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Von Schwabenhass keine Spur: Rätseln über Thierses Schwaben-Tiraden

Trotz Warnung: Hedwig und Woldemar Mammel sind zum Spätzle kochen und Linsen zubereiten von der Schwäbischen Alb nach Berlin gekommen.

Trotz Warnung: Hedwig und Woldemar Mammel sind zum Spätzle kochen und Linsen zubereiten von der Schwäbischen Alb nach Berlin gekommen.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das ist kein Friedens-Essen, wie manche glauben, denn es gab gar keinen Krieg. Nicht hier, in den Prinzessinnengärten am Moritzplatz, wo umweltbewusste Kreuzberger einen Nutzgarten angelegt haben. Mögen sich in Prenzlauer Berg Alt- und Neubewohner mit „Schwaben raus!“-Sprüchen und einem Spätzlewurf auf das Kollwitz-Denkmal attackieren, in Kreuzberg sind Schwaben schon immer willkommene Gäste.

Etwa 50 Berliner und Menschen aus Schwaben haben sich am Donnerstagabend zu einem Spätzle-und-Linsen-Essen getroffen, um die Rückkehr einer einst in Vergessenheit geratenen Hülsenfrucht aus Schwaben zu feiern. Es ist die schwäbische Alblinse.

In Berlin wurde sie in diesem Jahr zum ersten Mal auf einem 2000 Quadratmeter großen Weltacker geerntet. Der heißt so, weil rein rechnerisch jedem Weltbürger genau so viel Fläche zur Verfügung steht. In den Prinzessinnengärten zeigte Woldemar Mammel, Gründer der Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“ in Lauterach auf der Schwäbischen Alb, wie man aus getrockneten Linsenbüschen die Körner herausschlägt. „Lieber Linsen schlagen, als Schwaben schlagen“, sagt er und spielt damit auf den Streit zwischen Schwaben und Berlinern an.

Warnung vor dem Schwabenhass

Mammel erzählt, eine schwäbische Zeitung habe davor gewarnt, nach Berlin zu fahren. „So ein Blödsinn!“, sagt er. Er verstehe seine Landsleute aber auch nicht immer: Warum hätten CDU und FDP in Baden-Württemberg Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse als Festredner zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Stuttgarter Landtag ausgeladen? „Ich höre ihn gern reden!“

Der ostdeutsche Politiker aus Prenzlauer Berg ist eine Symbolfigur im Streit zwischen Schwaben und Berlinern, seit er sich darüber aufgeregt hatte, dass Schwaben in Berlin jetzt nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche lebten. Und beim Bäcker würden jetzt nicht mehr Schrippen, sondern nur noch Wecken bestellt. Thierse sollte zum Schwabenmahl nach Kreuzberg kommen, er hatte die Einladung aber zu spät erhalten und bereits einen anderen Abendtermin.

Benedikt Haerlin vermutet, Thierse hätten die Schwaben verunsichert. „Sie haben den Ureinwohnern von Prenzlauer Berg die Wohnungen weggeschnappt. Sie müssen ja immer überall die ersten sein und alles sofort kaufen“, sagt der Mitinitiator des Projekts Weltacker. Haerlin ist Schwabe, er kam 1974 nach West-Berlin, weil er den Wehrdienst verweigerte. Und blieb. „Damals gab es viele Schwaben und keine Vorbehalte gegen sie“, sagt der 57-Jährige. „Damals waren Auszug und Gentrifikation aber auch noch keine Themen in der Stadt.“ Für ihn sei das Abendmahl der Berliner und Schwaben ein „Multikulti-Treffen zur Völkerverständigung.“ Die Töpfe sind schnell leer.