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Tram statt Bus: Grüne wollen mehr Tempo beim Ausbau der Straßenbahn

Seit 1998 fahren wieder Straßenbahnen über den Alexanderplatz – hier die M 6. Auch diese Neubautrasse war ein Erfolg.

Seit 1998 fahren wieder Straßenbahnen über den Alexanderplatz – hier die M 6. Auch diese Neubautrasse war ein Erfolg.

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DPA/Rainer Jensen

Berlin -

Sie ist leise, umweltfreundlich, und die Anlagen sind relativ preiswert. Trotzdem geht der Ausbau der Straßenbahn nur im Schneckentempo voran – obwohl Berlins Bevölkerung schnell wächst. Jetzt wollen die Grünen die Erweiterung des Streckennetzes beschleunigen. Sie haben ein Konzept erarbeitet, das bis 2028 mehr als 41 Kilometer Neubautrasse vorsieht. Es ist nicht der erste Plan dieser Art. Doch er ist realistischer als bisherige Konzepte, sagt Matthias Dittmer, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Berliner Grünen. „Wir wollen keine Luftballons aufblasen, die nach dem Wahltag platzen. Wir sagen, was möglich ist und orientieren uns an der Wirtschaftlichkeit.“

Welche Neubaustrecken würden den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und ihren Fahrgästen den größten Nutzen bringen? „Um dies herauszufinden, wurden rund 40 realistisch erscheinende Netzerweiterungen untersucht“, heißt es im Leitbild „Mehr Stadt zum Leben“, das die Partei bald vorstellt.

Lieber mit der Tram als per Bus

„Wir wollen mit den Linien beginnen, deren Kosten sich amortisieren“, so Dittmer. Sie verlaufen meist in dicht bebauten Zentrumsgebieten – wo neue Verkehrsangebote am dringendsten benötigt werden.

Christoph Steinig, seit langem in der Verkehrsplanung tätig, filterte neun Projekte heraus. Wenn diese Strecken gebaut würden, hätte dies besonders große Auswirkungen auf die Zahl der Fahrgäste im gesamten Berliner Nahverkehr, sagt er. Hintergrund ist die folgende Erkenntnis: Für stark genutzte Strecken sind Straßenbahnen oft besser geeignet und attraktiver als Busse. Sie bieten mehr Platz und Komfort, können zuverlässiger und schneller fahren. Das lockt neue Fahrgäste – die dann auch andere Strecken nutzen.

Konzept für neue Straßenbahn Grafik

Eine Straßenbahn von der Warschauer Straße durch den Görlitzer Park zum Hermannplatz würde dem Nahverkehr täglich 8350 Neukunden bringen, so Steinig. Würde die Verbindung vom Alexanderplatz nach Steglitz auf Straßenbahnen umgestellt, kämen täglich 14.900 Fahrgäste im Gesamtnetz dazu.

18 Millionen neue Fahrgäste

Noch größer wäre der Nutzen der Ost-West-Strecke, die von den Grünen entworfen wurde. Die 13,7 Kilometer lange Neubautrasse würde es erlauben, mit der Tram vom Zoo über Potsdamer Platz, Hermannplatz und Oberschöneweide zum Krankenhaus Köpenick zu fahren. „Sie könnte dem Nahverkehr täglich 15.950 neue Fahrgäste bescheren.“ Anders gesagt: „Diese Menschen sind vorher zum Beispiel Auto gefahren und lassen ihr Auto stehen.“

Würden alle vorgeschlagenen Strecken gebaut, würde die jährliche Zahl der Nahverkehrsnutzer in Berlin um 18 Millionen steigen – die Fahrgeldeinnahmen um 12,7 Millionen Euro, so die Grünen. Die gesamten Baukosten werden auf 576 Millionen Euro beziffert, von denen das Land 195 Millionen Euro tragen müsste. 20 bis 30 Planer müssten eingestellt werden. Nicht in Zahlen auszudrücken wäre der Gewinn an Lebensqualität. Die Zahl der Autos würde sinken, viele Berliner kämen schneller und bequemer ans Ziel.

Der Senat hat angekündigt, dass der Stadtentwicklungsplan Verkehr 2017 fortgeschrieben wird. Dabei wird es auch darum gehen, ob und wo neue Strecken entstehen. Bislang war der Senat in dieser Frage sehr zurückhaltend. Doch je nach Ausgang der Wahl am 18. September könnte sich das ändern, hofft Dittmer: „Für die Grünen ist die Straßenbahn ein wichtiges Thema.“