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Berliner Zeitung | Virtual-Reality-Kino in der Platoon Kunsthalle in Berlin: Als würde man mit einem Aufzug zum Himmel fahren
20. January 2016
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Virtual-Reality-Kino in der Platoon Kunsthalle in Berlin: Als würde man mit einem Aufzug zum Himmel fahren

So sieht das Kino der Zukunft aus.

So sieht das Kino der Zukunft aus.

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Berliner zeitung/markus wächter

Es riecht nach Popcorn, vorne ist eine große Leinwand aufgespannt, aber die Zuschauer sehen sie gar nicht. Sie tragen weiße Brillen, die wie futuristische Ski-Brillen aussehen. Für einen Abend hat sich die Platoon Kunsthalle in Berlin-Mitte in ein Virtual-Reality-Kino verwandelt. „Das erste in ganz Deutschland“, sagt Organisator und Medienmanager Jip Samhoud. Er ist davon überzeugt, dass sich mit solchen Kinos ein gutes Geschäft aufziehen lässt.

Bevor es losgeht, laufen fünf Helfer durch die Reihen und machen jede Brille einsatzbereit zum Abtauchen. „Dokumentation oder Horror?“, lautet ihre Frage. Den letzten Teil des 30-Minuten-Programms können die Zuschauer selbst auswählen. Dann geht es los. Die Zuschauer stehen im nächtlichen Downtown Los Angeles. Plötzlich heben sie ab.

Designer-Drehstühle statt Kinosessel

Wie mit einem unsichtbaren Aufzug geht es zwischen den Hochhäusern nach oben, bis über die Wolken. Der Film, eine Zusammenarbeit der New York Times mit den Virtual-Reality-Produzenten Vrse, ist so gemacht, dass bei den Zuschauern dasselbe mulmige Gefühl im Magen entsteht, als würde man mit einem echten Aufzug in den Himmel fahren. Schaut man nach unten, sieht man die Lichter von L. A. langsam verschwinden.

Es sind immer fünfzig Personen, die zusammen abheben, acht Durchgänge gibt es an diesem Abend. Man kann Bier trinken und Popcorn essen. Statt in Kinosesseln sitzt man in Designer-Drehstühlen, damit es nicht so anstrengend ist, hinter sich zu schauen. Virtual-Reality-Filme umgeben den Zuschauer.

Noch ist die Technik dabei alles andere als perfekt. Beim VR-Kino werden zwar vergleichsweise hochquDeralitative Geräte eingesetzt: Gear-VR-Brillen, in die man neue Samsung-Smartphones steckt. Doch die Auflösung ist noch recht körnig. Die andere Realität sieht daher eher so aus, als wäre man in einem VHS-Videofilm aus den Achtzigern gelandet und nicht in einem hochauflösenden Kinofilm der Gegenwart. Doch auch das reicht, damit die Technik ihre Wirkung entfaltet.

Alltagsszenen in Echtzeit aufgenommen

„Es fühlt sich so an, als ob man tatsächlich mit einer Person im Raum ist, also als ob sie neben einem stehen würde“, sagt Kulturmanagerin Nadja Telebak. Sie hat sich für die Dokumentation entschieden. Sie zeigt den Alltag dreier Flüchtlingskinder. Man beoabchtet Oleg, einen ukrainischen Jungen, dabei, wie er in einem zerstörten Klassenraum spielt; Hana, ein syrisches Mädchen, das auf einem Feld im Libanon Gurken ernten muss; und Chuol, einen sudanesischen Jungen, der vor dem Bürgerkrieg in den Sumpf geflohen ist. Es sind Alltagsszenen in Echtzeit aufgenommen, sonst passiert nicht viel. Im Fernsehen würde man das als langsam empfinden. In der virtuellen Realität wirkt es ungeheuer intensiv.

Auch die Vereinten Nationen machen sich diese Wirkung zunutze. Sie haben einen VR-Film über ein Flüchtlingscamp in Jordanien produzieren lassen, um für Spenden zu werben. Jip Samhoud, der nach einem Ort in Berlin sucht, um dauerhaft ein VR-Kino zu eröffnen, sagt, dass es diese Wirkung war, die ihn dazu gebracht hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen. „Virtual Reality kann uns Menschenschicksale ganz anders nahebringen als ein gewöhnlicher Film“, sagt Samhoud. „Es ist ein unvergleichliches Mittel, Empathie zu wecken.“ Nachdem die UN den Film über die Flüchtlinge gezeigt haben, hat sich das Spendenaufkommen verdoppelt. Und auch hier, in Berlin, zeigt er Wirkung. Die Zuschauerin Nadja Telebak sagt, sie habe sich hinterher gefragt, ob man mit der VR-Brille eigentlich weinen kann.

#VR-Kino von @JipSamhoud, @platoon_org, #berlin

Posted by Jörg Hunke on Dienstag, 19. Januar 2016

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