ist es eben so“, sagt Ingenieur Ralf-Jürgen Leube. Sein vorangegangenes Projekt, der Bau der längsten Brücke Deutschlands, hatte in einem Naturschutzgebiet bei Schkopau stattgefunden. Da sahen höchstens mal ein paar Vögel zu. Doch jetzt ist Leube, unauffällig in Jeans und weißem Oberhemd, der Projektleiter für den Rohbau der U-5-Verlängerung. Damit ist der 57-jährige Thüringer einer der Verantwortlichen für das größte Verkehrsprojekt im Berliner Zentrum, die Schließung der U-Bahn-Lücke zwischen dem Alexanderplatz und Brandenburger Tor. Ein Projekt, das nicht mehr zu übersehen ist.

Unter den Linden noch schmaler

Demnächst muss die Straße Unter den Linden noch stärker verengt werden. Weil an der Kreuzung mit der Friedrichstraße der alte U-6-Tunnel abgerissen wird, wird die Einbahnstraße Richtung Westen von zwei Spuren auf eine Spur verschmälert. In der nächsten Woche wird es an dem einstigen Knotenpunkt auch lauter.

Dann beginnen Bagger damit, die Friedrichstraße am Lindencorso aufzugraben. Leube erklärt: „Das Baufeld 4 Süd entsteht“ – die erste von mehreren Gruben, in denen bis 2019 der Umsteigebahnhof zwischen der U 6 und der U 5 fertiggestellt wird. Die Berliner Autofahrer haben freiwillig das Feld geräumt. Zu Beginn der Arbeiten leuchtete es auf der Lagekarte der Verkehrsinformationszentrale oft rot – das heißt stehender Verkehr.

Heute halten sich die Staus in Grenzen, und vor allem auswärtige Autos aus Oberhavel oder Opole (Polen) sind vertreten. „Wir sind erstaunt, wie gut sich der Verkehr eingespielt hat“, sagt Jörg Seegers, Projektleiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Swimmingpool hinterm Zaun

Inzwischen ist Ralf-Dieter Leube wieder in die Amöbe zurückgekehrt. Amöbe – so heißt intern das Hauptquartier der Bauleute. „Wegen der Form“, erklärt Leube. Die Umrisse des Bauplatzes auf dem Marx-Engels-Forum erinnern an die kleinen Einzeller, die keine feste Körperform haben.

Der Zaun windet sich um Bäume herum. Eine gerade Kante gibt es fast nur an der Rathausstraße. Auch dort halten sich Baustellenbeobachter auf. Leube: „Sie sitzen bei Mutter Hoppe, trinken Bier und sehen unseren Baggern zu.“ Doch das Interessanteste sehen nur die Anwohner aus dem Nikolaiviertel, wenn sie sich auf ihren Balkon stellen.

Wo bis vor einigen Monaten die Spandauer Straße verlief, verbirgt sich hinterm Zaun ein Becken, das wie ein ungepflegter Swimmingpool aussieht. Das Wasser ist grün, ein Boot sowie Bauschaumreste dümpeln darauf. Und ein Ponton: Von dort aus sind die Taucher gestartet, die das Rohr mit dem Flüssigbeton unter Wasser an die richtigen Stellen geführt haben, um Wände und Sohle zu bauen. „Tja, zum Reinspringen lädt es nicht gerade ein“, sagt Ralf-Jürgen Leube.

Die rund 22 Meter tiefe Baugrube ist einer der ersten sichtbaren Beweise dafür, dass die Bauarbeiten für die U 5 wirklich begonnen haben. 380 Kubikmeter Beton wurden verbaut, Sonnabend vor einer Woche war sie fertig. Nun wird der Trog stetig erweitert. Hier entsteht eine Anlage, in der Bahnen von einem Gleis zum andern wechseln können, und der Startschacht für die Tunnelbohrung.

Im Juni 2013 wird es spannend: Dann soll sich von hier eine Schildvortriebsmaschine durch Sand, Kies und Grundwasser bis vor den U-Bahnhof Brandenburger Tor wühlen. Im 24-Stunden-Betrieb, mit mehreren Mann im Führerstand. Erst gräbt sie die nördliche Röhre, um sie danach mit Betonteilen auszukleiden. Leube: „April 2014 ist die südliche Röhre an der Reihe. Sie soll Oktober 2014 fertig sein.“ Aber das ist schon eines der nächsten Kapitel der U 5, die im Sommer 2019 eröffnet werden soll.

Auch bei den nächsten Etappen werden die Arbeiter mit Beobachtern rechnen müssen. Sogar mit welchen aus dem Tierreich, sagt Leube: „Kaninchen fühlen sich auf unserer Baustelle ziemlich wohl.“


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