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Vorstandswechsel Björn-Schulz-Stiftung: Hausverbot für den Vater des Kinderhospizes

Das Kinderhospiz Sonnenhof in Niederschönhausen. Das Haus bietet Platz für 16 Kinder und Jugendliche.

Das Kinderhospiz Sonnenhof in Niederschönhausen. Das Haus bietet Platz für 16 Kinder und Jugendliche.

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BLZ/Paulus Ponizak

Um kurz nach sieben Uhr morgens betritt Jürgen Schulz zum letzten Mal das Kinderhospiz Sonnenhof an der Wilhelm-Wolff-Straße in Niederschönhausen. Er stellt den Mitarbeitern im Gemeinschaftsraum zwei Kuchen hin, die seine Frau gebacken hat. Und legt ein Schild daneben. „Danke schön für Eure Unterstützung.“ Dann geht er in sein Büro und packt persönliche Unterlagen sowie seine Teddybären-Sammlung in einen grauen Müllsack. „Wenn ein Kind besonders traurig war, habe ich ihm einen Teddybären geschenkt“, sagt er. Am Abend zuvor ist er als Vorsitzender der nach seinem verstorbenen Sohn benannten Björn-Schulz-Stiftung abgewählt worden. Die Stiftung betreibt das Kinderhospiz Sonnenhof, das in dieser ruhigen Straße in Pankow seinen Sitz hat. Die Stiftung ist das Lebenswerk des 74-Jährigen.

Ein paar Tage sind vergangen. Jürgen Schulz sitzt in einem Café in Mitte. Er hat diesen Morgen noch genau in Erinnerung, er wird ihn wahrscheinlich nie vergessen. Er erzählt, dass er an jenem Morgen die Sachen in seinem Auto verstaut hat, in dem schon Kartons mit Kinderkleidung und Spielzeug stehen, die er in einen Lagerraum bringen will. Plötzlich sei der neue Chef herausgekommen, der Hamburger Versicherungsmakler Götz Lebuhn. „Räumen Sie sofort Ihr Auto aus“, habe er ihn angeherrscht, sagt Schulz. Lebuhn entgegnet darauf, er habe die Kartons sichten wollen, um sicherzustellen, dass keine geschäftlichen Unterlagen fortgeschafft werden.

Jürgen Schulz ringt um Fassung, als er in seiner Erzählung fortfährt. Er räuspert sich, er spricht immer schneller, fängt an zu gestikulieren. „Lebuhn hat gesagt, dass ich ab sofort Grundstück- und Hausverbot habe. Ich bin dann einfach weggefahren. Als ich um die nächste Kurve war, habe ich angehalten und eine Stunde nur im Auto gesessen.“ Dazu sagt Lebuhn: „Schulz darf nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung das Gelände betreten. Als Vorstand habe ich die Verpflichtung, die Stiftung zu schützen.“

Der Tag, an dem dies alles geschieht, ist der 13. Februar. An diesem Tag wäre Björn, der Sohn von Jürgen Schulz, 39 Jahre alt geworden. Er starb 1982 mit sieben Jahren an Leukämie.

Schon lange gab es zwischen Schulz und dem Stiftungsrat als Kontrollgremium Konflikte. „Es gab irrsinnige Verdächtigungen gegen mich. Man unterstellte mir, dass die Geschäfte unkontrolliert laufen“, sagt Schulz. Ein Wirtschaftsprüfer sei aber zu dem Schluss gekommen, dass alles in Ordnung ist. Lebuhn sagt, es habe zwei Berichte mit unterschiedlichen Ergebnissen gegeben. Und es würden immer noch Unterlagen für den Jahresabschluss 2012 fehlen. Schulz bestreitet das.

Beide Seiten einigten sich aber darauf, künftig zwei Vorstände einzusetzen, um bei finanziellen Entscheidungen das Vier-Augen-Prinzip einzuführen. Schulz sagt, er wollte sich langsam zurückziehen und in den nächsten ein, zwei Jahren einen Nachfolger einarbeiten. „Ich hatte vor der Wahl am 12. Februar die Hoffnung, dass ich bleiben könnte, weil es dann zwei Vorstände gibt.“ Doch die Wahl ging eins zu sechs gegen ihn aus, nur von seiner Frau Barbara, die dem Stiftungsrat angehört, erhielt er eine Stimme. „Mir wurde dann mitgeteilt, dass ich noch bis 24 Uhr Vorstand bin.“

Gewählt wurden stattdessen Götz Lebuhn und die Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Bärbel Mangels-Keil, die früher in der Senatskanzlei tätig war. Sie haben sich selbst gewählt, sie gehören dem Stiftungsrat an. Dass sie in den Vorstand wechseln, um das operative Geschäft zu übernehmen, ist, gelinde gesagt, unüblich.

Entsetzte Kollegen

Warum aber wollte der Stiftungsrat Schulz loswerden, und warum hat er ihn so erbarmungslos vor die Tür gesetzt? Schulz zuckt mit den Achseln, er hat keine Erklärung. Ein Gehalt gebe es nicht, die Tätigkeit sei ehrenamtlich. Vielleicht reizt die neuen Vorstände die gesellschaftliche Anerkennung, die dieser Posten mit sich bringen kann. „Der neue Vorstand will jetzt die Ernte einfahren“, vermutet ein Mitarbeiter. Viele seiner Kollegen seien entsetzt über den Umgang mit dem Gründer der Björn-Schulz-Stiftung.

Schulz gilt als Vater der Kinderhospizbewegung. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Familien mit sterbenskranken Kindern beizustehen. Ursprünglich hatte er andere Pläne. Als junger Mann schon stieg der gelernte Graveurmeister aus Solingen im Marketing von IBM ein. In dem Unternehmen arbeitete er bis zum Vorruhestand 1994, die letzten 13 Jahre in Berlin. Nach Berlin war die Familie 1981 gezogen, ein Jahr bevor ihr einziges Kind starb. „Björn hatte einen schweren Rückfall. Und in einer Charlottenburger Klinik gab es einen Arzt, der es mit der Behandlung noch einmal versuchen wollte.“

Nach dem Tod von Björn gründeten Schulz und seine Frau den Verein Kinderhilfe, der sich um krebskranke Kinder und ihre Familien kümmert. „Wir haben uns in die Arbeit gestürzt. Das war eine Art Therapie“, sagt Jürgen Schulz.

Mit seiner 1996 ins Leben gerufenen Björn-Schulz-Stiftung baute er einen ambulanten Kinderhospizdienst auf, in dem Familienbegleiter die Kinder und ihre Eltern zu Hause betreuen. In vier Bundesländern ist die Stiftung aktiv. Heute arbeiten dort 145 Mitarbeiter und rund 300 Ehrenamtliche. Im Kinderhospiz Sonnenhof werden bis zu 16 Kinder und Jugendliche umsorgt.

Er warb jährlich rund drei Millionen Euro für seine Stiftung ein. Er konnte Prominente wie Sabine Christiansen, Jan Josef Liefers und Jürgen von der Lippe als Botschafter für die Stiftung gewinnen. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und wurde mit dem Medienpreis Bambi für sein Engagement ausgezeichnet

„Herr Schulz ist ein weiser und gelassener Mann mit einem weichen Herz“, sagt Sabine Kraft, die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Kinderhospiz, zu dessen Gründern Schulz gehört. Statt eines Hausverbotes hätte er Wertschätzung und Achtung verdient. Sie könne sich kaum vorstellen, mit dem neuen Vorstand zu arbeiten.

Abschied im Aufbahrungsraum

Auf der Facebook-Seite der Stiftung schreibt ein Nutzer: „Die Björn- Schulz-Stiftung wirbt immer noch mit dem Namen und dem Foto des Jungen, dessen Vater ein Versicherungsvertreter aus Hamburg und seine Sympathisanten aus der Stiftung gejagt haben.“ „Das Vertrauen in den Vorstand ist nicht mehr gegeben“, heißt es in einem anderen Beitrag.“ „Nach diesem Verhalten werde ich sofort jede Unterstützung einstellen“, steht in einem weiteren.

Das ist das, was Schulz am wenigsten will. „Die Spender dürfen jetzt nicht abspringen“, sagt er fast flehentlich. Er habe fast täglich mit den Kindern gefrühstückt, mit ihnen geredet, sie getröstet. Und sich nach ihrem Tod im Aufbahrungsraum von ihnen verabschiedet. „Das Hospiz muss weiterbestehen.“

Am 25. März kann er die Kinder im Hospiz noch einmal sehen. An diesem Tag trifft sich dort der Förderverein, dessen Vorsitzender Schulz weiterhin ist. Der neue Vorstand hat ihm schriftlich mitgeteilt, für die Zeit der Sitzung sei „das Hausverbot aufgehoben“.