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Versteigerung der BVG: Vergessen und verkauft

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Auktionator Ulrich Beier versteigert selbst skurrile Fundstücke wie Gehhilfen oder ein Blutdruckmessgerät.
Auktionator Ulrich Beier versteigert selbst skurrile Fundstücke wie Gehhilfen oder ein Blutdruckmessgerät.
Foto: AKUD/Lars Reimann

Stethoskop, Flöte und Fahrräder sind unter den Hammer gekommen. In Tempelhof wurden zum Teil skurrile Fundstücke verkauft, die in Bussen und Bahnen vergessen wurden.

Eine weiße Laderampe führt zur Eingangstür des Auktionshauses. Die breite Metalltür steht offen, drinnen sind nur Fahrräder zu sehen. Wie aufgefädelt stehen hier etwa 30 Drahtesel. Links und rechts davon lehnen noch Räder an der Wand. Zum Durchgehen bleibt ein zwei Meter breiter Gang. Potenzielle Käufer prüfen Vorderleuchten und Reifen. Auf jedem Sattel klebt ein briefmarkengroßer Sticker mit einer dreistelligen Nummer. Einige Interessenten haben ein Klemmbrett dabei, auf Zetteln notieren sie sich dort die Nummer ihres Favoriten. „Vor allem junge Leute kommen zur Versteigerung der BVG, suchen nach einem neuen Rad oder einem günstigen Handy“, sagt die Auktionatorin Monika Beier. „Aber auch viele Händler aus dem An- und Verkauf sind dabei.“ Die 54-Jährige spricht aus Erfahrung: Donnerstagvormittag haben sie und ihr Mann die 77. Versteigerung für die BVG geleitet. Hier werden die Dinge meistbietend verkauft, die in Bahnen und Bussen vergessen und nach drei Monaten nicht abgeholt wurden.

Monika Beier schiebt sich durch die Menschenmenge im Fahrradraum. Mit Headset, schwarzer Mappe und Holzhammer. Etwa 80 Kaufwillige stehen um sie herum. „Mit dem Fahrrad hier fangen wir an“, bestimmt die Auktionatorin. „335!“ ruft ihr Mitarbeiter Uwe Seeliger-Danz, der das Rad zeigt. Die 335 ist ein blaugrünes Herrenfahrrad mit rosa Schnörkeleien. „Wir starten bei zehn Euro“, eröffnet Beier die Versteigerung. „Da sind 12! Da hinten 15! Da sind 17 und hier haben wir 20! 20 zum ersten, 20 zum zweiten und zum dritten für 20 Euro!“ Sie klopft mit dem Hammer auf ihre Mappe. „Wenn der Bieter den Zuschlag bekommt, muss er den Gegenstand auch bezahlen. Das ist so, als würde er einen Kaufvertrag abschließen“, erklärt die Chefin.

Herrenfahrrad Nummer 335

Um das abzusichern, muss sich jeder Mitbietende vor der Auktion eine Bieternummer holen. „An unserer Kasse werden Name und Anschrift des Mitbietenden notiert. Dann bekommt er eine Nummer zugeteilt. Die steht auf dem Zettel, den er bei der Versteigerung hochhält.“ Beier schreibt diese Nummer dann in ihre schwarze Mappe. So kann sie dem Fahrrad einen Bieter zuordnen. Das blaugrüne Herrenfahrrad mit der Nummer 335 ersteigert Thomas Wiesenbach. In seinem Laden verkauft er Räder, die er selbst repariert hat. Insgesamt 17 Drahtesel kauft er bei dieser Auktion. „Darunter ist ein ganz besonderes: Die Gazelle, ein altes Hollandrad.“ Ersteigert habe er es für 25 Euro. Wiesenbach hofft, es für 300 Euro verkaufen zu können. Nach einer halben Stunde sind alle Drahtesel im Fahrradraum verkauft.

Danach übernimmt Ulrich Beier im Raum nebenan. Es gibt keinen Sitzplatz mehr, die Mitbietenden stehen dicht an dicht zwischen Kleiderständern, Vitrinen und Tischen. Mitarbeiter Uwe Seeliger-Danz hält ein Stethoskop in die Höhe: „Das ist Nummer 217!“ Chef Beier legt das Mindestgebot fest. „Beginnen wir mit fünf Euro.“ Zögerlich geht eine Hand mit Nummernzettel hoch, dann eine zweite und noch die dritte. „Zehn Euro! Zum ersten zehn, zum zweiten zehn und zum dritten!“ Weiter geht es mit einem Bündel aus 15 Schirmen und vier Gehhilfen.

„Würden wir hier jeden Schirm einzeln versteigern, würde die Auktion sehr lange dauern “, erklärt Monika Beier die Kombination. „Etwas merkwürdig ist es schon, dass jemand seine Gehhilfe liegen lässt“, fügt die Auktionatorin hinzu. Das Skurrilste sei aber vor wenigen Jahren ein rosa Sofa gewesen. Da wisse sie bis heute nicht, warum das in einer Bahn oder einem Bus war. „Als Nächstes haben wir ein Blutdruckmessgerät“, ruft Ulrich Beier. Flöte, Bohrmaschine, Bücher, Jacken, Kameras, Handys, Laptops folgen. Mit den Rädern zusammen versteigert das Auktionshaus an diesem Tag 335 Posten.

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