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WeConnectBerlin: Ein Start-up bringt Berliner und Flüchtlinge einander näher

Beim Kochen und Essen geht es international zu.

Beim Kochen und Essen geht es international zu.

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Über den Tellerrand kochen e.V.

Sala ist niedergeschlagen. Der Flüchtling aus Somalia würde gern eine Partie Fußball spielen, kennt aber kaum jemanden in Berlin. Stefan spielt regelmäßig Fußball und würde gerne etwas mit Flüchtlingen unternehmen, weiß aber nicht, wie er in Kontakt treten soll. Hier kommt WeConnectBerlin ins Spiel. Die fünf Gründer präsentierten ihr Start-up am Beispiel von Sala und Stefan jüngst bei einem Pitch- Wettbewerb im Social Impact Lab in Berlin- Kreuzberg.

„Aus persönlicher Erfahrung, Recherchen und vielen Gesprächen wissen wir, dass Flüchtlinge und ambitionierte Einheimische großes Interesse an gemeinsamen sozialen Aktivitäten haben“, sagte Stefan Perlebach (29) während der Präsentation mit Duygu Cebiroğlu (25).

Diese Menschen will das Start-up über eine Website zusammenbringen, die noch in der Entstehungsphase ist. Geplant sind Unternehmungen aus den Bereichen Sport, Musik, Kunst und Essen. Zum Beispiel Jam-Sessions, Kochabende oder eine Partie Frisbee auf dem Tempelhofer Feld. Einmal pro Monat wollen sie ein Event organisieren, außerdem wird es einen Kalender und einen Newsfeed geben, in dem sie Angebote anderer Initiativen und Einrichtungen sammeln. Dazu sind die Gründer unter anderem in Kontakt mit Sportvereinen und Musikschulen.

Kostenlos im Coworking-Büro

„Wir werden Offline-Marketing in den Flüchtlingsheimen machen, um für die Angebote zu werben und Vertrauen zu schaffen“, so Perlebach. Denn viele Flüchtlinge seien unsicher, wie Einheimische auf sie reagieren. Wenn sie merkten, dass sie tatsächlich willkommen sind, würden sie auch die Website nutzen.

Die Jury wählte WeConnectBerlin zusammen mit fünf weiteren Gründerteams für das Stipendienprogramm „Social Impact Start“ aus. Neun Teams präsentierten der Jury ihre Ideen. Die Sieger dürfen acht Monate lang kostenlos das Coworking-Büro in der Muskauer Straße nutzen, bekommen Coaching und Rechtsberatung. Die Softwarefirma SAP und das Familienministerium finanzieren das Programm zur Förderung sozialer Unternehmen.

Norbert Kunz ist Geschäftsführer der vor rund 20 Jahren gegründeten Agentur Social Impact. Er sieht bei Unternehmensgründungen im ökologisch-sozialen Bereich einen riesigen Innovationsstau. Denn dem Staat fehlten zur Förderung solcher Firmen schlicht die Mittel, Unternehmer ließen sich von der hohen Regulierung abschrecken. „Private Investoren schauen nur auf die rentable Seite. Wo ein gesellschaftlicher Wert entsteht, gibt es eine große Zurückhaltung“, sagt Kunz.

Weniger Geld und Urlaub

Die Social-Impact-Gründer seien anfangs oft noch auf Nebenjobs angewiesen. Zudem verließen viele freiwillig bestehende Jobs, in denen sie mehr verdient hätten. „Ihre Hauptmotivation ist soziale Veränderung, keine großen Gewinne“, sagt Kunz. „Trotzdem haben manche der von uns geförderten Start-ups inzwischen 60 bis 70 Mitarbeiter.“ Denn längerfristig müssten die Gründer genug verdienen, um sich und ihren Mitarbeitern ein Gehalt zahlen zu können. „Wir wollen keine Projekte fördern, die nach den acht Monaten wieder verschwinden“, betont er. Dass so viele Unternehmen immer noch existieren, habe mit der richtigen Erwartungshaltung zu tun: Die Gründer wüssten, dass sie weniger Zeit, Urlaub und Geld erwarte. „Dafür identifizieren sie sich mit dem, was sie tun“, sagt Kunz.

Auch Stefan Perlebach ist realistisch. „Ich glaube nicht, dass wir uns in nächster Zeit ein Gehalt zahlen können“, sagt er. „Wir sind auf Spenden, Fördergeld und ehrenamtliche Helfer angewiesen.“ Außerdem erwäge das Team, mit Crowdfunding und Werbeeinnahmen über die Website Geld zu generieren, die Anfang September online gehen soll.

WeConnectBerlin ist nicht Perlebachs erstes soziales Unternehmen, zuvor gründete der 29-Jährige eine Upcycling-Firma, die aus bengalischen Zementsäcken Portemonnaies produziert. Gleichzeitig hielt sich der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler mit einem ungeliebten Nebenjob als Marktanalyst für Großkonzerne über Wasser.

Private Spenden

Wie man als soziales Unternehmen Geld verdienen kann, erprobt das zehnköpfige Team von „Über den Tellerrand kochen“ seit rund zwei Jahren. Die 2013 gegründete Initiative wurde ebenfalls durch das Social Impact Lab gefördert und organisiert Kochkurse, in denen Flüchtlinge interessierten Einheimischen zeigen, wie man Gerichte aus ihrer Heimat zubereitet. „Wir haben uns für ein Hybridmodell aus wirtschaftlichem Betrieb und gemeinnützigem Verein entschieden“, sagt Mitgründerin Ninon Demuth, „alle Einnahmen werden an den Verein gespendet“.

45 Euro kostet ein Kurs pro Person, zehn Euro davon gehen an den Flüchtling, der Rest an die Initiative, die damit unter anderem drei Vollzeitstellen finanziert.

Die Gebühr habe bei anderen Vereinen für Kritik gesorgt. „Aber dadurch haben wir ganz andere Kunden gewonnen, als wenn der Kurs gratis wäre.“ Leute, die sonst mit Flüchtlingen nicht viel zu tun hätten. Weitere Einnahmen bringt der Verkauf eines Kochbuchs, das die Gründer mit Hilfe von Crowdfunding finanziert haben. Im Verein arbeiten 30 ehrenamtliche Helfer daran, ein über die Kurse hinausgehendes Freundschaftsnetzwerk zu schaffen. Inzwischen treffen sich regelmäßig 100 Menschen zum Tanzen oder Kino.

Bald, so hofft Demuth, werden auch die beiden Leiter des Vereins ein kleines Gehalt bekommen. Dank privater Spenden bekommt die Initiative zudem von der Technischen Universität Berlin ein 120 Quadratmeter großes Kochstudio in Schöneberg gebaut, das verschiedene Vereinsaktionen beherbergen soll.