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Vorabdruck aus Malte Weldings neuem Buch : „Seid fruchtbar und beschwert euch!"

Kinder machen Freude.

Kinder machen Freude.

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getty/Istockphoto

Irgendwann weiß jeder: Ja, die Leute geben dir ein Like bei Facebook, wenn du postest, dass du ein Kind bekommst, aber eigentlich streichen sie dich in dem Moment aus ihrem Adressbuch. Weil du jetzt einer von denen bist. Von den Kinderwagenschiebern, den dauernd kranken Kitakinder-Müttern, von denen, die nur noch über ihre Blagen reden, die Sachen wie „Pekip“ sagen und „Elterndienst“, die Milchflecke an der Brust haben, hoffentlich ist es überhaupt Milch, und wo wir gerade dabei sind: Isst das hässliche Kind da drüben gerade tatsächlich Sand?

Eine Klickstrecke auf der Onlineseite des Magazins Cicero zählt zwanzig Gründe auf, kein Kind zu bekommen, ein bisschen ironisch, aber irgendwie auch ernst gemeint, eine Klickstrecke, in der tatsächlich existierende Ängste der Leute durchexerziert werden. „Man weiß nie, ob’s nicht ein Kevin wird!“, heißt etwa ein Punkt (dazu ein Bild von einem unansehnlichen nackten Äffchen) – ja, was, wenn mein Kind tatsächlich als Einziges weit und breit nicht hochbegabt ist? Ritalintropf? Gar Hauptschule? Ein anderer Punkt: „Kinder sind, sprechen wir es aus, selbstverliebte Tyrannen!“ – Und da ist sie auch gleich, die alte Nazithese vom Kind als zu bändigendem Untier.

Kinder stinken, machen alles kaputt, sind viel zu laut – in Berlin wurde die Luxussiedlung „Fünf Morgen“ auf Stadtkosten durch eine fünf Meter hohe Lärmschutzmauer vor dem Krach einer Kita bewahrt, ja wirklich, auf Kosten der Gemeinschaft. Man möchte hinter jedes Wort ein Ausrufezeichen in Klammern setzen. Fünf Meter (!) Mauer (!) in Berlin (!) zum Schutz vor: Kindern (!).

Überall wird gegen Kitas geklagt. Nachdem das Bundes-Immisionsschutzgesetz so geändert wurde, dass Geräuscheinwirkungen durch Kinder im Regelfall nicht mehr als schädliche Umwelteinwirkung gewertet werden können (tatsächlich mal ein Beispiel für kinderfreundliche Politik), lassen sich Anwohner nun andere Klagegründe einfallen, um Kinderrudel in ihrer Umgebung zu verhindern. Denn Kinder sind als Nachbarn ungefähr so beliebt wie Asylbewerber und Atomkraftwerke. Was der Mensch zum Wohnen braucht, ist Friedhofsruhe.

An einem Samstagmorgen brüllte der Anwohner eines Spielplatzes, wir sollten gefälligst ruhig sein. Am selben Tag hing ein Zettel in unserem Innenhof, in dem es hieß, es zeuge von wenig Mitgefühl, am Wochenende mit den schreienden Kindern im Hof zu spielen. Der Brief schloss: „Wir gehen alle hart arbeiten. Nehmt Rücksicht und gönnt uns unseren Schlaf.“ Es folgten viele Ausrufezeichen. Nur ein stummes Kind ist ein gutes Kind. Noch besser: eins, das sich gar nicht erst materialisiert hat.

Kinder also sind ziemlich nervig, aber noch ist es nicht so weit, dass Zeitungen Kampagnen gegen sie fahren würden: Der Böse in solchen Geschichten ist schon noch das reiche Arschloch, das auf Kosten des Steuerzahlers in Berlin eine Mauer errichtet.

Wer aber wirklich unheilbar beschissen ist in unserer Gesellschaft, das sind die Eltern. Also die, die für den ganzen Krach, den unzumutbaren Anblick in Restaurants verantwortlich sind. Und während man Kinderfeindlichkeit, solange man nicht anonym schreibt, immer noch wie im Cicero mit einem Ironieschleifchen versieht, kann man Eltern offen hassen.

Ich mache mir keine Sorgen, dass die Deutschen aussterben. Die eigentliche Tragödie hinter dem, was manche als demografische Katastrophe bezeichnen, dem Umstand also, dass Deutschland mit seinen 1,38 Kindern pro Frau vom sogenannten Ersatzniveau, also dem Erhalt des Ist-Zustands, so weit entfernt ist wie ein Schneemann im Strandurlaub, sind die zahllosen Frauen und Männer, die nie Eltern werden, obwohl sie gern Kinder wollten.

Die Soziologin Jutta Allmendinger kam in ihrer Studie „Lebensentwürfe heute“ zu dem Ergebnis, dass 93 Prozent der 2 000 jungen Frauen und Männer, die sie 2007, 2009 und 2012 befragt hatte, sich Kinder wünschten. Bis zu 30 Prozent von ihnen werden nie Kinder bekommen, je nach Stadt und Milieu.

Während sich also die jungen Deutschen selbst ganz überwiegend Kinder wünschen, glauben sie, bei anderen sei das nicht so. Männer glauben sogar, dass „nur sehr wenige Männer“ Kinder bekommen wollen.

Deutschland wird als zutiefst kinderfeindlich wahrgenommen. Was zum einen ja eine Fehlwahrnehmung zu sein scheint, schließlich schließen sich Kinderfeindlichkeit und Kinderwunsch doch eigentlich aus, andererseits aber doch recht praktisch zu greifen ist. Väter müssen immer noch mit Spott rechnen, wenn sie Elternzeit in Anspruch nehmen, Frauen erleben eine deutliche Mutterschaftsstrafe im Beruf, sie werden bei Einstellung und Beförderung und somit auch beim Gehalt benachteiligt. Müssen wir also eigentlich von Elternfeindlichkeit sprechen?

Zunächst einmal kann man eine gewaltige Verschlechterung der Stellung der Eltern im geschichtlichen Vergleich feststellen. So schreibt die Soziologin Leonie Herwartz-Emden: „Die Frau in der Bauerngesellschaft gewinnt an Prestige, wenn sie Mutter wird, gleichzeitig wird ihr Bewegungsraum ausgedehnt.“ Dagegen hat die moderne Frau „nicht nur eine Einschränkung ihres Bewegungsraumes (stärkere Bindung an die Wohnung und Isolierung, Verlust sozialer Kontakte) hinzunehmen, sondern ihr Status wird durch Mutterschaft nicht verbessert.“ Mutterschaft führe zu einem Verlust an Autonomie und Erwachsenheit.

Eine Freundin schrieb mir, warum sie sich gegen ihr Kind entschieden hat: „Als ich mal schwanger war, und wirklich hin und her gerissen, da hat folgendes Bild gesiegt: Man sitzt in einer vergammelten Scheißwohnung, die man schön zu halten nicht mehr imstande ist, weil man ein kleines süßes Kind auf dem Arm hat, das schreit, und dann nimmt man das Telefon und ruft Leute an, von denen man hofft, dass sie mal kurz aufpassen können, die aber natürlich nicht können, weil sie sich selber selbstverwirklichen müssen, und dann rennt man zwischen Arbeit und Zuhause hin und her, sieht schlecht aus und wird irgendwann gemein zu jüngeren Frauen, die noch alles vor sich haben, und das, obwohl man sich doch fest versprochen hatte, so nie zu werden.

Es war das Gefühl mit dem Kind und dem Geld, was gebraucht wird, mit Sicherheit alleine zu sein (…) es waren das die Gründe, aus denen ich mich dafür entschieden habe, das Kind nicht zu bekommen. Ich wusste einfach nicht, wie das gehen soll.“

Kinderlosigkeit ist keine egoistische Entscheidung, sondern gar nicht so selten eine recht rational anmutende Reaktion auf die eigene Angst.

Politisch müsse man sich nun vor allem fragen, so sagte mir Frau Allmendinger, was es heiße, wenn die Leute glauben, es sei gesellschaftlich wenig akzeptabel, Kinder zu bekommen. Im Vorwort zu ihrer Studie schreibt sie: „Es ist nicht so, dass die jungen Menschen zweifeln oder keine eigene Familie wollen. Das tun die wenigsten.“ Aber: „Eine Familie macht nicht viel her. Sie verschafft keine Anerkennung, das tut nur ein guter Job, vielleicht noch der Freund oder die Freundin. Kinder zu haben, ist dagegen nicht cool.“ Im persönlichen Gespräch mit mir fügte sie hinzu: „Die gesamte deutsche Gesellschaft wird als nicht kinderfreundlich beschrieben.“

Das bestätigt auch eine europaweite Studie des Instituts für Zukunftsfragen von 2013. 11 000 Europäer wurden gefragt, ob sie ihr Land als kinderfreundlich wahrnehmen. In den meisten Ländern war das Ergebnis negativ, nur in Dänemark sahen 90 Prozent der Menschen ihr Land als kinderfreundlich an. Weit abgeschlagen: Deutschland mit 15 Prozent.

Fast alle wollen Kinder, glauben aber, alle anderen seien kinderfeindlich.

Wie bedrohlich diese Kinderfeindlichkeit wirkt, konnte man Anfang 2014 in der FAS nachlesen. Dort schrieb die 29-jährige Redakteurin Antonia Baum einen aufsehenerregenden Text mit dem Titel „Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen“, der extrem häufig in den sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert wurde. Er ist ein Artikel gewordener Angstschrei: „Das Dasein ist jetzt schon so anstrengend, wie soll das dann noch mit einem Kind gehen, wie soll ich das schaffen – wobei in dieser Überlegung ein wichtiges Merkmal der modernen Kinderfrage liegt: Wenn man ein Kind bekommt, ist man gewissermaßen selbst schuld. Man kann sich heute dafür oder dagegen entscheiden.“

Es ist eine laute Wehklage, die Baum da schreibt: über die Selbstoptimierung, die Durchterminierung des Lebens, das fast schon militärische Weiter-so des Kapitalismus, der ein Familienleben praktisch unmöglich mache. Tobias Haberl, 38, kinderlos, war einer der vielen Journalisten, die auf Baums Text etwas erwiderten. Im SZ-Magazin schrieb er unter dem Titel „Sonst noch was?“, es klinge etwas neurotisch, wenn „eine junge Frau mitten aus der Gesellschaft in Panik verfällt, weil sie sich nicht vorstellen kann, wie sie das schaffen soll: ein Kind haben, einen Job haben und nicht unter die Räder kommen“.

Die meisten Reaktionen auf Baums Text erinnerten an das, was in einer nicht mehr funktionierenden Beziehung passiert, wenn der eine über seine Gefühle redet. Der sagt also: „Mir geht es nicht gut, ich komme einfach nicht mehr zurecht.“ Und der andere entgegnet: „Aber da hast du doch gar keinen Grund zu.“

Im Jahr 2008 wurde im US-amerikanischen Bundesstaat Nebraska ein Gesetz erlassen, mit dessen Hilfe die steigende Rate von Kindstötungen bekämpft werden sollte. Nebraska stellte von nun an nicht mehr unter Strafe, wenn Eltern ihre Kinder in Babyklappen und vergleichbaren Einrichtungen abgaben. Nach wenigen Monaten waren Dutzende Kinder in Krankenhäusern und Polizeistationen abgeliefert worden. Womit niemand gerechnet hatte: Säuglinge waren nicht darunter. Zwei Drittel der Kinder waren über 13 Jahre alt.

In den USA hat diese Geschichte den amerikanischen Elternmythos gewaltig erschüttert. Sind Kinder also vielleicht gar kein Segen? Sollte Deutschland sich glücklich schätzen, das Kinderproblem so gut im Griff zu haben? Die feministische Autorin Jessica Valenti schrieb über die Begebenheit in Nebraska einen Artikel im Magazin The Atlantic, der eine unglaubliche Resonanz fand. Darauf folgte ihr Buch „Why have Kids?“. In Deutschland hatten die Autoren Julia Heilmann und Thomas Lindemann großen Erfolg mit ihrem Buch „Kinderkacke“, das eine ähnliche Stoßrichtung hat: Ausdrücklich geht es in beiden Büchern darum, den Kitschmythos zu entzaubern, der Elternschaft und besonders die Mutterrolle umgibt. Über „Kinderkacke“ kann man nachlesen, dass es ein mutiger Schritt gewesen ist, darauf hinzuweisen, dass Elternschaft eben auch schon mal schwierig sein kann. Es kommt also anscheinend immer noch einem Tabubruch gleich, zu sagen, dass Elternsein keine Aromatherapie in Leni-Riefenstahl-Licht ist.

Wenn also Eltern sich beklagen, ist das verpönt. Aber gleichzeitig haben Eltern einen schlechten Ruf, eben weil sie Eltern sind.

Man denke nur an den Neo-Soziologismus Helikoptereltern, mit dem sich alle benennen lassen müssen, die sich auf dem Spielplatz zufällig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten.

Man macht entweder zu viel – oder man vernachlässigt das Kind. Denn sobald das Kind zu hören ist, lässt man sich tyrannisieren, ist man jemand, der sein Kind nicht im Griff hat. Vom Helikopter- zum Rabenelter ist es meist nur ein Geräusch. Bei jedem Mucks, den das Kleine macht, und sei es eine Woche alt, wird gefragt, ob es ein Schreikind sei. Babys schreien! Es ist ihre Art, Small Talk zu machen.

Apropos Small Talk: Ich schrieb auf Facebook, unser Baby sei so dick, dass es keine Ellenbogen, sondern zwei kleine Ellenlöcher auf jeder Seite habe. Darauf antwortete jemand, den ich nur auf Facebook kenne (er bezieht sich auf eine Frage, die ich dort gestellt hatte): „Neulich kam doch die Frage, was so die Probleme sind, wenn man an Kinder und Nachwuchs denkt – und dieser Post ist für mich so ein Problem. Ich hab schon einige interessante Typen, denen ich gefolgt bin, dabei beobachtet, wie die Posts und Interessen nach der Geburt rund um irgendwelchen Babykram mehr werden, dann Pipikaka-Kindersprache dazukommt, gefolgt von einem Alterungsschub auf den Fotos der nächsten Monate. Mag sein, dass das nun mal der Lauf der Dinge ist, aber mir macht das Angst. Große Angst.“

Das am häufigsten gehörte Vorurteil über Eltern: Die reden zu viel über ihre Kinder. Das ist, als würde man dem kleinen Elliott aus „E.T.“ vorwerfen, er rede zu viel über Außerirdische. Ein enger Freund hat mir ausdrücklich verboten, etwas aus dem Geburtsvorbereitungskurs zu erzählen, ein anderer wollte nicht erwähnt wissen, dass meine Frau stillt.

Dabei ist ein Geburtsvorbereitungskurs als Gesprächsthema nicht unergiebiger als ein Clubabend, im Gegenteil. Aber die Vorstellung, Elternsein sei irgendwie spießig, traurig, näher an der Midlife-Crisis und am Tod, am Gestank und am Ersetzt-Werden, ist so allgemein akzeptiert, dass man auf seine strahlenden Singlefreunde besser nicht setzen sollte in der Zeit nach der Geburt. Umgekehrt ist es verdammt schwer, nach vier kumulativen Stunden Schlaf komplett aus dem Häuschen zu sein, wenn der Kumpel erzählt, dass die Clubschlampe von letzter Woche ihn jetzt bei Facebook befreundet hat.

Ja, das Elternsein trennt einen von den Nicht-Eltern. Man muss erheblich gegensteuern, um in der Welt der Nicht-Eltern nicht als Freak rüberzukommen. Man ist eben tatsächlich in einer völlig anderen Lebensphase, und da wir alle in einer Gesellschaft leben, in der die Lebensphasen ghettoisiert werden, ist jede Stufe der anderen so fremd wie den Inuit das Nacktschwimmen.

Die taz-Redakteurin Anja Maier hat mit ihrem Elternhasserbuch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter. Von Edeleltern und ihren Bestimmerkindern“ den Sound vorgegeben. Die Eltern, so Maier, hielten ihre Kinder für einen Sinnersatz, missbrauchten sie als Ausrede, sich sozialen Konflikten nicht stellen zu müssen, und seien insgesamt mit ihren Tausend-Euro-Kinderwagen, mit denen sie die Straßen „entlangpflügten“, eine Zumutung. Sie zitiert zustimmend eine Cafébesitzerin, die ihrer Elternverachtung folgendermaßen Luft gemacht hat: „Jetzt setzen die sich hier im Pulk hin, holen ihre Euter raus und stillen die Kinder. Nicht dass die da mal ’ne Decke drüberlegen oder so – neeeein, das soll jetzt aber auch wirklich jeder mitkriegen, dass sie ihr Baby ernähren können, dass sie das hinkriegen mit vierzig oder wie alt die sind.“

Aber ein Baby kann nicht warten. Hunger ist für einen Säugling kein Gefühl, das er einordnen könnte, das ihn sich sagen ließe: „Gleich schmeckt’s umso besser, wenn ich nur noch ein bisschen ausharre.“ Es leidet, es leidet auf eine Art, die ein Erwachsener gar nicht nachempfinden kann, es ist der Hunger, es ist ein ungestilltes Bedürfnis.

Also füttert man es da, wo es gerade hungrig ist.

Und man sucht sich das auch wirklich nicht aus, ob man stillt oder ein Fläschchen gibt. Jeder, wirklich jeder, ob Arzt, Amme oder Medizinlexikon, sagt dir, dass du unbedingt sechs Monate stillen solltest. Also bleibt dir, um die empfindlichen Augen junger Nicht-Mütter und Nicht-Väter zu schonen, nur das Kindercafé, wo du dann genau das bist, was du eigentlich nicht sein wolltest: nur noch Mama. Du bist Brustdrüse mit Mensch dran, du sitzt im Bällebad und blätterst in der Zeitschrift Eltern statt in der Vogue.

Was dann also bedeutet, dass die Alten im Altenheim sitzen, weil sie so stinken, und die mit Kindern im Kindercafé wegen der Brüste – und die jungen Einzelkämpfer bleiben unter sich, für immer allein, für immer jung, weil sie nicht so werden wollen wie die, vor denen sie sich so ekeln.

Aber im Urlaub, da fährt man gern hin, wo alles so lebendig ist.

Abendessen in einem Wellness-Hotel. Zwei Frauen um die 30 schauen zunehmend angewidert zum Nebentisch. Sie tuscheln miteinander, ihre Blicke werden immer vorwurfsvoller. An dem Nebentisch sitzt meine Frau mit unserem Kind. Das Kind spielt mit seinem Essen. In Frankreich, das wissen die Frauen aus dem Bestseller „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“, den offenbar auch Kinderlose gern lesen, weil er ihre Vorurteile über deutsche Kinder und ihre debilen Eltern bestätigt, gäbe es so etwas nicht. Da säße das Kind mit geradem Rücken und würde sauber mit Messer und Gabel essen.

Was die beiden Frauen nicht wissen: Unser Kind ist noch kein Jahr alt, mit dem Essen zu spielen ist in diesem Alter ein ganz normaler Entwicklungsschritt und kein erzieherisches Versagen. Ein halbes Jahr später wird es ganz ordentlich mit einer Gabel essen. Aber die Frauen können ein Baby nicht von einem Kleinkind unterscheiden. Vermutlich hat niemand aus ihrem Freundeskreis ein Kind. Und wenn eine der Freundinnen ein Kind hätte, wäre sie bald ausgeschlossen. Man kann ja nicht einmal mit ihr essen gehen!

Wer als Eltern solche Szenen nicht erleben möchte, bleibt zu Hause oder geht ins Kindercafé – mit der Folge, dass die, die sich tatsächlich mit kleinen Kindern in die Erwachsenenwelt trauen, erst recht als asozial gelten.

Auch Stefan Fuchs, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie, schreibt in seiner Doktorarbeit, dass man Kinder gewohnt sein muss, um sie bekommen zu können. „Wo aber“, so fragt er, „sollen junge Menschen im Alltag ‚regelmäßig Kontakt‘ zu Kindern haben? Angesichts des hohen Erstgeburtsalters können sie – mindestens bis zum 26.–30. Lebensjahr – nur selten über gleichaltrige Freunde mit Kindern in Kontakt kommen. In der Ausbildungs- und Berufswelt kommen Kinder in der Regel kaum vor. Eine Ausnahme sind hier bestimmte soziale bzw. erzieherische Berufe, dieser triviale Umstand könnte so auch für die überdurchschnittliche Geburtenneigung von Erwerbstätigen im Gesundheits- und Bildungswesen (mit)verantwortlich sein.“

Meine Frau hasst Kindercafés. Aber in normalen Cafés fühlt sie sich nicht wohl, wenn der Kleine schreit. Schon ist man als Eltern eine eigene Spezies. Eine, die Kinderlieder singt und sich nur noch für Babybezogenes interessiert. Geht man selbst ins Teletubbies-Ghetto, oder wird man reingesteckt?

Julia Heilmann, zusammen mit ihrem Mann Thomas Lindemann Autorin des oben erwähnten Bestsellers „Kinderkacke“, schrieb mir: „Ausgerechnet eines der reichsten Länder der Welt ist nicht kinderfreundlich. Die Deutschen, die Erfinder des ‚Spielen verboten!‘-Schildes, haben sich trotz Ursula von der Leyen und Methusalem-Debatte kaum verändert. Das sogenannte Kinderabteil der Deutschen Bahn ist ein Witz und zudem noch von Managern verstopft, die keine Rücksicht nehmen. Im Innenhof hinter dem Mietshaus lauert immer der nächste miesgelaunte Mecker-Opa, der die Kinder anschreit und heißes Wasser vom Balkon herabgießt, damit sie still sind. Und der Chef weigert sich, einer jungen Mutter Teilzeit zu gewährleisten, obwohl er dazu verpflichtet wäre. Doch wer klagt schon am Arbeitsgericht, wenn Müdigkeit, Milch abpumpen, der fast unvermeidliche Beziehungsstress und auch noch Geldnot ihn plagen?“

Vielleicht ist es so, dass Deutsche Kinder nicht hassen. Sie sind ihnen bloß fremd geworden.

Eine interessante Beobachtung hat der Zeit-Autor Malte Henk in seinem Beitrag über junge Leute in Japan, dem ältesten Land der Welt, die zunehmend das Interesse an Sex und Liebe verlieren, gemacht: „In Japan lieben die Eltern ihre Kinder, erdrücken sie fast mit ihrer Liebe, aber die Alten lieben die Jungen nicht. Man kann es daran ablesen, wie die Massenmedien über den Nachwuchs reden. Es scheint, als würden Zoologen fremdartige Kreaturen klassifizieren.“

Kommt uns das bekannt vor? Unsere Alten auf der Straße finden unsere Kleinen süß. Unseren Alten an der Wahlurne sind sie herzlich egal. Und unsere Massenmedien schreiben über junge Familien wie über Parasiten.

Es ist ein logischer Schritt. Erst gibt es keine Kinder mehr, und dann sind die, die noch welche bekommen, feindselig beäugte Idioten. Eine Berührung zwischen Kinderlosen (oder „Kinderfreien“, wie sie sich selbst zunehmend bezeichnen) und Eltern findet immer weniger statt. Eltern, das sind die anderen.

Auf den Fotos, die im ersten Monat nach der Geburt unseres Sohnes entstanden sind, sehen meine Frau und ich aus wie Krieger, die eine Schlacht überlebt haben. Erschöpft und glücklich.

Nicht erschöpft und glücklich, wie man sich nach einem Beachvolleyballturnier fühlt. Nein, wir haben Narben abbekommen, wir haben Ängste ausgestanden, unser Körper und unser Geist sind nicht mehr dieselben.

Wenn wir nun mit unserem Kleinen spazieren gehen, dann lächeln uns andere Eltern mit kleinen Kindern verstohlen zu, und wir signalisieren ihnen zurück, dass wir Bescheid wissen. Wir sind Mitglieder im Fight Club, wir erkennen einander an unseren Augenringen, an unseren Dehnungsstreifen und beknackten Haaren. Wir lächeln einander an, weil nur wir wissen, wie gut es ist, Mitglied zu sein.