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Berliner Zeitung | Warum Thomas de Vachroi der perfekte Aufbauhelfer für Flüchtlingsheime ist
24. March 2016
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Warum Thomas de Vachroi der perfekte Aufbauhelfer für Flüchtlingsheime ist

Der CDU-Politiker de Vachroi baute das Heim Rathaus Wilmersdorf auf.

Der CDU-Politiker de Vachroi baute das Heim Rathaus Wilmersdorf auf.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Der Vize-Präsident des EU-Parlaments kündigt seinen Besuch an, Thomas de Vachroi notiert den Termin. Auf seinem Schreibtisch liegt der Koran in deutscher Sprache, daneben das Grundgesetz auf Arabisch. An einer Pinnwand hängen Hunderte von Visitenkarten, die Besucher hinterlassen haben.

Die Notunterkunft im früheren Rathaus Wilmersdorf ist eine Art Vorzeige-Flüchtlingsheim. Ständig kommen Besucher, um sich von Heimleiter de Vachroi durchs Haus führen zu lassen. Der US-Schauspieler Ben Stiller war hier, Bundespräsident Joachim Gauck, eine litauische Regierungsdelegation, Vertreter des Bundestages. De Vachroi selbst war bei Maybritt Illner zu Gast, um über Probleme bei der Integration zu sprechen.

Flüchtlinge melden sich in der Notunterkunft Rathaus Wilmersdorf beim Arzt an.

Flüchtlinge melden sich in der Notunterkunft Rathaus Wilmersdorf beim Arzt an.

Foto:

Akud/Lars Reimann

Wenn der EU-Parlamentarier im März kommt, wird der 56-Jährige nicht mehr dabei sein. Seine Zeit als Aufbauhelfer ist vorbei, er übernimmt eine neue Flüchtlingsunterkunft in Neukölln. Der Heimbetreiber ASB hatte den erfahrenen Sozialexperten für ein halbes Jahr vom Diakoniewerk Simeon ausgeliehen, um den Betrieb im früheren Rathaus zum Laufen zu bringen. Das ist Thomas de Vachroi gelungen. Seit der Eröffnung im September verbesserte sich von Tag zu Tag zusehends der Organisationsgrad.

Ausreise aus der DDR

Für die Arbeit der rund 100 täglich in der Unterkunft tätigen ehrenamtlichen Helfer wurde ein Schichtdienst entwickelt, es entstand eine Kleiderstraße, von der Spendenannahme, zur Vorsortierung hin zur Ausgabe. Es gibt Spielzimmer, Fernsehraum, einen medizinischen Trakt mit psychologischem Dienst und einer Gynäkologie. In der Wäscherei stehen zwölf Waschmaschinen und zwölf Trockner, im Nebenraum ist eine Bügelstation. „Jeder Tisch im Haus, jeder Stuhl ist gespendet“, sagt der Heimleiter.

Rund 1 150 Menschen sind im Rathaus Wilmersdorf gegenwärtig untergebracht, sie leben auf engem Raum. Doch für eine Notunterkunft lässt es sich einigermaßen aushalten. Die Atmosphäre ist locker, die Hausordnung streng. Wer gegen die Regeln verstößt, etwa eine Schlägerei anzettelt, fliegt. „Was selten vorkommt“, sagt de Vachroi.

Der 56-Jährige ist ein herzlicher Mann, er trägt einen großen silbernen Ring mit einem weißen Kreuz. „Ich will zeigen, dass ich Christ bin“, sagt er in seinem weichen Sächsisch. „Die Flüchtlinge sehen das sehr positiv.“ Über die Religion kommt er mit ihnen ins Gespräch. Er selbst fand im Gefängnis zum Glauben. Sechs Jahre lang war er zu DDR-Zeiten im früheren Zuchthaus Brandenburg-Görden inhaftiert. 1987 wurde er von Westdeutschland als politischer Häftling freigekauft. Im Aufnahmelager Gießen begann damals de Vachrois neues Leben. „Das war genauso wie hier“, sagt er. Vielleicht hat seine eigene Biografie ihn so empfänglich für das Schicksal der Geflüchteten gemacht.

Die Tür geht auf, zwei Betreiber von Flüchtlingsunterkünften aus Friedrichshagen haben sich angekündigt. Sie wollen sehen, wie das Rathaus Wilmersdorf funktioniert. Es ist einer der letzten Arbeitstage des Heimleiters. „Dann machen wir jetzt einen Rundgang“, sagt de Vachroi. „Morgen, die Herren“, ruft er zwei Wachschützern in der Empfangshalle zu, sie grüßen freundlich zurück.

Erste Station ist das Internet-Café. Zwanzig Laptops stehen auf den Tischen, sie wurden gespendet. Betrieben wird das Café von einem Bewohner, er ist IT-Spezialist. Weiter geht es zum Friseursalon. Auch er wird von den Bewohnern geführt. „Ich will Integration“, sagt de Vachroi. „Ich muss die Leute beschäftigen, ich kann sie nicht den ganzen Tag auf dem Feldbett liegen lassen.“

Aus der DDR nach Bayern geflüchtet

De Vachroi hat auch ein Nähzimmer für Männer eingerichtet. „Sie hatten sich beschwert, weil es nur im Frauenraum Nähmaschinen gab“, sagt er. „Cool“, sagen die Besucher. „Super.“ „Ganz wichtig ist eine Frauenbeauftragte“, rät de Vachroi den Besuchern. Die Frauen bräuchten eine Ansprechpartnerin, um ihre Rechte wahrzunehmen.

De Vachroi verhehlt Probleme nicht. Viele Bewohnerinnen seien schwanger. Es sei wichtig, mit ihnen über Verhütung zu sprechen, ihre Männer interessiere das nicht. Doch der Heimleiter vermeidet pauschale Festlegungen. „Es stimmt nicht, dass alle arabischen Männer ein Problem mit Frauen haben. 90 Prozent gehen respektvoll mit ihnen um“, sagt er. Natürlich gebe es Anlaufschwierigkeiten, um in einer westlichen Kultur klarzukommen. „Aber wir haben auch Bewohnerinnen, die ihre neue Freiheit nutzen und sich im Frauenraum entschleiern.“ Ebenso sei es in der Unterkunft bekannt, dass er schwul sei, sagt der Heimleiter. „Die Frauen haben keine Angst davor und die Männer sind nicht unfreundlich“, sagt er.

Geboren wurde Thomas de Vachroi in der Kleinstadt Meerane, im Osterzgebirge. Später ging er nach Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, und fing eine Lehre als Krankenpfleger an. 1980 wurde er verhaftet. „Ich habe Opposition gespielt und Gedichte geschrieben“, berichtet er. Außerdem rief er zu einer Großdemonstration für die polnische Gewerkschaft Solidarnosc auf. Bis 1986 saß er im Gefängnis in Brandenburg-Görden. Er will über diese Zeit nicht sprechen. Ein Jahr später wurde sein Ausreiseantrag bewilligt. „Dann ging alles ganz schnell. Ich durfte eine Reisetasche mitnehmen, zweimal Oberwäsche, zweimal Unterwäsche.“

Es verschlug de Vachroi nach Bayern. In Ingolstadt gab die CSU einen großen Empfang für die ausgereisten DDR-Bürger: mit prominenten Funktionären wie Franz Josef Strauß, Theo Waigel, Alois Glück. Damals trat er in die CSU ein, später auch in die CDU. „Ich kam aus einem fürchterlichen Regime in eine freie Gesellschaft“, sagt er. Für ihn wäre keine andere Partei in Frage gekommen. Die Union, das bedeute für ihn, dass er das Soziale mit dem C verbinden könne, sagt er.

Immer erste Wahl für Pionierarbeit

Auch beruflich fand er sich in dieser freien Gesellschaft zurecht, er bildete sich weiter. 1999, er leitete in Kempten ein Altenheim, war er schon auf dem Sprung nach Innsbruck, um in einer Drogenberatung zu arbeiten. Da wurde er gefragt, ob er nicht in den Kosovo wolle, als Aufbauhelfer. De Vachroi blieb sechs Jahre in Pristina.

Auch als er zurück war in Deutschland, fiel immer dann die Wahl auf ihn, wenn es galt, Pionierarbeit zu leisten. In Dahme/Mark in Brandenburg baute er ein Altenheim mit Gesundheitszentrum auf und leitete in Berlin seit 2013 das Haus Britz, eine Wohnanlage für Menschen mit Handicap an der Buschkrugallee. „Ich musste wieder von vorn anfangen“, sagt er. Er setzte sich für Tee- und Wärmestuben im Bezirk ein, organisierte ein Fest für Flüchtlingskinder.

Der Abschied vom Rathaus Wilmersdorf ist ihm nicht leicht gefallen, aber in Neukölln wird er für eine Flüchtlingsunterkunft gebraucht. Wieder gilt es, etwas aufzubauen. Das treibt ihn an.

Pionierarbeit muss er wohl auch auf einem anderen Feld leisten. De Vachroi kandidiert auf Platz sechs der Landesliste der Neuköllner CDU für die Abgeordnetenhauswahl. Sein Wahlkreis in Rixdorf sei für die CDU schwer zu gewinnen, sagt Falko Liecke, der Kreisvorsitzende der CDU im Bezirk. Auch deswegen wurde de Vachroi aufgestellt. Weil er jemand ist, der immer wieder Neuland betritt. „Mit Thomas haben wir eine deutlich bessere Chance als mit allen anderen“, sagt Liecke.