Neuer Inhalt

Vorreiterprojekt Juma für Migrantenkinder: Berlin ist nicht nur Sarrazin

Das Projekt Juma soll jungen Muslimen dabei helfen, eine eigene Rolle zu finden – außerhalb der Moscheen ihrer Großväter.

Das Projekt Juma soll jungen Muslimen dabei helfen, eine eigene Rolle zu finden – außerhalb der Moscheen ihrer Großväter.

Foto:

Berliner Zeitung/Markus Wächter

Arabische Banden, libanesische Mädchenhändler, Schulabbrecher – Berlin gilt als Stadt mit großen Integrationsproblemen. Verstärkt wurde diese Wahrnehmung in den vergangenen Jahren durch Bestseller von Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky oder Ex-Senator Thilo Sarrazin, beide SPD. Doch inzwischen bewegt sich was. Berlin ist nicht mehr nur abschreckendes Beispiel, längst holen sich andere Städte Rat, wie moderne Integrationspolitik aussehen kann.

Jüngstes Beispiel ist das Modellprojekt Juma, das sich an die Kindeskinder der einstigen Gastarbeiter richtet. Die Abkürzung steht für „jung, muslimisch, aktiv“, bedeutet aber auch „Freitagsgebet“ auf Arabisch. Es sei aber kein religiöses Projekt, sagt die Initiatorin Sawsan Chebli von der Senatsverwaltung für Inneres.

Das Projekt soll Jugendliche ermutigen, sich in Politik und Gesellschaft einzumischen, selbstbewusster als deutsche Muslime aufzutreten. Dazu wird ihnen ein vielfältiges Programm geboten: Sie absolvieren Seminare, diskutieren mit Abgeordneten und Journalisten. Kürzlich organisierten sie eine Kampagne gegen Vorurteile.

Rund 400 Jugendliche zwischen 16 und 24 sind mit dabei, darunter Gymnasiasten und Studenten. Sie nennen sich Jumaner, wie eine eingeschworene Gemeinschaft.
Die meisten sind sehr religiös, viele Mädchen tragen Kopftuch. Am Anfang sei es für einige schwer gewesen zu akzeptieren, dass es bei den Veranstaltungen keine Geschlechtertrennung wie in der Moschee gibt. Doch das habe sich schnell gegeben, sagt Chebli, Tochter palästinensischer Einwanderer.

Das Projekt ist inzwischen so erfolgreich, dass demnächst auch in Baden-Württemberg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen Juma-Gruppen gebildet werden sollen. Den Anfang macht Bonn. Gegründet wurde das Projekt 2010 als Reaktion auf die Sarrazin-Debatte. Der Erfolg des Buches mit seinen Thesen über die Intelligenz von Einwandern war ein Rückschlag für die Integration, viele Muslime fühlten sich zurückgewiesen, abgestempelt. „Ich hatte das Gefühl, dass ganz viel Falsches über uns erzählt wird“, erläutert Sercan Sever.

Der 18-Jährige mit türkischen Wurzeln geht auf ein Gymnasium in Steglitz, an seiner Schule gibt es kaum Migrantenkinder. Er kam zu Juma, weil er Gleichaltrige kennenlernen wollte, die ähnliche Erfahrungen haben wie er. Er wird auch am 14. November in Bonn dabei sein. Coletta Manemann ist Integrationsbeauftragte in der Stadt Bonn, sie beobachtet die Arbeit der Berliner, im Februar war sie beim Trägerverein zu Gast. Ihr gefalle besonders, sagt sie, dass die Jugendlichen selbst bestimmen können, welche Schwerpunkte sie setzen.

Mehr Araber als Türken

In Berlin wünschten sich die Teilnehmer etwa mehr Kontakt zu jüdischen Jugendlichen. Eine interreligiöse Gruppe entstand, zum Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center gaben sie eine gemeinsame Erklärung ab, putzten Stolpersteine. „Juma gibt jungen Muslimen die Möglichkeit, eine eigene Rolle zu finden, unabhängig von den Youtube-Botschaften selbst ernannter Prediger“, sagt Manemann.

Ein wenig anders als in Berlin ist die Lage in Bonn aber doch. Es gibt dort eher Araber als Türken, arabisch ist am Rhein die zweithäufigste Sprache. Um die König-Fahd-Akademie, eine saudische Schule, haben sich viele sehr konservative Muslime angesiedelt. Nicht erst seit einer Messerstecherei zwischen Rechtspopulisten und Salafisten im vergangenen Jahr gilt Bonn als Treffpunkt der Salafisten. Sie vertreten eine ultrakonservative Richtung des Islam, ihre Gemeinde wächst, weil das Radikale besonders für junge, orientierungslose Menschen attraktiv ist.

Die Bonner Integrationsbeauftragte sorgt sich, dass die Debatte über Muslime oft nur um Extremismus kreise. Als Präventiv-Projekt gegen die Radikalisierung will Manemann Juma aber nicht nur verstanden wissen. „Es ist heute wichtig, dass die Jugendlichen erleben, sie sind religiös, aber sie sind das nicht nur, sie haben auch andere Interessen, Ziele, Träume.“

Die Berlinerin Sawsan Chebli hat bereits die Erfahrung gemacht, dass sich der Horizont der Teilnehmer geweitet hat. Sercan ist stolz, dass er im Magazin Spiegel auf einer Seite mit einer Journalistin über seine politischen Interessen schreiben durfte. Manche engagierten sich längst nicht nur bei Juma, sondern hätten vier bis fünf Ehrenämter, berichtet Chebli.
Wer weiß, vielleicht übt unter den Jumanern schon ein künftiger Bundeskanzler.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?