E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Wettbewerb: Die Wahrheit im verbeulten Blech:" L'Enfant d'en haut" und Jayne Mansfield's Car

Billy Bob Thornton und John Hurt bei der Pressekonferenz zu "Jayne Mansfield's Car"

Billy Bob Thornton und John Hurt bei der Pressekonferenz zu "Jayne Mansfield's Car"

Foto:

Reuters

Die Wildnis ist überall. In ihrem ersten Spielfilm „Home“ fand die Schweizerin Ursula Meier sie am Rande einer neu gebauten Autobahn. Wie in einem Pionierwestern lebte da eine vierköpfige Familie in einem bedrohlichen Grenzland. Gemeinsam mit ihrer wichtigsten Mitarbeiterin, der bedeutenden Kamerafrau Agnès Godard, hat Ursula Meier die verbaute Schweizer Natur jetzt noch tiefer ergründet. Und zur Kulisse gemacht für einen weiteren verstörenden Film über die Bedrohtheit der Familie.

„L’Enfant d’en haut“ spielt in einem Ski-Gebiet, und das zwölfjährige „Kind von oben“ lebt halb verwildert inmitten der Touristen. Ohne elterliche Fürsorge schlägt sich der Junge durch mit Beutezügen, seine Spezialität sind teure Skier. Eine junge Frau, die sich seine Schwester nennt, duldet ihn in ihrer kleinen Wohnung, aber bald wird klar, dass hier das Kind für die Fürsorge der Erwachsenen zuständig ist. Immer wieder muss der Junge die verwahrloste junge Frau irgendwo auflesen und einmal – in einer Szene von unvergesslicher Melancholie – bezahlt er sie sogar dafür, dass er sich an sie kuscheln darf.

Emotionale Fehlstellen

Man könnte sich diese Geschichte in den staubigen Straßen des italienischen Neorealismus vorstellen oder in den Slums einer heutigen Megacity. Doch die wirtschaftliche Not interessiert hier nur am Rande. Ursula Meier geht es um die emotionalen Fehlstellen, die sie wie eine bildende Künstlerin visuell erfahrbar macht. Indem sie eine nicht mehr hinterfragte ästhetische Ordnung umkehrt – hier ist es die wohlorganisierte Welt des alpinen Freizeitsports – macht sie etwas Unsichtbares sichtbar: die menschliche Mitte, den emotionalen Kern jeder Zivilisation.

#Umbr
Wie gemütlich haben es sich dagegen in Billy Bob Thorntons Regiearbeit scheinbar ein autoritärer Vater und seine drei erwachsenen Söhne in den chromglänzenden Segnungen der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft gemacht. Selbst als „Jayne Mansfield’s Car“, so der Titel, zur Besichtigung ins Südstaatennest gefahren wird, will der von Robert Duvall gespielte Patriarch nicht sehen, welch Zerrspiegel im zerbeulten Blech verborgen liegt. Den Wagen, in dem der üppige Star sein Leben lassen musste, kann man für Geld besichtigen wie einst die aufgebahrte Leiche des Revolverhelden Jesse James. Tatsächlich werden in der Spielzeit 1969 staatstragende Werte gleich mit begraben.

Hinreißend komische Wendungen

Aber Thorntons wunderbares Drehbuch erzählt nicht noch einmal die euphorische Geschichte vom Hippie-Aufbruch. Stattdessen bricht der Film eine Lanze für die Generation der Väter der Hippies und zeigt das unartikulierte Leid der traumatisierten Kriegsveteranen. Die Beerdigung ihrer aus England überführten Mutter, die die Familie vor Jahrzehnten verließ, ist Anlass für chaotische Aufarbeitungsversuche. Thornton selbst spielt die zentrale Figur eines arbeitsunfähigen Kriegsverletzten, über die Traumata seines fast apathischen Bruders (Kevin Bacon) wird kaum gesprochen. Doch zwei depressive Männer machen in Thorntons wunderbarer Inszenierung noch lang keinen deprimierenden Film.

„Jayne Mansfield’s Car“ hat einerseits die emotionale Tragweite eines Vincente-Minnelli-Melodrams („Verdammt sind sie alle“). Andererseits auch hinreißend komische Wendungen, wie sie wohl auf das Temperament des bislang unterschätzten Regisseurs schließen lassen. Thornton hat seinem pazifistischen Drama eine vollendete Balance aus Trauer und Vergnügen eingeschrieben. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber warum nicht diese Berlinale? Schon reicht der Wettbewerb aus für eine ganze Preisverleihung.

L’Enfant d’en haut 14.2.: 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast + 18.30 Uhr, Haus der Festspiele; 18.2.: 11 Uhr, H.d.Festspiele
Jayne Mansfield’s Car: 14.2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 15.2.: 21.30 Uhr, Haus der Festspiele; 19.2.: 12.15 Uhr, Friedrichstadt-Palast