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Wanderwege im deutschen Urwald: Wo Brandenburgs Wildnis zum Sehnsuchtsort wird

„Wir wissen nicht, was rauskommt.“ Andreas Meißner, Hüter der Wildnis, auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Wo heute Birken und Kiefern wachsen, rumpelten jahrzehntelang Panzer über den Boden.

„Wir wissen nicht, was rauskommt.“ Andreas Meißner, Hüter der Wildnis, auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Wo heute Birken und Kiefern wachsen, rumpelten jahrzehntelang Panzer über den Boden.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Jüterbog -

Andreas Meißner tritt vorsichtig auf das Eis, damit ihm das Schilf nicht den Blick versperrt. Jetzt liegt der See ganz vor ihm, die frische Schneedecke darauf glitzert in der Sonne, Schilf am Rand, blauer Himmel mit hineingetupften Wolken darüber. Ein prächtiges Winterbild, nur die vielen Stämme und kahlen Äste, die hinten aus dem Wasser ragen, stören. Gesund sieht das nicht aus. Andreas Meißner hebt das Fernglas an die Augen und schaut lange durch. „Abgestorbene Bäume“, sagt er dann. „Das ist natürlich etwas Schönes für uns.“

Vielleicht muss man es so sagen: Wenn Andreas Meißner durch sein Fernglas blickt, sieht er nicht totes Gehölz. Er sieht Bewegung, Veränderung, Natur in Aktion. Stehen Wurzeln unter Wasser, stirbt der Baum, irgendwann bricht der Stamm, fällt ins Wasser, zersetzt sich, wird zu Torf. Ein Moor entsteht. Nicht nächstes Jahr, nicht in zehn Jahren und nicht in 100.

Eine Torfschicht wächst pro Jahr um einen Millimeter. Andreas Meißner wird das Moor nicht mehr erleben, aber darauf kommt es nicht an. Hier, in Jüterbog, ist es nicht so wichtig, was passiert, und wann. Wichtig ist nur, wie: Die Natur macht es. Nicht der Mensch. Weil es zum Wesen des Menschen gehört, sich einzumischen, seine Umwelt zu verändern, hat er irgendwann einen Begriff gefunden für solche Orte, die unberührt sind von seinem Gestaltungswillen: Wildnis.

Verbrannte Erde, Karnickelsand

In Jüterbog, 70 Kilometer südwestlich von Berlin, hat der Mensch seinen Auftritt nur als Gast, Beobachter oder, im Fall von Andreas Meißner, als Hüter des 7200 Hektar großen Gebiets. Er ist Geschäftsführer der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, die diesen und drei andere Landstriche im Land gekauft hat, um sie zu den „Urwäldern von morgen“ werden zu lassen, für jeden begehbar.

Es gibt eine Geschäftsstelle in Potsdam, einen Stiftungsrat, einen Vorstand und einen Beirat. Das ist jede Menge Organisation dafür, dass auf insgesamt knapp 13.000 Hektar gar nichts passieren soll. Aber anders ist ungestörte Natur nicht mehr zu haben im Anthropozän, wie die Erdepoche, in der wir leben, vielleicht bald offiziell heißen wird – demnächst wird die Internationale Kommission für Stratigraphie beschließen, ob das nächste Erdzeitalter nach dem Menschen benannt wird, weil er den Planeten unwiderruflich verändert hat und verändert.

Unberührte Orte, die eine Ahnung davon geben, wie der Planet ohne ihn aussähe, wird es nur geben, wenn der Mensch beschließt, sich rauszuhalten. Wobei umstritten ist, wie „unberührt“ selbst diese Gebiete noch sind. Der amerikanische Geologe Earl Ellis spricht vom „gebrauchten Planeten“, 75 Prozent der Erde seien über die Jahrtausende vom Menschen beackert, bearbeitet, beeinflusst worden. Sogar der Regenwald am Amazonas: Vor Jahrhunderten absichtlich niedergebrannt, sei er genaugenommen ein Wald, der sich vom Einfluss des Menschen erhole. Wir können also getrost aufhören, den Planeten vor uns zu retten, findet Ellis, dafür ist es schon lange zu spät. Wir können und müssen aber mit der Postnatur, die da entsteht, wo der Mensch sie lässt, sorgsam umgehen.

Für eine solche Postnatur wären die künftigen Brandenburger Urwälder ein hervorragendes Beispiel. Wo sie entstehen, rumpelten jahrzehntelang Panzer über den Boden, rissen ihn auf, drückten ihn platt, malträtierten ihn, bis nichts mehr wuchs. „Das waren devastierte Landschaften“, sagt Andreas Meißner, ein 52-jähriger Berliner, hinter dessen sachlicher Ökologen-Sprache sich eine ansteckende Naturbegeisterung versteckt.

„Die Wölfe gehen gern auf den Wegen“

Von den vier Truppenübungsplätzen, auf denen der Stiftung Flächen gehören, ist Jüterbog der am längsten genutzte. 130 Jahre lang wurde hier für den Krieg geübt, zuerst von der königlich-preußischen Armee, dann von der Wehrmacht, dann von russischen Soldaten.

1994 zogen sie ab und hinterließen Panzer, Bunker, Kasernen und ein Gelände, gespickt mit Munition wie ein Kuchen mit Schokostreuseln. Als sich die Kreisstadt Jüterbog 1993 als Standort für den geplanten Hauptstadt-Flughafen empfahl, wurde der rabiate Umgang mit der riesigen Fläche als Standortvorteil präsentiert: Nichts als verbrannte Erde und Karnickelsand sei übrig, da könne man nichts kaputtmachen, argumentierte der Bürgermeister. Trotzdem fiel 1996 die Entscheidung für Schönefeld.

Etwa zur gleichen Zeit hatten zwei Männer eine ganz andere Vision. Hans Joachim Mader, ein Bonner Beamter, der Anfang der Neunzigerjahre nach Potsdam gegangen war, um hier die neue Verwaltung mit aufzubauen, und sein Mitarbeiter Hubertus Meckelmann sahen in den leeren Flächen eine Chance. Sie warben für ihre Idee, fanden Mitstreiter, und im Jahr 2000 war es so weit: Die Stiftung Naturlandschaften, zu der das Land Brandenburg, die Umweltschutzorganisationen WWF, NABU und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt gehören, kaufte den ersten Streifen Land.

Andreas Hauffe, der wie ein Ranger täglich für die Stiftung das Gelände abfährt, lenkt den Pick-up über unbefestigte Wege, die sind kaum zu sehen, weil Schnee darauf liegt. Vor ihm haben nur Tiere darin Spuren hinterlassen: Rotwild, ein Fuchs und, wenige Stunden alt, ein Wolf. „Die Wölfe gehen gern auf den Wegen“, sagt Hauffe, der sich wie kein anderer auf dem Gelände auskennt. Zu DDR-Zeiten hat er als Forstangestellter in dem Kiefernwald gearbeitet, der das militärische Sperrgebiet wie ein schützender Gürtel umgab, jetzt ist Liegenschaftsbeauftragter für die Stiftung.

In nur 20 Jahren hat die Natur sich des Geländes auf eindrucksvolle Weise wiederbemächtigt, das Wolfsrudel ist dafür ein spektakulärer Beweis. Hauffes Chef, Andreas Meißner, freut sich aber auch über die Besenheide, deren lila Blüten im August wieder leuchten werden, über die Birken, die überall kleine Wäldchen bilden, über die seltene Mopsfledermaus und, als passionierter Vogelbeobachter, über Ziegenmelker und Raufußkauz.

"Prozessschutz" heißt das Zauberwort

Auf einer Anhöhe hält der Jeep, Andreas Meißner steigt aus und blickt über die menschenleere Landschaft, die hier endlos erscheint. „Wir sind nun etwa bei der dritten Sukzessionsstufe“, sagt Meißner und klingt wie ein stolzer Vater, der erzählt, dass das Kind schon durchschläft.

Wer kein Landschaftsökologe ist, sieht einfach: eine liebliche Landschaft. Die vielen Birken und kleinen Kiefern lösen gerade die Heide ab, die hier zuerst wuchs, und die wiederum folgte auf genügsame Gewächse wie Silbergras und Haarmützenmoos, deren Samen als erste in dem nährstoffarmen Sandboden aufgingen. Sukzession, das ist das Nacheinander von Pflanzen und Tieren in einem Ökosystem – wenn es zugelassen wird.

Der Gedanke, dass man nicht eine Art oder ein Biotop bewahrt, sondern sozusagen die Veränderung an sich, ist noch ziemlich neu im deutschen Naturschutz und durchaus gewöhnungsbedürftig. Weil Natur, die man alleinlässt, viel mit Tod und Verwesung zu tun hat, mit kleinen Organismen, die etwa auf sich zersetzenden Baumleichen Nahrung finden – und nicht unbedingt mit atemberaubenden Ausblicken und dekorativen Tierarten wie dem Wolf.

In Jüterbog sind zum Beispiel viele der jungen Kiefern gelblich eingefärbt, richtig gut scheint es ihnen nicht zu gehen. Wahrscheinlich wegen des nährstoffarmen Bodens, sagt Andreas Meißner. Er wirkt nicht so, als ob ihn das beunruhigt. „Wir lassen laufen“, sagt er. „Wir wissen nicht, was rauskommt.“ So ganz stimmt das natürlich nicht, weil der Mensch für alles Modelle und Prognosen hat. In ein paar hundert Jahren wird hier wahrscheinlich ein Eichen- oder Buchenwald gewachsen sein. Irgendwann werden Eichelhäher und Eichhörnchen Bucheckern und Eicheln als Vorrat im Boden verteilen, einige werden zu Bäumen werden, sie werden langsam wachsen, aber irgendwann werden sie den Birken das Licht nehmen und sie schließlich verdrängen. Und niemand wird eingreifen.

Prozessschutz ist der korrekte Begriff dafür, aber weil bei dem Wort die Neugier auf das Thema schon erloschen sein könnte, bevor es zu Ende gesprochen ist, redet man auch bei der Stiftung Naturlandschaften von Wildnis – was schon immer mehr Idee als Beschreibung war.

Gefährdete Wildnis als Sehnsuchtsort

Zuerst die vom unheimlichen Dickicht hinter den bestellten Gärten, vom unwirtlichen, unkontrollierbaren Außerhalb, bewohnt von wilden Tieren und manchmal ebensolchen Menschen. Seit der Aufklärung kam eine zweite Idee dazu, die von der Wildnis als verehrungswürdigem Ort, der den Menschen einfach eine größere Ordnung spüren lässt. Vor 150 Jahren wurde ein Amerikaner berühmt, weil er im tiefen Wald eine Holzhütte baute, zwei Jahre in der Einsamkeit lebte und über diese Erfahrung ein Buch schrieb. „Walden“ von Henry David Thoreau ist immer noch beliebte Lektüre alltagsmüder Städter.

Lange lebten beide Erzählungen von der Wildnis nebeneinander her, doch inzwischen blitzt die erste nur noch selten auf, wie vor anderthalb Wochen, als der britische Abenteurer Henry Worsley starb beim Versuch, die Antarktis allein zu überqueren. Der Mensch fordert die raue Wildnis heraus und verliert. Es klang wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Der Mensch muss die Natur nicht mehr bezwingen, er hat es schon lange.

Je gefährdeter sie ist, desto mehr ist sie zum Versprechen geworden, zum Sehnsuchtsort. Man merkt das an Filmen wie „Der große Trip“, 2014 erschienen, in dem eine junge Frau, gespielt von Reese Witherspoon, durch die Wildnis der amerikanischen Westküste wandert, um zu sich zu finden. An dem Erfolg eines Buches wie „Die geheime Sprache der Bäume“, in dem ein Förster Wälder als eine Ansammlung fürsorglicher Baumfamilien beschreibt. In einem kleinen Verlag erschienen, hat sich das Buch ganz überraschend in die Bestsellerlisten vorgearbeitet, wo es seit Monaten steht. Man merkt es auch daran, wie schnell in Jüterbog die Führungen ausgebucht sind, besonders die zum Thema Wolf.

Der Umwelthistoriker William Cronon sieht diese Naturliebe mit gemischten Gefühlen. In seinem Essay „The Problem with Wilderness“, das Problem mit der Wildnis, warnt er davor, Natur als außerhalb der menschlichen Sphäre stehenden Ort zu sehen, den man besucht, um sich vom Sündenfall der Zivilisation zu erholen. Er fordert, auch die Natur um die Ecke zu schätzen und zu pflegen, die im Hinterhof, die Natur, die überall da ist, wo wir auch schon waren. Weil wir fast nur noch diese haben.

Flauschige Wesen im Bunker

Wahrscheinlich wäre Jüterbog genau nach William Cronons Geschmack. Es gibt zwar einen Eingang mit einer Schranke, hinter der die Bundesstraße, die Felder, die kleinen Orte zurückbleiben wie eine andere Welt. Aber drinnen wird man immer wieder daran erinnert, dass der Mensch schon mal da war. Durch die schmale Öffnung in einer gemauerten Wand zum Beispiel, die im Wald steht wie der Eingang zu einem Haus, das nie gebaut wurde: Tritt man durch sie hindurch, führen Stufen nach unten und es wird sehr dunkel. Einer von vielen übriggebliebenen Bunkern. Andreas Meißner läuft immer weiter hinein in den unterirdischen Gang. Plötzlich bleibt er stehen, den Lichtkegel der Taschenlampe an die niedrige Decke gerichtet: Drei handtellergroße flauschige Wesen hängen da kopfüber, die Flügel ordentlich am Körper gefaltet. Bechsteinfledermäuse im Winterschlaf. Die Art steht unter Naturschutz, in forstwirtschaftlich genutzten Wäldern findet sie immer seltener Höhlen zum Nisten und Überwintern. So ein verlassener Bunker bietet ihr alles, was sie braucht. Natur ist nicht wählerisch, sie unterscheidet nicht zwischen natürlich und menschengemacht. Das macht sie nicht weniger echt. Auch das kann man in Jüterbog begreifen.

Die Stiftung will noch mehr Flächen kaufen und sie vor allem miteinander verbinden, damit die Tierarten weiterwandern können. Aber Grund und Boden ist teuer. Vor 20 Jahren habe ein Hektar Kiefernwald rund 500 Euro gekostet, jetzt 7 500 Euro, erzählt Andreas Meißner. Jeden Tag wird in Deutschland eine Fläche von rund 100 Fußballfeldern bebaut. Zwei Prozent der Landfläche in Deutschland soll Wildnis werden, das hat die Bundesregierung 2007 beschlossen. 2020 soll es soweit sein. Vier Jahre noch, ein ehrgeiziges Ziel. Der aktuelle Wildnis-Stand: 0,6 Prozent.



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