14.10.2011

Wasserpsort: Ab ins Winterquartier

Von Sebastian Höhn
        

Der Hochdruckreiniger ist Pflicht: Im Sommer sammeln sich jede Menge Muscheln und Algen am Rumpf.
Der Hochdruckreiniger ist Pflicht: Im Sommer sammeln sich jede Menge Muscheln und Algen am Rumpf.
Berlin –  

Auf den Berliner Flüssen und Seen endet die Bootssaison. Beim Motorwassersportclub Grünau gehen die ersten Schiffe ins Winterlager.

Der kleine Junge reißt das Steuerrad hin und her. „Guck mal Opa, ich fahr Boot“, ruft er und drückt die Hupe des Bootes. „Pscht“, macht der Opa und lacht verlegen in Richtung der umstehenden Leute. Er wartet darauf, dass sein Motorboot mit einem Kran aus dem Wasser gehoben werden kann.

Doch er muss sich gedulden. Erst ist die „Ingavi“ an der Reihe, und die braucht eine Sonderbehandlung. Winfried Eggert, Eigner und Erbauer des über 30 Jahre alten Kajütbootes, zurrt einen Spanngurt fest. „Wir benötigen einen speziellen Wagen, wegen des Kiels“, erklärt seine Frau Ingrid, die neben ihm auf dem Boot steht. Die 7,5 Meter lange „Ingavi“ dümpelt zwar noch im Wasser, doch der Rumpf steht bereits auf dem Wagen, der sie gleich auf Schienen aus dem Langen See in Schmöckwitz trägt.

Wassersport in Berlin

Größtes Binnenrevier: Mit Brandenburg und der Müritz hat Berlin das größte Binnen-Wassersport-Revier Europas. Allein in der Hauptstadt gibt es für Freizeitkapitäne rund 150 schiffbare Seen und 200 Kilometer Wasserstraßen.

Junge Szene: Statistisch gesehen wird der Wassersport von den älteren Herrschaften dominiert. Das Durchschnittsalter der Motorbooteigentümer liegt in Deutschland bei 55 Jahren, bei den Seglern sind es sogar 57 Jahre. Die Besitzer sind mehrheitlich Männer. Nach Angaben des Wirtschaftsverbands Wassersport Berlin-Brandenburg gilt das allerdings nicht für die Hauptstadt. In Berlin sei die Szene „deutlich jünger“, sagt Geschäftsführer Max Hiller. Das Revier sei erst nach dem Fall der Mauer richtig entdeckt worden.

Vereinssport stagniert: In Berlin gibt es rund 110 Segelvereine und 60 Motorbootclubs. Wie in anderen Bereichen auch haben die Vereine große Nachwuchsprobleme. Vielen Jüngeren bedeutet eine Mitgliedschaft zu viel Bindung. An Seemannschaft – also handwerklichem Umgang mit dem Boot, nautischen Wissen, Mannschaftsführung – sinkt das Interesse. Viele wollten einfach nur auf dem Wasser sein, da ginge es nicht so sehr um das Bootfahren, sagt Max Hiller.
Boom der Vermietungen: Dafür steigt die Nachfrage im Wassertourismus. Laut Wirtschaftsverband Wassersport gibt es in Berlin weit mehr als 150 Bootsvermietungen, seit Jahren steigen die Zahlen. Das wirke sich auch positiv auf den Arbeitsmarkt aus.

Ohne Konventionen: Vor allem das „alternative Bootsfahren“, wie Max Hiller es nennt, spielt in Berlin eine zunehmend große Rolle. Motorisierte Holzflöße oder ufoförmige Grillboote haben bei den Verleihern Hochkonjunktur. Immer öfter sind auf der Spree zwischen Badeschiff Treptow und dem Kreuzberger Ufer auch selbstgebastelte Party-Flöße zu sehen.

        

Ingrid und Winfried Eggert zurren ihre „Ingavi“ auf dem Wagen fest, bevor das Zwei-Tonnen-Boot an Land gezogen wird.
Ingrid und Winfried Eggert zurren ihre „Ingavi“ auf dem Wagen fest, bevor das Zwei-Tonnen-Boot an Land gezogen wird.
Foto: Sebastian Höhn (2)

Beim Motorwassersportclub Grünau (MC Grünau) geht die Saison zu Ende. Für Ingrid und Winfried Eggert ist das Wetter zu kühl geworden, sie bringen ihr Schiff ins Winterlager. Die „Ingavi“ gehört zu den ersten, 26 weitere Boote liegen noch im Hafen. In rund zwei Wochen werden die Stege verwaist und die Bootshallen voll sein.

Per Seilwinde ans Ufer

Auf dem Vereinsgelände des MC Grünau verfärben sich langsam die Blätter der Kastanien. Einige ältere Männer laufen zwischen den Booten hin und her. Es riecht streng nach Motoröl. Die meisten Boote sind klein und haben nicht einmal eine Kajüte. „I like Wassersport“ steht auf einem stark verwitterten Aufkleber, der an einer Windschutzscheibe prangt.

Der MC Grünau, einer von sechs Motorbootvereinen im Revier Dahme-Spree, hatte zu DDR-Zeiten eine große Bedeutung für den Ost-Berliner Wassersport. Bis zur Wende fanden auf der Regattastrecke vor dem Clubhaus mehr als 30 Jahre lang nationale und internationale Motorbootrennen statt. Der Leistungssport spielt heute keine große Rolle mehr. Der Verein mit seinen knapp 100 Mitgliedern hat noch eine Renngruppe, zu der fünf Mann gehören. Es fehlt der Nachwuchs.

Winne, wie der 73-jährige Eggert von seinen Vereinsfreunden genannt wird, hat Glück. Sechs Männer helfen ihm am Bootskran, als die zwei Tonnen schwere „Ingavi“ mit einer Seilwinde aus dem Wasser gezogen ist. Der Kran soll sie vom Wagen auf den Trailer hieven, auf dem Boot im Winterquartier ruht. Hafenmeister Norbert von Kendzierski lässt Eggert gewähren. „Er ist einer der wenigen, die den Kran bedienen dürfen“, sagt er.

Und dann zeigt sich, dass das alljährliche Ritual am Saisonende trotz Routine Konzentration erfordert. „Hey, runter, das kippt doch raus“, ruft der Hafenmeister plötzlich, als Eggert seine „Ingavi“ aus dem so genannten Slipwagen hebt. Das Boot neigt sich gefährlich nach vorn und droht aus den Trageseilen des Krans zu rutschen. Es wird etwas unruhig, aber die sechs Männer schaffen es, das Boot zu stützen. „Hier vorn muss der Gurt kürzer“, sagt einer. „Nee, hinten länger, ich glaube, der Kahn ist einfach nur kopflastig“, ruft ein anderer.

„Mit Winne ist das immer ein Ärger, jedes Jahr das gleiche“, witzelt einer der Helfer. Winne, der auch stellvertretender Vorsitzender des Vereins ist, nimmt’s sportlich. Und als die „Ingavi“ fest auf ihrem Trailer steht, kann er auch wieder lachen.

Winfried Eggert und seine Frau verbringen im Sommer viel Zeit auf ihrem Motorboot. Beide sind im Ruhestand, beide teilen die Begeisterung für das Wasser. „Der Partner muss da schon mitspielen“, sagt Ingrid Eggert. Bootfahren ist bei den beiden etwas Gemütliches, nichts Sportliches. Komfort ist wichtig. „Das ist wie eine Laube auf dem Wasser“, sagt Winfried Eggert.

Manchmal sind sie drei oder vier Tage unterwegs auf den vielen Seen zwischen Dahme und Spree. Solarzellen auf dem Boot versorgen die Kühlbox für den Proviant mit Strom und dank Vollverdeck bleiben die beiden auch bei Regen trocken.

Früher ist das Ehepaar noch weiter gefahren. „Wir haben jeden Urlaub auf dem Boot verbracht, manchmal wochenlang“, sagt Ingrid Eggert. Dann ging es sogar bis in die Müritz. Nach der Wende haben die beiden die neue Reisefreiheit auf den Wasserstraßen allerdings selten genutzt, um nach West-Berlin zu kommen. In den Tegeler See haben sie es mal geschafft, in den Wannsee gar nicht. Hindernis ist vor allem die Innenstadt. „Die Fahrerei durch das Regierungsviertel macht keinen Spaß, da kreuzen zu viele Dampfer“, sagt Winfried Eggert.

In der Gaststätte des Vereins erzählt er später, wie er zu DDR-Zeiten zu seinem Boot kam. Weil es kaum Schiffe zu kaufen gab, baute sich der Tischlermeister in seiner Treptower Garage ein eigenes aus Holz. Nach zwei Jahren war die „Ingavi“ fertig. Als Antrieb erhielt sie einen Moskwitsch-Automotor. „Ein Bekannter hatte gute Beziehungen zu den Russen“, sagt Eggert.

Heute wird die „Ingavi“ von einem Volvo-Motor angetrieben. In der Gaststätte des MC Grünau dagegen ist die Zeit stehen geblieben. Sie trägt noch immer den Charme des DDR-Einheitsmobiliars.

Anzeige
Berliner Zeitung präsentiert:
Anzeige
Anzeige
BER-Dossier
Ein Flugzeug fliegt in Schönefeld über die A113.

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) soll bis zu 40.000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Eröffnung im Juni ist geplatzt, die neuen Flugrouten sind umstritten. In unserem Dossier erfahren Sie alles über den Stand der Umzugsarbeiten und die Konsequenzen für die Hauptstadtregion. mehr...

Neueste Bildergalerien Berlin
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Serie
Auf zwei Rädern durch Berlin. Heute werden Tag für Tag im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Wege in Berlin mit Pedalkraft zuückgelegt.

Junge und Alte tun es, Frauen und Männer auch: Sie radeln. Berlin ist im Zweirad-Fieber. In unserer neuen Serie beschäftigen wir uns mit der Fahrradmetropole Berlin. mehr...

Umfrage: Hält Hertha BSC die Bundesliga?

Kann Hertha BSC Berlin nach der Niederlage im ersten Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf den Klassenerhalt doch noch schaffen?

23% Es wird schwierig, aber Hertha schafft es.
28% Ohne Lasogga hat Hertha keine Chance.
18% Fortuna Düsseldorf ist zu stark.
31% Mir ist das egal.
Galerie
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Serie zur Gentrifizierung
Interaktiv
Kolumne

Täglich erzählen unsere Lokalreporter Anekdoten aus dem Nachtleben in der Hauptstadt. mehr...

Anzeige
Anzeige
Meistgeklickte Artikel
Ferienhäuser an der Mecklenburgischen Seenplatte

Genießen Sie Ihren Urlaub im Land der tausend Seen. Mit BestFewo finden Sie das passend Ferienhaus für Ihre Reise.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Anzeige
Galerie
Liveticker
33 Staus mit einer Gesamtlänge von 76km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Autohändler in Berlin
Finden Sie Autohändler in Berlin und Umgebung bei AutoScout24