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Verschönerung des Görlitzer Parks: Sogar die Dealer sollen im Görli bleiben

Jeder darf zum Plenum kommen und seine Vorstellungen für den Görlitzer Park vorbringen.

Jeder darf zum Plenum kommen und seine Vorstellungen für den Görlitzer Park vorbringen.

Foto:

dapd

Berlin -

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Corinna will Sonne auf der Haut. Sie kickt ein paar Becher beiseite. Dann zieht sie in einer einzigen Bewegung die gehäkelte Mütze von den kurzen rot gefärbten Haaren und das geblümte Sommerkleid über den Kopf. Die 19-Jährige streckt sich in ihrem Bikini auf dem sonnenverbrannten Gras aus. Ein paar Meter weiter senkt Ahmed Topcu kurz den Blick.

Er ist 73 Jahre alt und sitzt neben seiner Frau auf einer Bank im Görlitzer Park. Er will Corinna nicht sehen. Seine Frau neben ihm liest. Sie trägt ein Kopftuch und ein bodenlanges Gewand. Ihr Mann sitzt vor allem deswegen neben ihr auf der Bank, damit sie niemand anspricht. Ahmed und Nilgün Topcu sind Kreuzberger Türken – seit über 30 Jahren da, gläubige Muslime, aber nicht so verbissen, dass sie es nicht aushalten würden mit der halbnackten Corinna gemeinsam in einem Park in Kreuzberg.

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Ahmed und Nilgün Topcu halten noch mehr aus. Rings um ihre Bank ist der Boden übersät mit Zigarettenkippen, Nussschalen und Teilen alter Plastikverpackungen. Nicht weit von ihrer Bank sitzt ein junger Mann auf seinem Fahrrad. Er tut nichts, er wartet. Man kann ihn ansprechen und Marihuana bei ihm kaufen. Solche wie er stehen überall im Park.

Auf der gegenüber liegenden Seite des Weges lungern drei junge Männer im Gras. Sie haben eine Musikanlage auf einen Karren geschnallt und beschallen ihre Umgebung. Eine Frau schlendert von Mülltonne zu Mülltonne. Manchmal bleibt sie stehen und stochert ein wenig herum. Aber sie hat kein Glück. Nichts von Wert dabei.

Ruine mit Graffiti

„Fuck Yuppies“ steht aufgesprüht auf den Betonstufen, die von dem großartig gedachten und grandios gescheiterten Pamukkalebrunnen übrig geblieben sind. Im Jahr 2009 sind nach jahrelangem Verfall und Streit über die Baumängel endlich die Reste der Brunnenruine abgerissen worden. Der übrig gebliebene Betonkern bildet jetzt eine Art Amphitheater. Das alte Bahnhofsgebäude gegenüber ist über und über mit Graffiti besprüht. Nach Yuppies sieht es hier nicht aus. Überall liegt Müll im Gras.

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Aber die Kreuzberger Gentrifizierungsdebatte ist trotzdem hier. Andreas Teuchert hat täglich mit ihr zu tun. Der 41 Jahre alte Mann wohnt in der Ratiborstraße gleich um die Ecke vom Park. In seiner Erdgeschosswohnung sitzt er an einem Schreibtisch zwischen Kisten und Kästen und einer Menge anderem Kram.

Ständig klingelt das Telefon und Teuchert beantwortet Fragen zum Park. Seit März betätigt er sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und Landschaftsplanern als eine Art Parkkoordinator im Auftrag des Bezirks. Bis Ende 2013 wollen sie im Park einiges verändern – zum Besseren natürlich. Aber nicht von oben herab. Die Idee dabei ist, einen Prozess anzuschieben, so dass am Ende die vielen Nutzergruppen in diesem Park selbst mehr Verantwortung übernehmen und dafür den Park nach ihren Bedürfnissen mitgestalten dürfen.

Jeden Monat gibt es dafür jetzt ein gemeinsames Plenum, das sie hier Görli-Forum nennen. Jeder darf kommen und seine Vorstellungen für den Park vorbringen. Jeweils 30 Interessierte kamen zu den ersten Treffen. Andreas Teuchert trägt ihre Ideen dann ins Grünflächenamt und in eine Koordinierungsrunde, der Behördenmitarbeiter verschiedener Abteilungen und auch der Polizei angehören.

Wer am Ende entscheidet, was auch realisiert wird, ist noch nicht so ganz klar. Formal ist das Grünflächenamt des Bezirks zuständig. Für den ganzen Prozess inklusive Honorare gibt es 30.000 Euro pro Jahr aus einem Programm für benachteiligte Regionen.

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Andreas Teuchert geht gern durch den Park. Manchmal steht er oben auf den Brunnenresten und blickt über die sonnenverbrannten Wiesen: 13 Hektar mit Bolz- und Spielplätzen, Bänken und Büschen. Teuchert will, dass dieser Park für alle da ist, die in dieser Gegend wohnen. Für coole Jungs und hippe Mädchen, für türkische Rentner wie auch für Eltern mit kleinen Kindern.

„Wir wollen niemanden verdrängen, selbst die Dealer nicht. Meinetwegen sollen die ihr Gras verkaufen“, sagt Teuchert. Verändern ohne zu verdrängen, nennt Teuchert die Leitlinie all ihrer Bemühungen. Denn vor Verdrängung haben viele seiner Nachbarn Angst. Sie sprechen darüber beim Görli-Forum. „Gentrifizierung, natürlich ist das ein Thema“, sagt Teuchert.

Er selbst würde sich seine Wohnung, die er 2007 angemietet hat, heute nicht mehr leisten können, glaubt er. Um 30 Prozent seien die Mieten im Reichenberger Kiez hoch gegangen. „Mit Verbesserungen tragen wir indirekt auch zur Aufwertung des Gebiets bei“, sagt Teuchert. Aber das hält ihn nicht ab. Zur Yuppi-Abschreckung einen möglichst dreckigen Zustand zu konservieren, ist nicht sein Weg. „Das soll ja hier kein Britzer Garten werden“, sagt Teuchert. Aber etwas müsse geschehen.

Die einzige Grünfläche

Die türkischen Mütter wollen wegen der Dealer ihre Kinder nicht mehr in den Park lassen. Manche Kitas meiden bereits den Park und dabei ist er die einzige Grünfläche weit und breit. „Da muss man was machen“, sagt Teuchert. Sonst überlässt man den Park den anderen. Auch eine Form der Verdrängung. Vielleicht mit den Dealern sprechen, überlegt Teuchert laut, vielleicht Bereiche verabreden, in denen nicht verkauft wird.

Aber ob sie in der Lage und willens sind, sich an die Verabredungen dann auch zu halten? Teuchert weiß es nicht. Und dann erzählt er, wie sie auf dem Görli-Forum darüber gesprochen haben, einen der Spielplätze zu erweitern. Allerdings sei von anderen sofort eingewendet worden, diese Fläche sei doch wichtig für die Dealer – eine Lebensgrundlage für die Illegalen.

So geht es immer. Auf dem Bolzplatz lassen Hundebesitzer ihre Tiere laufen, wo auch sonst? Platz zum Kicken ist dann allerdings nicht mehr. Vielleicht ein Teil für die Hunde und ein Teil für die anderen, überlegt Teuchert. Man muss nur aufpassen, dass am Ende nicht lauter Käfige neben einander stehen.

Maria Frings, die mit dem Kreuzer Haus ein sozialintegratives Jugendprojekt in einem Teil des alten Bahnhofs betreibt, wünscht Teuchert viel Glück bei seinem Vorhaben, aber sie hält ihn für naiv. „Dieser Park ist übernommen worden von Selbstdarstellern, Dealern, Touristen. Das sind alles Egoisten. Die nehmen nicht mal ihren Müll mit“, sagt sie.

Maria Frings wünscht sich, dass der Park den Familien zurück gegeben wird. Aber sie hat Zweifel, ob der Prozess umzukehren ist. An Sommerwochenenden ist der Park eine einzige Grillzone. Abends schallt Techno-Musik übern Rasen – ohrenbetäubend laut. Die Anwohner drehen dann durch

Abends schlafen hier Roma

Maria Frings hat noch ein Problem und zwar mit den Roma, ganze Familien aus Bulgarien und Rumänien, die jetzt in den Sommermonaten wie im vergangenen Jahr wieder ein Schlaflager rund um das Jugendprojekt aufgemacht haben. Am Tage lehnen ihre Matratzen an der Wand des Bahnhofsgebäudes. Nur ein Paar sitzt in den Nachmittagsstunden dort auf einer schmuddeligen Matte und zählt Centstücke.

Abends kommen ein Dutzend weitere Männer und Frauen. Sie schlafen auf dem Umgang rund ums Gebäude. „Und sie pinkeln ins Haus rein“, sagt Maria Frings. Die hygienischen Verhältnisse seien unbeschreiblich. Sie will, dass etwas unternommen wird. Ein konkretes Problem, man müsse es anpacken.

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Fürs Anpacken ist Andreas Teuchert vielleicht nicht der Richtige. Er bezeichnet sich selbst als Idealisten. „Aber ich sehe auch keinen anderen Weg“, sagt er. Er will alle mit ins Boot nehmen, Dinge ausprobieren und ein paar Beispiele, dass es funktionieren kann, hat er ja auch vorzuweisen. Im vergangenen Jahr hat eine Gruppe im Park Obstbäume gepflanzt.

Mit riesigen Wassertonnen auf Rädern haben sie mühsam dreimal die Woche die jungen Bäume bewässert. Aus der Pflanzaktion entstand der Impuls zum Görli-Forum: Bürgerbeteiligung zur Gemeinschaftsbildung unter der Regie des Grünflächenamts. In diesem März hat die Gruppe weitere Obstbäume gesetzt. Und das Amt hat sogar eine Wasserleitung spendiert.

Vielleicht klappt es ja mit der Bürgerbeteiligung, wenn alle einen langen Atem haben. Einer der Bäume jedenfalls macht Hoffnung. Ein Schild weist ihn als Kaiser-Wilhelm-Apfel aus: starker Wuchs, geringe Bodenansprüche. Genau das, was man hier braucht.

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