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Warnstreik: Mitarbeiter der Charité buhen Michael Müller aus

Warnstreik Charité

Warnstreik an der Charité im September 2016. Das Lohngefälle zwischen Beschäftigten des Charite Facility Management und den tarifvertraglich Angestellten ist Auslöser für mehrere Warnstreiks.

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imago/Christian Ditsch

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte es am Montagnachmittag eilig, zur Aufsichtsratssitzung in das Direktionsgebäude der Charité zu kommen. Zu unfreundlich war der Empfang: Rund 250 Mitarbeiter der zu 49 Prozent privatisierten Charité-Tochter CFM und ihres Pendants von Vivantes, der VSG, begrüßten ihn mit Pfiffen und Buhrufen.

Als Wissenschaftssenator und Aufsichtsratsvorsitzender der Charité wird Müller von den Mitarbeitern dafür verantwortlich gemacht, dass die CFM-Leute deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen, die direkt bei der Charité angestellt sind. Ähnlich sieht es bei Vivantes aus. Dort ist Müller zwar nicht direkt verantwortlich – der Krankenhauskonzern gehört in Dilek Kolats (SPD) Gesundheitsressort –, aber dort sieht es ähnlich aus.

Anlässlich der Aufsichtsratssitzung waren die Mitarbeiter von CFM (2 800 Angestellte) und VSG (2000 Stellen) in den Warnstreik getreten: Es wurde nicht mehr geputzt, Medizinprodukte von der Spritze bis zum Verband blieben in den Lagern, Betten wurden nicht mehr desinfiziert, Müll nicht entsorgt.

450 Euro Gehaltsgefälle

Sebastian Jansen, 35, aus dem Campus Virchow, seit sieben Jahren bei der CFM und verantwortlich für die Belieferung von Stationen und OPs, haute buchstäblich auf die mitgebrachte Pauke: „Ich habe 1150 Euro netto bei einer 40-Stunden-Woche. Mit dem Charité-Tarifvertrag wären es rund 450 Euro mehr. Jetzt sollen wir auch noch die Schränke putzen, in die wir die Lieferungen legen.“

Der Logistiker Daniel Turek, 32, aus dem Charité-Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz: „Wir sind 17 Leute, von denen acht direkt bei der Charité und neun bei der CFM angestellt sind. Wir machen die gleiche Arbeit, aber die Charité-Kollegen bekommen 2400 Euro brutto, wir von der CFM aber nur 1700 Euro.“ Bisher habe man vom Senat und von der Charité-Führung nur warme Worte gehört, auf Taten warte man noch.

Kalle Kunkel, Verhandlungsführer der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, formulierte Hoffnungsvolles: „Nach den Ankündigungen der vergangenen Wochen erwarten die Beschäftigten von dieser Sitzung endlich eine Weichenstellung, die ein Ende des Lohndumpings mit sich bringt.“

Die Gewerkschaft verlangt, dass der Senat nicht nur wie angekündigt die privaten Anteile der CFM zurückkauft, sondern auch für bessere Bezahlung sorgt. Entsprechend warnt Mario Kunze, 48, Elektriker und Verdi-Vertrauensmann bei der VSG: „Diese Firma gehört zwar zu 100 Prozent Vivantes, aber die Mitarbeiter bleiben Beschäftigte zweiter Klasse.“ Es komme nicht auf die Unternehmensstruktur, sondern auf einen anständigen Tarifvertrag an.

Vorwurf: Tarifvertrag nicht erfüllt

Am Dienstag wird Müller mit Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, die Bilanz der landeseigenen Uniklinik vorlegen. Von den Ergebnissen wird nicht nur abhängen, wie es mit der CFM weitergeht – auch bei der Pflege droht Ungemach.

Verdi wirft der Charité vor, den vor einem Jahr abgeschlossenen Tarifvertrag nicht zu erfüllen: So habe die Klinikleitung für die Intensivstationen bis jetzt keine Personalzahlen vorgelegt, obwohl sie seit Oktober 2016 dazu verpflichtet sei. In jeder zweiten Station fehle mindestens eine Pflegekraft, die Zahl der Nachtdienststellen sei um etwa 20 gesunken, obwohl sie um 40 hätte steigen müssen.

Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, stellt dagegen die Anstrengungen heraus: Mehr als 200 Vollzeitkräfte seien inzwischen eingestellt worden. In der Intensivmedizin habe man mittlerweile ein Verhältnis von einer Pflegekraft auf zwei Patienten erreicht.