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Weihnachtszeit: Adventsmarkt fürs kleine Budget

Lieber guter Weihnachtsmann: Auf dem sozialen Weihnachtsmarkt in Wedding kosten Geschenke und Süßigkeiten nur wenig Geld.

Lieber guter Weihnachtsmann: Auf dem sozialen Weihnachtsmarkt in Wedding kosten Geschenke und Süßigkeiten nur wenig Geld.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Es gibt für Silvia Schneider wirklich keinen Grund, auf einen der großen und immer vollen Weihnachtsmärkte in dieser Stadt zu gehen, sei es am Alexanderplatz, am Breitscheidplatz oder in Spandau. „Dort ist mir alles viel zu teuer“, sagt die 44-Jährige aus Wilmersdorf. Sie könne sich nicht mal einen Glühwein kaufen, nicht für 3,50 Euro. So viel Geld habe sie nicht. Silvia Schneider ist seit zwei Jahren erwerbsunfähig, sie bekommt Arbeitslosengeld II, sie ist arm.

Am Sonnabendnachmittag ist sie aber doch auf einen Weihnachtsmarkt gegangen, mit ihrer Mutter, ihrer Tochter und dem Enkelkind. Auf dem Nettelbeckplatz in Wedding hat sie Weihnachtsgeschenke eingekauft. Für zehn Euro.

Zahl der Bedürftigen wächst

Einmal im Jahr gibt es in Berlin diesen sozialen Weihnachtsmarkt. Dort können arme Menschen, die weniger als 900 Euro netto im Monat haben, preiswerte Geschenke kaufen. Die Verkäufer sind Langzeitarbeitslose, die in Werkstätten und Projekten der Beschäftigungsgesellschaft Goldnetz als Ein-Euro-Jobber angestellt sind. Auf Sozialmärkten verkaufen die Langzeitarbeitslosen ihre selbst gefertigten Waren an Bedürftige, einmal im Jahr auf einem sozialen Weihnachtsmarkt.

„Es kommen immer mehr arme Menschen zu uns“, sagt Ute Jaroß von Goldnetz. Bedürftige würden sich nicht mehr verstecken. „Die Angst vor Stigmatisierung hat abgenommen. Es ist in Berlin nicht mehr zu übersehen: Immer mehr Menschen sind arm.“ Rentner seien besonders betroffen.

Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass Berlin im Jahr 2012 die höchste Armutsgefährdungsquote seit fünf Jahren hatte. In der Hauptstadt war im vergangenen Jahr jeder Fünfte von Armut bedroht (21,2 Prozent), im Jahr 2006 waren es noch 17 Prozent. Armut beginnt in Deutschland bei einem Monatseinkommen von 869 Euro für einen Single.

Barbara Prenzlow hat sich im Laufe der Jahre eine eigene Kaufstrategie ausgedacht. „Viele Geschenke kann man schon im Sommer kaufen“, sagt die Frau, die im Rollstuhl sitzt. Vor allem in der Ferienzeit seien viele Waren billiger als kurz vor Weihnachten, sie lese Prospekte und schaue nach Schnäppchen und Aktionen. Einiges ersteigere sie im Internet, und manchmal würden Bekannte Sachen verschenken, die noch gut zu gebrauchen seien. Etwa 50 Euro werden Barbara Prenzlow und ihr Mann Harald in diesem Jahr für Geschenke ausgeben, die Enkel bekommen Spielzeug. „Wir Erwachsenen schenken uns nichts“, sagt sie. Andere Bedürftige erzählen, dass sie das ganze Jahr für Weihnachten sparen. Jeden Monat legen sie einige Euro zurück.

Ein Stück Stollen kostet 30 Cent

Auf dem Weihnachtsmarkt am Nettelbeckplatz wird am Sonnabend Baumschmuck verkauft. Es gibt Weihnachtssterne, Weihnachtsgebäck, Keramik, Holzspielzeug, Kleidung, Strickmützen und Schals, CD’s, Taschen aus Tetrapackungen. Die Berliner Tafel hat Lebensmittel gespendet. Ein Stück Stollen kostet 30 Cent, eine Bratwurst 50 Cent. Alkohol gibt es nicht.

Man hätte die Spenden auch verschenken können, sagt Ute Jaroß von Goldnetz. Doch ein Minimalpreis sei aus Gründen der Wertschätzung besser. Die Spenden sind eben keine Almosen, die man an Arme verteilt, vielmehr können sich Bedürftige etwas leisten. Und sei es nur eine Kleinigkeit.

Zuvor müssen sie ihre Bedürftigkeit nachweisen, mit dem Rentenbescheid, dem Berlin-Pass oder dem ALG-II-Bescheid. Der Markt hat eine eigene Währung. Ein Goldtaler ist 50 Cent wert, alle Waren kosten nur wenige Euro, das teuerste sind Fahrräder, zwischen 20 und 40 Euro kosten sie.

Silvia Schneider hat an diesem Nachmittag Geschenke für ihren Enkel gekauft, ein buntes Kissen und ein großes Bilderbuch. Das Geld hat gereicht. Kurz vor Weihnachten wird sie bei der Berliner Tafel noch Lebensmittel holen, sie muss dafür nichts bezahlen. Hat sie selbst gar keine Wünsche fürs Fest? „Gesundheit ist mir am wichtigsten“, sagt sie. Und Geschenke kriegen nur die Kinder.